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3. März 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 03 Ausgabe: Nr. 3 » April 7, 2009

Wie sich Tel Aviv verändert hat und doch gleich blieb

von Pierre Heumann, March 2, 2009
Tel Aviv hat zwar seit seiner Gründung vor 100 Jahren sein Gesicht vollkommen verändert – nicht aber seinen Charakter. Kultur, Hedonismus und Toleranz prägten damals wie heute das Lebensgefühl von Tel Aviv. Geblieben ist auch die Abneigung gegenüber zionistischen Institutionen, an denen die Stadt, die nie Pause macht, fast gescheitert wäre.
SCHWIERIGE GRÜNDUNG VON TEL AVIV FÜR DIE PIONIERE Was nördlich von Yafo entstehen sollte, stand im Gegensatz zum zionistischen Ethos

Die Gründer hatten Nobles vor. Eine Gartenstadt sollte Tel Aviv werden, ein Villenviertel für den Mittelstand und die Reichen. Ein Ort, an dem die Strassen nachts beleuchtet waren und kein Schmutz den Ekel der Bewohner erregte. 60 jüdische Einwanderer-Familien, die in Yafo wohnten, wollten der Hafenstadt entfliehen. Sie war ihnen zu laut, zu eng, zu hässlich, zu schmuddelig, zu dicht besiedelt, des Nachts zu gefährlich und die Wohnungen viel zu klein. Sie hätten zwar nach Neve Zedek ziehen können, eine jüdische Vorstadt von Yafo. Aber auch dort gab es damals noch kein fliessendes Wasser und die Kanalisation war – gelinde gesagt – unbefriedigend. Deshalb kauften die Einwanderer aus Europa vor exakt 100 Jahren auf den Dünen nördlich von Tel Aviv Grundstücke auf, um einen Traum zu realisieren: den europäischen Lebensstil, nach dem sie sich sehnten, im Orient zu ermöglichen. Sie wollten in der neuen hebräischen Stadt modernes Lebensgefühl inszenieren. Und sie wollten sich von den Arabern trennen, die in Yafo dominierten und mit denen sie keine gemeinsame Sprache fanden (und auch nicht finden wollten). Yafo sei ein schrecklicher Ort, schrieb man damals in der jüdischen Presse.
Wortführer der Gruppe Achusat Bait, die sich dem Stadtprojekt widmete, war der Geschäftsmann Meir Dizengoff aus Odessa, der spätere Stadtpräsident von Tel Aviv. Er war 1905 nach Palästina gekommen und hatte sich in Yafo niedergelassen. Die Idee, eine hebräische Stadt zu gründen, stammte aber von Akiva Weiss, der inzwischen in Vergessenheit geraten ist. Er war 1906 in Yafo angekommen und setzte sich für die Idee ein, die erste Stadt zu gründen, in der man ausschliesslich Hebräisch sprechen würde. Weiss kaufte für Achusat Bait Dünen auf – und im April 1909 wurden die Parzellen unter den 60 Familien verlost, die Geld einbezahlt hatten.

Widerstand gegen das Projekt Küstenstadt

Dizengoff musste zunächst freilich hartnäckigen Widerstand des zionistischen Establishments überwinden, bevor Tel Aviv gebaut werden konnte. Nachdem die Investoren die Dünen gekauft hatten, fehlte ihnen das Geld, um Villen zu bauen. Sie wandten sich hilfesuchend an den Keren Kayemeth Leisrael (KKL), den jüdischen Nationalfonds – doch von ihm erhielten sie zunächst eine kalte Dusche. Denn was nördlich von Yafo entstehen sollte, stand im Gegensatz zum zionistischen Ethos. Damit wollte der KKL nichts zu tun haben. Er unterstützte landwirtschaftliche Projekte, förderte Kibbuzim an der Peripherie, griff Pionieren und nicht Städtern unter die Arme, predigte Bescheidenheit und huldigte kollektivistischen Wirtschaftsmodellen. Die Reichen aus Yafo wollten an der Küste hingegen ein Zentrum für urbanes Leben schaffen, eine bürgerliche Existenz im Zentrum des Landes aufbauen, und sie setzten dabei ausschliesslich auf Privatinitiative. Prüde Zionisten rümpften die Nase. Die angestrebte Leichtigkeit im Orient, der Import des europäischen Lebensstils in den Orient ging den Gründervätern gegen den Strich. Auch dass jeder sein Haus selber planen sollte, stand im Widerspruch zum favorisierten Einheitsstil der Genossen.
Die zionistisch kontrollierte Presse stand dem Projekt der Küstenstadt denn auch äusserst kritisch, ja sogar feindselig gegenüber. Es sei eine Blase, die platzen werde, sagten Journalisten voraus. Sie hatten kein Verständnis dafür, dass Dizengoff und Co. die Konsumkultur aus Osteuropa im Nahen Osten ansiedeln wollten. Die jüdische Gesellschaft in Palästina habe dringendere Aufgaben als den Luxus einer modernen Stadt zu finanzieren, enervierten sich die Kolumnisten.
Schliesslich setzte sich Dizengoff aber durch – und die Yafo-Verächter erhielten Geld, um ihren Traum vom Eigenheim unter schattigen Bäumen zu realisieren. Zuvor musste aber ein heftiger Streit um den Namen «Tel Aviv» gelöst werden. Tel Aviv bezeichne in der Bibel einen Fluss in Babylonien, kritisierten Puristen. Mit Palästina habe das nichts zu tun. Negativ wurde auch vermerkt, dass das Wort «Tel» auf eine Zerstörung hinweise: Tel ist der Begriff für einen Hügel, unter dem sich archäologische Reste befinden. Es wäre ein schlechtes Omen, der neuen Stadt einen solchen Namen zu geben. Schliesslich löste der Journalist Chaim Sokolov den Zwist. Er legitimierte den Namen, indem er Herzls Romantitel «Altneuland» mit Tel Aviv, Frühlingshügel, übersetzte.
Das Projekt konnte realisiert werden. Zunächst blieb es eine reine «Schlafstadt» mit Gartenanlagen. Bis 1920 gab es keine Geschäfte. Sie waren verboten, um die Beschaulichkeit der Stadt nicht zu beeinträchtigen. Lediglich ein Kiosk war zugelassen, wo man Brause trinken konnte. Wer einkaufen wollte, musste sich nach Neve Zedek oder nach Yafo bemühen.

