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8. April 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 15 Ausgabe: Nr. 15 » April 8, 2009

Die Vergangenheit als Zukunftsvision

von Sonja Galler, April 8, 2009
Die Islamwissenschaftlerin Sabine Schmidtke untersucht interreligiöse Symbiosen des Mittelalters.
VEREINT DURCH DIE ARABISCHE SPRACHE Ein Fragment aus einer jüdischen Widerlegung von Samawal al-Maghribis «Ifham al-yahud», einem polemischen Traktat gegen das Judentum

Tag für Tag füllen Schlagzeilen aus der Konfliktzone Nahost die Zeitungen. Sie berichten von einer zersplitterten Region und einer schwierigen bis unmöglichen Verständigung zwischen den einzelnen Volks- und Religionsgruppen. Eine Lösung scheint auf Übermorgen verschoben. Um diesen Bildern und Hiobsbotschaften etwas entgegenzusetzen, aber auch um wichtige Denkanstösse für gesellschaftliche Alternativen zu bieten, kann die Rückbesinnung auf Phasen geistiger Symbiose und intellektueller Offenheit in der Region wichtig sein. Auf Phasen, in denen ein weitgehend friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen möglich war.
Ein von Sabine Schmidtke, Professorin am Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin, lanciertes Forschungsvorhaben stellt nun ein historisches Phänomen in den Mittelpunkt, das Zentren der islamischen Welt in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt: Es besinnt sich auf ein kulturelles Erbe des Islam, dessen Stärkung – so die Hoffnung der Initiantin – in der Region friedensstiftend wirken könnte.

Islamisch-jüdische Symbiosen

Das mit einem Förderpreis von 1,8 Millionen Euro vom Europäischen Forschungsrat ausgezeichnete Projekt Rediscovering Theological Rationalism in the Medieval World of Islam richtet die Aufmerksamkeit auf jene intellektuelle Strömung innerhalb des mittelalterlichen Islam, an der neben Muslimen auch Juden und Christen aktiv partizipierten. Einen zentralen Aspekt der Forschungsarbeit, die in Berlin ab Sommer 2009 aufgenommen werden soll, wird die Mutazila bilden, eine frühe islamisch-rationalistische Schule des 8. Jahrhunderts. Bis heute ist ihr Einfluss im schiitischen Islam nachweisbar, und sie dient Reformern innerhalb des islamischen Diskurses bereits als wichtige Quelle und Grundlage für Neuansätze.
In ihren historischen Anfängen beeinflusste die Mutazila, die das Primat der Vernunft betonte und eine eigene Erkenntnistheorie entwickelte, jedoch nicht nur die muslimische Welt. Sie hatte auch Einfluss auf jüdische und christliche Gelehrte, die damals in Städten wie Bagdad, Damaskus oder Basra prominent vertreten waren. Verbunden durch die arabische Sprache, teilten Muslime, Christen und Juden jener Zeit «ganz selbstverständlich einen ähnlichen kulturellen Hintergrund», so Schmidtke. Dieser machte es möglich, dass unter Gelehrten unterschiedlicher Glaubensrichtungen ein reger Austausch an Ideen und  Texten entstand, der von Schmidtke als «geistige Symbiose» bezeichnet wird: Sie konstatiert einen gemeinsamen Kanon an theologischen, philosophischen und wissenschaftlichen Schriften, den man rezipierte und gemeinsam fortschrieb.
Insbesondere das Judentum zeigte sich dabei empfänglich für die rationalistische Terminologie und für die Methodik. Ihr Einfluss lässt sich bis weit in die jüdischen Zentren des Ostens nachweisen. Als Beleg dienen etwa Werke jüdischer Gelehrter in rationalistischem Geiste sowie die Transkription islamisch-rationalistischer Werke in hebräischer Schrift. Zum Teil waren islamische und jüdische Gelehrte einander auch persönlich verbunden. Weil in der wesentlichen Frage nach der göttlichen Einheit zwischen Islam und Judentum Einigkeit herrschte, sei «die Übernahme der einen oder anderen Position mitsamt der damit verbundenen Argumentationsstruktur nicht so problematisch» gewesen, so Schmidtke.
Auch in umgekehrter Richtung habe ein Austausch von Ideen stattgefunden, wenn auch weniger rege. Ein prominentes Beispiel dafür ist der jüdische Philosoph Ibn Kammuna, der im 13. Jahrhundert in Bagdad lebte und dessen Schriften die Entwicklung der muslimischen Philosophie im Osten über Jahrhunderte massgeblich geprägt haben. Aber auch christliche Gelehrte setzten sich, wenn auch weniger prominent, mit den jüdischen und muslimischen Texten auseinander.

