logo
8. April 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 15 Ausgabe: Nr. 15 » April 8, 2009

Die vergessenen Rechercheure

April 8, 2009
Roy Oppenheim über den Fall Paul Grüninger

Tatsächlich liest sich nicht nur das von Gisela Blau besprochene Buch (vgl. tachles 14/09. «Gerechtigkeit für Paul Grüninger. Verurteilungen und Rehabilitierung eines Schweizer Fluchthelfers») wie ein Thriller. Auch die Geschichte dieser Geschichte ist ein Krimi. Heutzutage scheint kaum jemand noch zu wissen, wer denn einst diesen helvetischen Skandal in die breite Öffentlichkeit und damit die mühsame Aufarbeitung ins Rollen brachte. Für einmal war es weder das Radio (wie man aufgrund des Artikels glauben könnte) noch die Print-Presse, welche sich dieses Falles annahm. Nein: Es war das Fernsehen der deutschen und der rätoromanischen Schweiz (wie es damals noch hiess).

1970 wurde der monumentale Bonjour-Bericht, die «Geschichte der schweizerischen Neutralität», veröffentlicht. Durch diesen historischen Bericht kamen erstmals grundlegende Fragen an die Oberfläche, welche das Verhalten der offiziellen Schweiz in den Jahren zwischen 1933 und 1945 betrafen. Ich war damals Leiter des Ressorts Kultur am Fernsehen DRS. Der Bonjour-Bericht elektrisierte mich und wurde zum Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Fernsehsendungen Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre. Dazu gehörte die epochale Reihe «Die Schweiz im Krieg» von Werner Rings, eine einzigartige authentische Dokumentation über die Vorkriegs- und Kriegsjahre der Schweiz. Es entstanden aber auch zahlreiche Einzelsendungen – etwa über die mutigen Leistungen der Flüchtlingsmutter Gertrud Kurz, über den Schweizer Diplomaten C. J. Burckhardt, über den hoch verdienten Diplomaten und Humanisten Carl Lutz, der vielen Budapester Juden das Leben rettete, über das tragische Ende des in die Schweiz geflüchteten jüdischen Sängers Joseph Schmidt («Ein Lied geht um die Welt»). Auch die Geschichte des J-Stempels wurde damals erstmals am Bildschirm dokumentiert.



In diesem Kontext entstand 1970 die Idee, den bislang unbekannten Fall des St. Galler Polizeihauptmanns Paul Grüninger ans Licht zu bringen. Die ersten Informationen zu diesem bis dahin verschwiegenen Fall stammten von Eduard Stäuble, dem damaligen Abteilungsleiter Kultur und Gesellschaft am Fernsehen DRS. Stäuble – er ist vor wenigen Tagen verstorben – war in St. Gallen aufgewachsen und hatte die Kriegszeit als Gymnasiast und damit die Geschichte Grüninger aus nächster Nähe miterlebt. Noch erinnere ich mich an den Tag, als uns Kollege Stäuble – es muss im Herbst 1970 gewesen sein – die unglaubliche Geschichte über das tragische Schicksal Grüningers erzählte. Ich nahm mich unverzüglich dieses spannenden Falles an. Damals lebte der ehemalige Hauptmann Paul Grüninger noch; allerdings in ärmlichen Verhältnissen, verfolgt und verfemt. Ich beauftragte den erfahrenen Fernsehjournalisten Felice Vitali mit ersten Recherchen. Es gelang uns trotz aller nur erdenklichen Schwierigkeiten, Paul Grüninger vor laufender Fernsehkamera zu interviewen; es sollte das einzige Fernsehinterview bleiben, das Grüninger machen durfte (Grüninger starb 1972).

Der damalige Fernsehdirektor Guido Frei erinnert sich in seinen Memoiren wie folgt: «Der wohl spektakulärste Beitrag in dieser historischen Reihe war die längst überfällig gewordene Rehabilitierung des Sanktgallischen Polizeikommandanten Paul Grüninger im Film ‹Hauptmann Grüninger› (1971), der anhand von Gerichtsakten, Zeitdokumenten und nachgespielten Szenen den bewundernswerten Alleingang dieses mutigen Polizeifunktionärs darstellt.» Der Film legte einen der beschämendsten Vorfälle behördlichen Verfahrens während des Krieges dar: absurde Anklagepunkte angesichts eines Vorgehens, das rund 3000 Juden das Leben vor der Naziverfolgung rettete, und aufgrund des Schuldurteils eine ruinierte Existenz. Und das Schlimmste: der Mantel des Schweigens, der über die Sache gelegt wurde.

Vitali (der den Film realisierte) schreibt in seinem Erinnerungsbuch: «Dass die St. Galler Regierung den ‹Fall Grüninger› für inopportun betrachtete, bekamen auch wir Filmer zu spüren. Mit allen Mitteln versuchte man, unseren Dokumentarbericht aus dem Programm zu drängen. Ich darf gar nicht sagen, wer alles nach Comano [dem Tessiner Heim Vitalis, Anm. d. Autors] telefonierte, um mich vom Filmvorhaben abzubringen. Das Telefon läutete auch bei der SRG. Generaldirektor Marcel Bezençon forderte das Drehbuch. Sein Entschluss kurz und bündig: ‹II n’y a pas de problèmes – continuez, weitermachen›.»

Die ganze Fernsehhierarchie wurde unter Druck gesetzt. Man versuchte mit allen Mitteln, die Wahrheitsfindung zu verhindern. Ein geharnischter Brief des Regierungsrates St. Gallen traf Anfang 1971 bei mir ein, in welchem mir geraten wurde, den Fall Grüninger zu «schubladisieren». Später besuchten mich drei Regierungsräte aus St. Gallen, die mir vieldeutig erklärten, ich solle die Finger von Grüninger lassen, denn «Grüninger habe etwas auf dem Kerbholz». Doch gemeinsam blieben wir – Guido Frei, Eduard Stäuble, Felice Vitali und ich – standhaft und so kam schliesslich der Film zustande. Es war der Beginn einer langen Geschichte, die bis in die Gegenwart andauert.

Es scheint mir wichtig und wesentlich, dass man trotz aller der sehr viel später entstandenen Publikationen und Radiosendungen die «Historiker» der ersten Stunde nicht vergisst; ansonsten müsste man eines Tages nicht nur den Polizeihauptmann Grüninger, sondern auch die damaligen Fernsehmacher rehabilitieren.     

Roy Oppenheim war von 1988 bis 1992 Direktor von Schweizer Radio International und von 1992 bis 1993 Direktor von Fernsehen S Plus, anschliessend Direktor Kommunikation-Marketing SRG.



» zurück zur Auswahl