Gedenken auf der Kegelbahn
Manchmal liegt das Offensichtliche vor aller Augen. Inmitten der Altstadt von Erfurt befand sich über Jahrhunderte unbemerkt eines der ältesten Synagogengebäude Europas. Das Bauwerk stammt – wie Holzproben ergaben – aus der Zeit um das Jahr 1100. Dass es sich einst um ein jüdisches Gotteshaus handelte, war niemandem bewusst. Über Jahrhunderte hinweg war es als Lagerhalle genutzt worden. Im 19. Jahrhundert dann richtete sich ein Kaffeehaus in dem hellen Steingebäude ein, später ein Restaurant mit Kegelbahn. Erst bei der Restaurierung des im Zweiten Weltkrieg kaum zerstörten historischen Kerns der thüringischen Landeshauptstadt fiel der Schatz inmitten des Ortes auf. Die Bedeutung des Fundes für Erfurt sei «immens», stellte der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Wolfgang Nossen, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur fest.
Nossens Urteil hängt auch mit der Geschichte des vergessenen Hauses zusammen. Am 21. März 1349 – vor 660 Jahren also – war die damals florierende jüdische Gemeinde Erfurts einem Pogrom zum Opfer gefallen. Anlass war eine in diesem Jahr wütende Pestepidemie. Wie in vielen anderen Orten Europas wurde die Ausbreitung der hoch ansteckenden bakteriellen Erkrankung den in der Stadt lebenden Juden angelastet. Sie, so hiess es, hätten die Brunnen vergiftet. Am Abend jenes Tages überfiel der Mob das jüdische Viertel und tötete rund 100 Bewohner. Andere begingen aus Panik Selbstmord. Historiker gehen von bis zu 900 Opfern der Gewaltorgie aus. Unter ihnen befand sich der damals bekannte Rabbi Alexander Süsskind Hakohen, Verfasser des Werks «Sefer haaguda» über religiöse Riten und Verhaltensregeln.
Mit der Wiederentdeckung gut sechseinhalb Jahrhunderte später, sagt Nossen, «stehen wir am Anfang der umfassenden Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in der Landeshauptstadt». Am vergangenen 22. März gedachte die heutige jüdische Gemeinde zusammen mit Gästen der Opfer des Pogroms. Zum ersten Mal wurde dabei auch wieder ein Gottesdienst gefeiert.
Unkonventionelle Tricks
Nachdem Stadthistoriker vor rund 15 Jahren auf die alte Synagoge aufmerksam
geworden waren, war das Gebäude mit Bundes- und Landesmitteln aufwendig restauriert worden. Knapp 1,5 Millionen Euro hat der Wiederaufbau des stark mitgenommenen Gebäudes gekostet, das von Anfang an zu einem Museum und Kulturzentrum ausgebaut werden sollte. Die Restauratoren standen dabei vor einer komplizierten Aufgabe, denn von der ursprünglichen Bestimmung zeugte nur noch wenig. «Der Thoraschrein wurde bei einem Wanddurchbruch der Wand zerstört», schrieb die dpa-Korrespondentin Antje Lauschner, die Mitte März als eine der wenigen Pressevertreter über die Erfurter Synagoge berichtete. Lediglich die Reste des Gesimses der einstigen Leuchter seien noch erkennbar. Bei der Konzeption des Museums, das im Oktober dieses Jahres geöffnet werden soll, galt es, eine Gratwanderung zu bestehen: Auf der einen Seite soll die unterschiedliche, zum Teil profane Nutzung des Gebäudes – darunter eine Kegelbahn – dokumentiert werden. Auf der anderen Seite soll den Besuchern vermittelt werden, wie das ursprüngliche Gebäude aussah. Die Planer bedienen sich dabei mitunter unkonventioneller Tricks: Mit einer Lichtsimulation wird den Gästen die ursprüngliche Raumhöhe nahegebracht. Denn im 19. Jahrhundert ist in den Hallenbau ein hölzernes Zwischengeschoss eingezogen worden.
Rund 800 000 Euro wurden in Entwicklung und Realisierung des künftigen Museums investiert. Im Kellergewölbe aus dem 14. Jahrhundert wird ab Spätherbst dieses Jahres dann auch der sogenannte Erfurter Schatz ausgestellt. Die Glanzstücke jüdischer Kultur waren 1998 bei Grabungen in der Nähe eines ebenfalls historischen Gebäudes entdeckt worden. Schmuckstücke, Becher, Silberbarren und Kelche gehörten offenbar einem jüdischen Händler, der dem Übergriff 1349 zum Opfer gefallen war. Die Fundstücke sind nicht nur kostbar, sie belegen vor allem auch die weitreichenden Handelsbeziehungen, die ihr einstiger Besitzer pflegte. Zuletzt war der Sensationsfund in New York zu sehen. Nach einer Folgeausstellung in London wird er dauerhaft in Erfurt ausgestellt werden. Hinzu kommt eine Präsentation von Handschriften aus dem 11. bis 14. Jahrhundert, darunter der älteste erhaltene «Judeneid» («More Judaico») in deutscher Sprache. «Das Exponat Nummer eins», sagt die Leiterin der Alten Synagoge, Ines Beese, «ist aber das Denkmal selbst».
In Deutschland verwurzelt
Nach dem Gottesdienst Mitte März erinnerte der Historiker Michael Wolffsohn an die Bedeutung des Gedenkens. In seiner Rede «Deutschlands Juden – von der Antike in die Zukunft» bezeichnete der in München lehrende Wissenschaftler auch das Pogrom vor 660 Jahren als Teil der abendländischen Geschichte. Die deutschen Juden hätten aus dieser Vergangenheit gelernt. Nach der Verfolgung im Mittelalter habe es besonders im 18. und 19. Jahrhundert Versuche der Assimilierung gegeben. Dann folgten Hitler-
Faschismus und Holocaust. Heute sei das Credo: «Wir sind hier verwurzelt, aber wir sind Juden. Wir sind Deutsche, aber wir sind weltoffen.»
www.alte-synagoge.erfurt.de


