Tel Aviv, der «Nicht-Ort»
Im Jahre 1902 veröffentlichte Theodor Herzl seine Utopie eines modernen und dynamischen Israels. «Altneuland» hiess das Buch – und es wurde auch der wichtigste Slogan des Zionismus auf den Punkt gebracht: «Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.» Im Buch geht es um eine Reise nach Palästina, die sich 1923 abspielt. Ein Märchen, in der Tat: Palästina ähnelt darin mehr dem idealen Modell des Habsburger Reiches als dem Nahen Osten, zu dem es dieser Tage geworden ist. Mehrere ethnische Gemeinschaften leben da in einem nicht klaren imperialen Modell mehr oder weniger harmonisch miteinander. Kein ethnischer Nationalstaat, sondern eine kreative Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus. Juden, die sich ständig an ihren kosmopolitischen Wurzeln oder Wurzellosigkeit orientieren, Bildung und Erziehung im Vordergrund, eine tragende Rolle für die kulturelle Elite, Trennung zwischen Staat und Religion – nichts weniger als ein Idealbild von Wien stellte sich Herzl Anfang des 20. Jahrhunderts vor. Aufgeklärt und westlich ging es dort zu und her: «Dieses weltstädtische Treiben auf der Strasse. Die vielen gut gekleideten Menschen. Ich glaube, unsere Anzüge sind ein bisschen aus der Mode» – so äusserten sich die beiden Besucher in Herzls Utopie von «Altneuland». Die Ästhetik siegte über die Politik. Und man sprach Deutsch. Und natürlich auch Französisch und Englisch.
Noch im selben Jahr übersetzte der osteuropäische Zionist Nahum Sokolov das Buch ins Hebräische. Aus «Altneuland» wurde «Tel-Aviv» (wörtlich «der archäologische Hügel des Frühlings» – also Altneuland). Damit fand die Stadt am Mittelmeer, die 1909 nördlich von Yafo gegründet wurde und nun ihren 100. Geburtstag feiert, ihren Namen. Sokolov ging es auch um die biblische Verknüpfung. Tel Aviv sollte mehr sein als Wien am Mittelmeer. Er wählte einen Spruch des Buches Hesekiel: «Und ich kam nach Tel-Abib zu den Weggeführten, die am Flusse Kebar wohnten; und daselbst, wo sie sassen, dort sass ich sieben Tage betäubt in ihrer Mitte» (3:15).
Ahad Ha’ams Tel Aviv
Ahad Ha’am, einer der wichtigsten zionistischen Denker und Erzrivale von Herzl, mochte das Buch nicht. Es war ihm nicht jüdisch genug. Es war für ihn der Ausdruck des dekadenten Westjudentums, den der Zionismus eigentlich überwinden wollte. Als stolzer Vertreter des osteuropäischen Judentums hatte er keine Geduld für die utopischen Fantasien von Herzl. Der Zionismus war für ihn nicht nur ein in den Nahen Osten verschlepptes Stück Habsburg, sondern sollte eine Renaissance der jüdischen Kultur in einem eigenen Land bedeuten. Es war für ihn undenkbar, dass im «neuen alten» Land Deutsch gesprochen und imperial gedacht werden würde. Der Zionismus war für Ahad Ha’am die Antwort auf das Judentum und die Juden gefährdende Assimilation und nicht, wie Herzl glaubte, die Vollendung der jüdischen Assimilation im eigenen Land. Trotzdem gilt Herzl als der Staatsgründer Israels und ist in Jerusalem auf einem nach ihm benannten Berg begraben, während Ahad Ha’am in Tel Aviv begraben liegt.
In der Stadtmitte Tel Avivs treffen sich heute die beiden Strassen Herzl und Ahad Ha’am unweit der israelischen Börse, welche sich natürlich im Tel Aviver Stadtzentrum in der Ahad-Ha’am-Strasse befindet. Das Tel Aviv Herzls blieb Utopie, ein «Nicht-Ort», der mit dem realen Ort, in dem die Menschen hier leben, im ständigen Kampf steht. Tel Aviv öffnet sich nach Westen, zum Meer, nach Europa und weiter nach Amerika. Im Osten Tel Avivs liegt Jerusalem, die besetzten Gebiete, das arabische Hinterland. Dort liegt der «Ort» Israel, das Land Israel, das mit dem «Nicht-Ort» Tel Aviv ständig um Legitimation ringt.
So war es auch für niemanden überraschend, als bei den letzten Munizipalwahlen im November 2008 der kommunistische Parlamentsabgeordnete Dov Henin an der Spitze einer politischen Gruppierung von Umweltaktivisten, Anarchisten und Kaffeehausliteraten fast ein Drittel der Stimmen im kapitalistischen Tel Aviv bekam und seine politische Gruppe «Stadt für alle» die grösste Fraktion im Stadtparlament wurde. Weiter kann man sich auch politisch nicht von Israel entfernen. Für einen Moment war es, als ob der Habsburger Literat Theodor Herzl wieder zum Leben erweckt würde.
