Totalitarismus der Dekadenz
Zedaka. Judentum ist Sozialismus. Unideologischer Sozialismus. Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Judentum war einst. Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Entsolidarisierung sind heute. Auch die jüdische Gemeinschaft hat sich längst im Angesicht des Kapitals von sich entfremdet und von ihren Kernidealen verabschiedet.
Das goldene Kalb. Die ach so viel geschmähte Assimilation hat nicht dort stattgefunden, wo Rabbiner, Lehrer, Funktionäre und fundamentalistische Angstmacher sie seit Jahrzehnten vermuteten. Jüdinnen und Juden haben nicht das Judentum verloren. Juden haben sich nicht verloren in den Wirren wandelnder Gesellschaften. Nicht die säkularen, a-religiösen, nicht die liberalen oder progressiven, die tradi¬tionellen oder ungläubigen Juden gefährden die Kontinuität jüdischen Denkens, Lebens, Handelns und authentischer Lehre. Die Assimila¬tion hat dort stattgefunden, wo eine andere Kultur, eine unterschied¬liche Perspektive und Erfahrung die Gleichheit der Aktionen, des Verhaltens, des Agierens bewirkte. Die Gleichheit mit allen anderen, die Assimilation an den radikalen Kapitalismus, vor dem das richtige Judentum geschützt hätte. Madoff wäre nicht möglich gewesen, hätten nicht Hunderte vermeintlicher Würdenträger jüdischer Organisationen grosse und kleine Madoffs und die grösste Vernichtung jüdischen Kapitals oft im Namen der Religion möglich gemacht.
Das Brot der Armen. Nach den sieben fetten kommen die sieben mageren Jahre. Doch die aktuelle Wirtschaftskrise ist mehr als zyklische Logik. Die Diktatur des Wachstums hat einen Totalitarismus versagender Wirtschafts- und politischer Eliten entlarvt. Herren mit Massanzügen und Manschettenknöpfen, Fürsten, die die Welt und noch mehr zu regieren glaubten. Selbstgerechte bonusfetischistische Karikaturen, die kein Rechtssystem greifen kann, die Herren des Unrechts, die nun angekrochen kommen und Billiarden für den geordneten Zusammenbruch eines Wirtschaftssystems verlangen, damit nicht Anarchie ausbricht. Der Tsunami überschuldeter Gesellschaften wird in den nächsten Wochen und Monaten mit verheerenden Folgen über die Welt fegen und eine Schneise der Zerstörung und des menschlichen Leids hinterlassen: Geldentwertung, Arbeitslosigkeit, soziale Spannungen. Das Brot der Armen wird mit diesem Seder eine ganz neue Bedeutung erhalten und die soziale Verantwortung aller steigen. Der Auszug aus Ägypten führte direkt zum goldenen Kalb, zur Lobpreisung der falschen Werte. Symbolisch für den Auszug der Juden aus dem Judentum hin zur entfesselten Versklavung, ebenso unaufhaltsam wie jener der Gesamtgesellschaft.
Pessachmythos. Pessach ist jetzt. Pessach ist der Weg in die Frei- und nicht in eine selbstverschuldete Unfreiheit. Es nützt nichts, den Auszug aus Ägypten zu zelebrieren, wenn das, was dort zur Versklavung geführt hat, für die Gegenwart nicht erkannt wird. Neoliberalismus, Wirtschaftsglobalisierung, die Gier aller, angetrieben von exzessiven Managern waren der Prolog für das einstürzende Kartenhaus. Wenn der Epilog in Frieden und nicht in der Apokalypse münden soll, dann muss radikale Rückbesinnung auf jüdische Werte – die längst eingegangen sind in den Kanon universeller Ethik – Präambel jeglichen Handelns werden, sonst werden auch Juden den tödlichen Wein anstatt des gepredigten Wassers nach dem Seder weitertrinken.