Intellektueller Whirlpool

Es sei ihr wichtig aufzuzeigen, dass es sich bei diesen intellektuellen Wechselbeziehungen keinesfalls um elitäre und isolierte Phänomene gehandelt hat, sagt Schmidtke. Vor allem das für lange Zeit islamisch beherrschte Al Andaluz sei ein Begriff für eine jüdisch-muslimische Symbiose. Dass es darüber hinaus zahlreiche entsprechende Beispiele gebe, sei den Religionswissenschaften lange Zeit entgangen, «weil wir im disziplinenorientierten Forschen dafür oft keinen Blick haben».
Dennoch warnt Schmidtke davor, das islamische Mittelalter als eine tolerante und pluralistische Gesellschaft zu verklären: «Die Grenzen waren klar abgesteckt, jede Religion vertrat sehr selbstbewusst den eigenen ausschliesslichen Wahrheitsanspruch. ‹Toleranz› gab es in gewissem Masse innerhalb klar definierter sozialer Regelwerke, aber eben nicht im modernen Sinne von Gleichheit. Die Vorstellung von grundsätzlicher Gleichheit in sozialer Hinsicht wie auch mit Blick auf Wahrheitsanspruch ist kein Charakteristikum der mittelalterlichen geistigen Symbiose.»
Doch nicht nur die Übernahme von Ideen und Argumentationsstrukturen, sondern auch die Energie, mit der versucht wurde, christliche und jüdische Überlegungen zu widerlegen, sind für Schmidtke Indikatoren für eine engagierte Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. In der Forschung werden diese intellektuellen Austauschprozesse und Auseinandersetzungen über die konfessionellen Grenzen hinweg gerne als «Whirlpool»-Effekt bezeichnet.

Akademische Vorurteilslosigkeit

Um ihnen gerecht zu werden, hat Schmidtke eine interdisziplinäre Forschungsgemeinschaft aufgestellt, in der «die Grenzen religiöser Denominationen», aber auch politische Grenzen bewusst überschritten werden. Ab Sommer 2009 werden Islamwissenschaftler, Judaisten und Kirchenhistoriker aus der muslimischen Welt, aus Israel, Westeuropa und den USA zusammenarbeiten. Sie werden bislang unerschlossenes und schwer zugängliches Handschriftenmaterial zu den rationalistischen Strömungen des Islam aufarbeiten. Schmidtke, die bereits Erfahrungen in der interkulturellen und interreligiösen Zusammenarbeit hat, ist optimistisch: «Trotz aller politischen und anderen Grenzen ist der Respekt für solide wissenschaftliche Arbeit und für das gemeinsame intellektuelle Erbe unter Wissenschaftlern nach meiner Erfahrung sehr gross.»
Das Arbeiten und Forschen über Ländergrenzen hinweg, wie es der Forschungsgegenstand verlangt, ist nicht nur Kern des entstandenen Forschungskollegs, sondern auch von Schmidtkes Arbeitsweise selbst. Die Quellen, mit denen sie arbeitet, liegen in jemenitischen Bibliotheken und privaten Sammlungen, in der Russischen Nationalbibliothek St. Petersburg, stammen aber auch aus der berühmtem Alt-Kairoer Genisa, jenem synagogalen Stauraum mit Texten aus dem 9. Bis 19. Jahrhundert, dessen Bergung schon manche Sensation hervorgebracht hat.
Auch Schmidtkes Lebenslauf zeugt von akademischer Vorurteilslosigkeit: Die 44-jährige Deutsche studierte zunächst in Jerusalem und London Islamwissenschaften, promovierte in Oxford und arbeite einige Jahre für das Auswärtige Amt, ehe sie sich wieder für die Universität entschied. Derzeit weilt sie für einen Forschungsaufenthalt in Princeton. Als Wissenschaftlerin unterhält sie heute mit Israel und der muslimischen Welt gleichermassen Kontakte. Wichtige Partner ihrer Arbeit sitzen im Jemen, in Oman, aber auch in Iran und Pakistan.
Grenzen wahrzunehmen und sie zu überschreiten, gehört wesentlich zu Schmidtkes Arbeit: «Mit einem deutschen Pass und damit einer relativ ‹neutralen› Position sind die Möglichkeiten sehr gross. Grenzen erfahre weniger ich als viele meiner wissenschaftlichen Partner.»  Weil die Bedingungen in den Herkunftsländern der Beteiligten nicht alle gleich günstig seien, könne ihre Forschungsgemeinschaft «nur im ‹geschütztem Raum›, also mit möglichst wenig öffentlicher Aufmerksamkeit agieren», so Schmidtke. Sie macht damit noch einmal die Diskrepanz zwischen ihrem Forschungsgegenstand und der heutigen politischen Realität deutlich.   


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