Hippe, junge Mittelmeerstadt
Knapp 400 000 Menschen leben heute in Tel Aviv, mehr als eine Million in den Einzugsgebieten. Jugendlich ist die Stadt und man merkt es an jeder Strassenecke. Tel Aviv ist die «coole» Hauptstadt des Mittelmeers. Den Schriftstellern der Stadt fehlt die Schwere von Amos Oz oder David Grossman. Diese passen wohl eher nach Jerusalem. Sie gehören nicht in diese Stadt. Die Stadt gehört pfiffigen Schreibern wie Etgar Keret («Pizzeria Kamikaze») oder Assaf Gavron («Ein schönes Attentat»). Das sind die jungen und hippen Schriftsteller, die den Puls der Stadt besser begreifen als die bekannteren israelischen Literaten. Sie sind ihren Kollegen in New York und Berlin ähnlicher als denen in Jerusalem oder Haifa. Tel Aviv, das sind Boulevards, Bauhausarchitektur, Kneipen, die die ganze Nacht offen sind. Jazz, Ballett, Oper und immer wieder der Strand mit seinen Cafés und Restaurants, die an Kalifornien und Florida erinnern. Der Strand, wohl einer der wichtigsten «Nicht-Orte» der Stadt, von überall erreichbar, die erste Station des Eskapismus auf dem Weg in den Westen.
Aber ob man will oder nicht, Tel Aviv gehört zu Israel. Wo man hingeht, Taschenkontrollen. Fast automatisch öffnet man die Tasche und den Rucksack und hält sie dem Wachpersonal zur Kontrolle hin. Fast jeder Tel Aviver erlebt (und überlebt) pro Tag mehrere Sicherheitskontrollen. Tel Aviver sein heisst auch, seinen Körper mit Virtuosität durch diese Kontrollen zu lenken. Der Körper weiss, wie er sich durch die Kontrollen zu bewegen hat. Die Sicherheitskontrolle teilt auch den Raum in «sicher» und «unsicher» auf – in den israelischen Ort und den Tel Aviver «Nicht Ort». Die Räume werden durch die Sicherheitskontrolle zu Räumen der Freiheit und Sicherheit. Wenn man durch die Sicherheitskontrolle gewinkt wird, gehört man wieder zur Welt der normalen Bürger. Aber die Kontrolle ist da – und erinnert jeden und immer wieder, dass die Welt gespalten bleibt. Denn die Passierung der Kontrolle ist kein einmaliger Akt, man kann auch kein Abo dafür kaufen. Man muss jedes Mal aufs Neue kontrolliert werden, um den Ort geniessen zu können.
Verlust der ethnischen und kulturellen Identität
So trägt fast jeder hier eine unsichtbare Luftblase um sich herum – diese Luftblase hat keine kollektive Geschichte, sie ist nicht heilig, sondern besteht aus der persönlichen Welt der Familie, Karriere und der Freizeit. So ist in Tel Aviv nun die heroische Heldengemeinschaft mit der Atomisierung der bürgerlichen Handelsgesellschaft konfrontiert. Oft bedeutet der Verlust der Heldendimension im Zuge der Kommerzialisierung auch gleichzeitig den Verlust der ethnischen und kulturellen Identität. Das Erzeugen von Identität bedeutet, dass man Differenzen schafft. Differenzen schafft man dadurch, dass man das «Wesen» der eigenen Identität herausarbeitet, sozusagen erfindet und imaginiert – und das muss kein Widerspruch sein. Jeder Tel Aviver muss wissen, wie man das macht. Heimat und Exil stehen im ständigen Widerspruch zueinander. Der Ort musste erkämpft werden, und dieser Kampf ist bis zum heutigen Tag nicht abgeschlossen. «Altneuland» von Herzl wollte die Existenz der Juden normalisieren, sie heimholen in die Geschichte, aus Kosmopoliten und Luftmenschen Staatsbürger schaffen, die in Frieden mit sich und ihrer Umwelt leben können. Er hat damit genau die Abnormalität geschaffen, in der sich heute jüdische Israeli befinden. Auf der einen Seite machen sie sich vor, dass Tel Aviv Berlin oder New York ist. Sie befinden sich in westlichem Verfassungsdenken und träumen von Amerika und Europa. War das nicht schon immer das Ziel des Zionismus? Europa im eigenen Land? Das ist das schöne an der Utopie. Und nun wieder zurück zu den Nachrichten. ●
Natan Sznaider ist Professor für Soziologie am Academic College of Tel-Aviv-Yafo, Israel.


