Jüdische Delegationen in Genf – ein Augenschein vor Ort
Auffallend an der Position jüdischer Gruppierungen, die in Genf an der Folgekonferenz der Weltkonferenz gegen Rassismus von Durban teilnehmen, ist ihre einheitliche Position. Beinahe uniform wird die DDPA, die «Durban Declaration and Programme of Action» verurteilt, die den Nahostkonflikt als einzigen bewaffneten Konflikt explizit – wenn auch auf durchaus objektive Weise – erwähnt. Selbst das unter der Leitung des russischen Diplomaten Boychenko bislang verhandelte Dokument wird als inakzeptabel angesehen, zumal es das Schlussdokument von 2001 zu Beginn bekräftigt.
Der Auftritt des iranischen Präsidenten, der in einer wahrlich stossenden Rede dazu aufrief, den zionistischen Staat zu «entwurzeln», und dabei von – offenbar eigens dafür erschienenen Zuschauern – frenetisch beklatscht wurde, überrascht deswegen die jüdischen Organisationen von der European Union of Jewish Students (EUJS) über die Jewish Human Rights Coalition bis zu «Stand with us» kaum jemanden. Die Aktion der Organisation französischer Studenten, die Rede des Präsidenten mit als Clowns verkleideten Studenten mit lauten «Raciste»-Rufen zu stören, sollte darauf hinweisen, dass Durban II «ein Zirkus» sei, in dem man sich folglich auch als Clown verkleiden dürfe. Konkret befürchtet die Europäische Union Jüdischer Studenten, die mit einem Kontingent von über 100 Delegierten angereist ist, dass durch die – von ihnen gefühlte Verurteilung – Israels im Jahre 2001, die dieses Jahr wieder bestätigt werden soll, der Antisemitismus Auftrieb erhalte.
Aufgrund der Zwischenrufe im Plenarsaal und der darauf folgenden Demonstration zahlreicher jüdischer Persönlichkeiten wurde allen Studenten der EUJS temporär die Akkreditierung entzogen, was dazu führte, dass sie einen halben Tag lang von allen Veranstaltungen ferngehalten wurden. Eine Entscheidung, die einigen von ihnen wegen der vermeintlichen Pauschalität sauer aufstösst. «Ich las lauthals aus der Uno-Deklaration der Menschenrechte vor», ereifert sich etwa ein israelischer Student, «und ein Sicherheitsbeamter rief mir zu, dass ich die Regeln der Uno missachte, während Ahmadinejad zum Sprechen eingeladen wird. Das ist einfach nur ironisch.» Die Studenten, aber auch viele der jüdischen Organisationen, seien nach Genf gekommen, um ein wachsames Auge auf die ganze suspekte Veranstaltung zu richten – sie hätten aber, von der Rede abgesehen, in den vielen parallel laufenden Veranstaltungen nichts Anstössiges entdecken könnte.
In einer vom Touro Institute on Human Rights and the Holocaust organisierten Vortragsreihe fanden die Redner – unter ihnen Elie Wiesel, Nathan Sharansky und Alan Dershowitz – allerdings äusserst harte Worte für die Konferenz. Der bekannte Anwalt und Rechtsprofessor Dershowitz verglich die Durban-Konferenz von 2001 gar mit dem Reichsparteitag in Nürnberg, «Vielleicht ist in Nürnberg auch mal kurz eine gute Eigenschaft der Juden erwähnt worden», donnerte der Gelehrte vom Podium, um den potentiellen Befürwortern gleich im Voraus den Wind aus den Segeln zu nehmen. Tatsache sei nun mal, dass Martin Luther King an der Konferenz weniger willkommen wäre als der iranische Präsident.
Übergriffe auf die jüdischen Delegierten, zu denen auch Vertreter des World Jewish Congress gehören, waren bislang nicht zu verzeichnen, was vielleicht der Tatsache zu verdanken ist, dass auch die Präsenz der Sicherheitskräfte bei Veranstaltungen, die von jüdischen Organisationen geleitet werden, auffällig ist.


