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8. April 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 15 Ausgabe: Nr. 15 » April 8, 2009

Die Bewahrung historischer Schätze

von Ruth Ellen Gruber, April 8, 2009
Jüdische Vertreter aus 15 europäischen Ländern nahmen an einer Konferenz in Bratislava teil, an der die Renovierung und Rettung von Gebäuden im Zentrum stand, die den jüdischen Gemeinden von den Nazis und den Kommunisten entwendet worden waren.
UUMNUTZUNG EINES HISTORISCHEN GEBÄUDES Die At-Home-Galerie für zeitgenössische Kunst in Šamorín

Die Rückgabe von jüdischem Gemeindebesitz in Zentral- und Osteuropa ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor fast 20 Jahren ein heisses Thema. Vor dem Hintergrund des zähen und schmerzvollen juristischen Tauziehens um von den Nazis beschlagnahmte oder von den Kommunisten verstaatlichte jüdische Besitztümer geht die praktische und dringende Notwendigkeit fast unter, sich um diese Objekte zu kümmern, sie zu konservieren und zu unterhalten. Seit über zwei Jahrzehnten dokumentiere ich diese Stätten, zu denen viele Talmud-Hochschulen und Synagogen gehören. Viele dieser Bauten sind sehr gross, viele sind am Zerfallen, und einige sind als historische Denkmäler anerkannt. Die meisten dieser Gebäude stehen in Ortschaften, in denen heute kaum noch Juden leben. Und sogar die elementarsten Unterhaltsarbeiten setzen die ohnehin schon knappen Gemeindebudgets übermässig unter Druck. Im März nahm ich mit Vertretern jüdischer Gemeinden aus 15 Staaten an einem Seminar zu diesem Thema in der slowakischen Hauptstadt Bratislava teil. Ziel des Treffens war die Stärkung des Networkings und grenzüberschreitender Beratungen sowie die Lancierung eines kreativen strategischen Denkansatzes. Viele der Teilnehmer hatten sich vor dem Seminar nicht gekannt und waren sich kaum bewusst, wie Kollegen in anderen Ländern mit ähnlichen Herausforderungen umgehen. Die zahlreichen Anwesenden hatten zudem keine oder kaum Ahnung über die Vielfältigkeit der jüdischen Stätten in den anderen Ländern. Das Seminar befasste sich mit Themen, die vom Mobilisieren von Geldmitteln über die Reparatur von Dächern bis hin zu halachischen Aspekten des Gebrauchs von Synagogen für andere Zwecke reichten.

Umnutzung zur Galerie

Während des vom American Jewish Joint Distribution Committee, dem International Survey of Jewish Monuments und dem slowakischen Jewish Heritage Center organisierten Seminars besuchten die Teilnehmer verschiedene Stätten in der Gegend von Bratislava, um mit eigenen Augen zu sehen, wie praktische Lösungen in die Tat umgesetzt worden sind. Eine dieser Stätten war die 1912 errichtete Synagoge in Šamorín, einem kleinen Ort südöstlich von Bratislava. Anfang der neunziger Jahre handelte es sich noch um eine schäbige Ruine am Rande des armseligen Stadtzentrums. Ihr einsamer Standort und die abbröckelnde Fassade unterstrichen den anklagenden Anblick eines überlebenden Relikts aus einer zerstörten Vergangenheit. Inzwischen aber hat eine dramatische Veränderung stattgefunden. Das Gebäude im Besitz des slowakisch-jüdischen Gemeindebunds wurde 1995 von einem Ehepaar in einem langfristigen Pachtvertrag übernommen. Die beiden liessen es renovieren und wandelten es in die At-Home-Galerie für zeitgenössische Kunst um. Die ehemalige Synagoge wird nun für kulturelle Aktivitäten benutzt, die sich an die gesamte Bevölkerung richten. Einmal beherbergte das Haus sogar den Dalai Lama. Heute ist es Bestandteil eines neuen Tourismus- und Bildungspfades mit dem Namen Slovak Jewish Heritage Route, der rund 20 historische jüdische Stätten im ganzen Land miteinander verbindet. Bei der Renovierung des Gebäudes entschieden sich Csaba Kiss und seine aus Kanada stammende Frau Suzanne, den Eindruck bestehen zu lassen, dass das Innere des Gebäudes verwüstet wurde. An den Wänden sieht man immer noch gemalte Verzierungen, doch die Bilder sind verblichen und fehlerhaft. Weder wurden sie retouchiert noch aufgebessert. «Wir wollten die Wände nicht berühren», so Kiss. «Sie enthalten Erinnerungen, die wir sehen können. Es ist etwas ganz Besonderes.»

Richtlinien festgelegt

Gegen Ende der Konferenz kamen die Teilnehmer überein, pragmatische Richtlinien für praktische Grundsätze und Vorgehensweisen für die jüdischen Besitztümer auszuarbeiten. Jüdisches Erbe, so liest man in den Richtlinien, «ist die Hinterlassenschaft aller Aspekte der jüdischen Geschichte». Gleichzeitig seien jüdische Geschichte und Kunst Bestandteil der Geschichte und Kunst einer jeden Nation. Diese Feststellungen mögen selbstverständlich klingen, doch angesichts der internen jüdischen Debatten und den Tabus und Vorurteilen betreffend jüdische Kulturgüter in Europa umschreiben sie zen-trale, elementare Konzepte und bedeuten einen Meilenstein, wenn es um die Rückerstattung jüdischen Besitzes geht. Weiter liest man in den Richtlinien: «Ehrlichkeit und Transparenz sind jüdische Werte und sollten besonders dann in Erscheinung treten, wenn es um jüdischen Besitz geht.» Die Richtlinien fordern eine detaillierte Dokumentation von jüdischem Gemeindebesitz und Stätten jüdischen Erbes. Sodann wird die Notwendigkeit für Offenheit und Zusammenarbeit unter jüdischen und nicht jüdischen Institutionen betont. Wahrscheinlich werden die Richtlinien nicht buchstabengetreu befolgt. Finanzielle Überlegungen, legale Hindernisse, lokale Bedingungen und die menschliche Natur werden dies unter anderem verhindern. Dennoch sind diese Art von Rahmenbedingungen dazu angetan, die geltende Praxis zu beeinflussen und den zur Diskussion stehenden Stätten endlich den Unterhalt und die Bewahrung zu verschaffen, die sie zusammen mit dem jüdischen Volk benötigen.   


Der Blog der Autorin:jewish-heritage-travel.blogspot.com





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