Zentrum für Bauhaus-Architektur

Doch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Ende des Osmanischen Reiches wurde Tel Aviv zum Zentrum des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens. Es sollte allerdings eine Stadt werden, deren eklektischer Baustil oft ästhetischen Kriterien widersprach. Einer der führenden Städteplaner wurde verpflichtet: der Schotte Patrick Geddes. Er sollte einen Masterplan entwerfen, Tel Aviv zur grünen Stadt mit einer übersichtlichen Anordnung der Verkehrsadern zu machen. Die Ideen des Schotten wurden freilich nicht vollständig umgesetzt. Denn Geddes hatte in seinen kühnsten Träumen nicht damit gerechnet, dass dermassen viele Menschen in die neue Metropole am Mittelmeer ziehen würden.



In den zwanziger Jahren entstanden Bauten, die das repräsentierten, was die Europäer damals unter «Orient» verstanden: fantasievolle, verschnörkelte Architektur, eine heute schwülstig anmutende Verschmelzung von westlichem und nahöstlichem Baustil. In den dreissiger Jahren war es mit der Eklektik vorbei. Tel Aviv wurde zum Zentrum für die Bauhaus-Architektur: Klare Linien und funktionelle Bescheidenheit reflektierten die Sehnsucht der Bewohner nach Europa.
Bis in die erste Hälfte der sechziger Jahre blieb dieser Stil dominierend. Kein Gebäude durfte höher sein als drei bis vier Stockwerke. Doch 1965 setzte sich Amerika in Tel Aviv architektonisch durch. Das erste Hochhaus, 36 Stockwerke hoch, wurde realisiert. Und zwar dort, wo in den Gründerjahren der Stolz der jungen Stadt gestanden hatte: das Herzlia-Gymnasium. Es musste dem Hochhaus weichen.
Seither hat sich die Skyline von Tel Aviv dramatisch verändert. Vor zehn Jahren zählte man knapp 60 Hochhäuser mit mindestens 20 Etagen. Viele sind inzwischen hinzugekommen. Architekten von Rang und Namen sind heute am «Frühlingshügel» vertreten, zum Beispiel Philippe Starck, I. M. Pei oder Richard Meier.
Auch wenn das Tel Aviv der Gründerjahre nicht mehr wiederzuerkennen ist – im Wesen hat sich die Stadt nicht verändert. Hier wird Toleranz gegenüber Lebensstilen gelebt. Fromme und Säkulare leben in Eintracht zusammen. Das war schon bei der Gründung der Stadt so. Da wurde mit Lautsprechern der Beginn des Schabbat ausgerufen. Doch jeder war frei, der Synagoge fernzubleiben und sich stattdessen am Strand zu vergnügen oder sich mit Freunden im Kaffeehaus zu treffen. Heute wohnen an der Shenkin-Strasse orthodoxe Familien und Freaks in derselben Nachbarschaft. Anders als in Jerusalem ermöglicht hier der gegenseitige Respekt ein reibungsloses Miteinander-Leben.
Tel Aviv war schon immer anders als der Rest des Landes. In den Kibbuzim spielte man zum Hora-Reigen auf, in Tel Aviv waren Gesellschaftstänze en vogue. Es war eine hedonistische Stadt mit Kultur: Bialik organisierte Kulturabende, man holte die berühmtesten Geiger, eröffnete ein Kino, organisierte Oper-Aufführungen, ging ins Kaffee. Und es gab natürlich auch sehr bald schon einen Schönheitswettbewerb: Der erste wurde von einer Immigrantin aus Yemen gewonnen.


Dieses Essay beruht auf Gesprächen mit der Tel Aviver Historikerin Anita Shapira; dem Publizisten Rubik Rosental («Haor we Hakessem», Das Licht und der Zauber; «Tel Aviv shel paam», Das Tel Aviv von einst. Verlag Yediot Achronot, 2009); und dem Geografen Baruch Kipnis (Tel Aviv-Yafo: From a Garden City to a World City – The First One Hundred Years, 2009).    ●


Pierre Heumann ist Journalist und lebt in Tel Aviv.



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