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8. April 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 15 Ausgabe: Nr. 15 » April 8, 2009

Netanyahus nicht gehaltene Rede

April 8, 2009
Ari Shavit zur Lage in Israel

Ein wenig getrübt war die beachtliche Vereidigungszeremonie der
32. israelischen Regierung in der Knesset. Der designierte Premierminister Binyamin Netanyahu, dessen Büro offenbar noch nicht aufgeräumt war, begab sich mit dem falschen Manuskript in der Hand ans Rednerpult. Die inspirierenden Bemerkungen, mit welchen Ne-tanyahu sich neu definieren wollte, waren, so machte es den Anschein, in seiner Wohnung in Cäsarea vergessen worden. Stattdessen war er gezwungen, einen schweren, langweiligen Text zu verlesen, der sogar ihn selber erschöpfte.



Glücklicherweise ist der Text, den der Premierminister ursprünglich in der Knesset halten wollte, nicht verloren gegangen. Es folgen hier einige Auszüge:

«Bürger Israels, ich stehe mit einem Gefühl der Demut vor euch. Vor 13 Jahren habt ihr mir das Vertrauen ausgesprochen, und ich habe euch enttäuscht. In den letzten Jahren habe ich die Lektionen aus diesem Fiasko gezogen. Ich habe begriffen, dass mein Hauptfehler in meiner ersten Kadenz die Tatsache war, dass sich die Nation wegen mir spaltete und zerstritt. Dieses Mal bin ich also gekommen, um zu vereinen, nicht zu trennen. Um zu reparieren und zu heilen und nicht, um Keile zwischen die Menschen zu treiben. Ich werde genau so der Premierminister all jener sein, die gegen mich gestimmt haben, wie all jener, die für mich waren. Ich habe ein offenes Ohr für die Meinungen und Bedenken meiner Rivalen. Ich reiche ihnen meine Hand.»

«Wir sind alle, so denke ich, im letzten Jahrzehnt reifer geworden. Wir alle haben begriffen, dass wir teilweise Recht hatten, in anderen Belangen aber irrten. Im Glauben, dass wir alle das gleiche Schicksal und die gleichen Bestimmung teilen, werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um die Differenzen zwischen uns zu überbrücken.»

«Heute Abend möchte ich nicht von Bedrohungen sprechen. Die Herausforderungen sind bekannt – das iranische Atomprogramm, der radikale Islamismus, die Wirtschaftskrise. Was wir an diesem Punkt aber brauchen, ist nicht nur ein Verständnis für die Gefahr, sondern eine gestärkte Hoffnung. Ich habe Hoffnung. Ich bin voller Hoffnung. Ich glaube an die in der israelischen Gesellschaft verborgenen Kräfte. Ich glaube an die Stärken der israelischen Wirtschaft. Ich glaube an unsere Wissenschaft, Kultur und Technologie. Ich bin überzeugt davon, dass Israel ein freies Land mit einer einzigartigen Vitalität ist, das stark genug ist, um all jene abzuweisen, die es zerstören wollen. Meine Regierung wird eine Regierung der Hoffnung sein.»

«Friede. Sieben israelische Premierminister haben an den Frieden
geglaubt und versucht, ihn zu verwirklichen. Itzhak Rabin und Ehud Barak waren die tapfersten, doch einzig Menachem Begin hatte Erfolg. Ein verantwortungsbewusster Anführer kann den Erfolg nicht versprechen. Ich verpflichte mich aber, seriöse und gründliche Verhandlungen mit Syrien, der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Arabischen Liga zu führen.»

«Ich werde die arabische Initiative nicht einfach akzeptieren, sondern werde ihr eine israelische Initiative entgegensetzen. Ich werde die «Road Map» auf dem Weg zum Frieden nicht ausschliessen, werde aber einen neuen Weg zum Frieden vorschlagen. Ich glaube, dass nur ein anderer, mutiger und nüchterner Zugang die grosse Herausforderung des Friedens in dieser schwierigen Gegend sichern kann.»

«Erziehung. Ariel Sharons wichtigste Initiative als Premierminister war nicht die Räumung des Gazastreifens, sondern die Bildungsrevolution. Ich werde diese Revolution verwirklichen. Ich werde drastische Schritte einleiten, um das angeschlagene Bildungssystem in Israel in ein hochmodernes zu verwandeln.»

Die Rede, die Netanyahu in Caesarea vergass, enthielt auch eine Passage, in der er für das Rechtswesen und für einequalitative Führungsschicht bürgt. Ein besonders wichtiger Aspekt der nicht gehaltenen Rede war aber ihr Obama-Geist: Die Kombination der Verpflichtung zum Wandel und ein Versuch der Versöhnung; der Vorschlag einer nicht von der Wirklichkeit abgenabelten Vision. Das emotionale Durchbrechen der Wände der Feindseligkeit.

Netanyahu machte in seinem ersten Moment als Premierminister einen Fehler. Indem er nicht eine von Obama inspirierte Rede hielt und eine neue Ära eröffnete, verpasste er eine günstige Gelegenheit. Das eigentliche Problem liegt aber nicht bei der Rede, sondern beim Redner.

Netanyahu ist einer der einsamsten Führer auf der Welt. Er agiert intern wie extern in einer feindseligen Umgebung. Weder hat er bis jetzt einen einzigen Tag des Wohlwollens erhalten, noch wird er einen solchen erhalten.

Sein Statement muss daher laut und klar sein. Um sich mit dem zu befassen, was ihm gegenübersteht, muss der neue Premier ein
neues Statement machen, einen neuen Weg vorschlagen und einen neuen Geist ausstrahlen. Binyamin Netanyahu muss sich positionieren, und das möglichst rasch.     

Ari Shavit ist politischer Kommentator bei «Haaretz».



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