Stadtbummel durch die Geschichte
Die meisten Besucher betreten heutzutage in der Ankunftshalle des nach dem Staatsgründer David Ben Gurion benannten Ben-Gurion-Flughafens in Lod israelischen Boden. Hier und mehr noch im 23 Kilometer entfernten Tel Aviv ist das moderne, pulsierende Israel zu erleben, das sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von westlichen Metropolen zu unterscheiden scheint. Auch der Strand der Doppelstadt, die aus dem alten, teils noch malerischen Yafo und dem modernen, erst 100-jährigen Tel Aviv besteht, mutet sehr europäisch an, nicht nur der vielen Strandpartys wegen. Gleichwohl durchweht ein orientalisches Flair viele Ecken der Mittelmeer-Stadt, der inoffiziellen Hauptstadt Israels. Die Skyline der Stadt wird von den Luxushotels am Strand, etwa dem Dan Tel Aviv, dominiert. Die Stadt selbst präsentiert sich heute als ein Konglomerat von Geschäfts- und Wohnhäusern, die unter dem Druck der Einwandererströme möglichst schnell und billig erstellt werden mussten. Gleichwohl gibt es schöne Boulevards, grosszügige Parks und gepflegte Plätze. In der Stadt selbst dreht sich alles um den strandnahen Magen-David-Platz, den Davidstern-Platz, von wo aus sechs Strassen sternförmig abgehen – wie die Zacken eines Davidsterns. So in Richtung Westen die Sheinkin-Strasse, in gleich zwei Richtungen die Allenby-Strasse, die mit ihrer Verlängerung Ben Yehuda das Meer mit dem Busbahnhof verbindet, während die King-George-Strasse zur Dizengoff-Strasse und seinem futuristischen Einkaufszentrum führt. Und in der Carmel-Strasse beginnt mit dem Viertel der Jemeniten der farbenfreudige und geruchsintensive Orient. Die Sheinkin-Strasse gilt als das Herz des «Greenwich Village» von Tel Aviv, wo Künstler und Studenten wohnen, wo man sich in Cafés trifft und wo sich die Szene einkleidet. Die Sheinkin-Strasse symbolisierte über Jahre die Modernisierung und Avantgarde. Allerdings zogen viele auch längst weiter. Die Allenby-Strasse, in deren Nähe sich der berühmte Carmel-Markt, der grösste der Stadt, befindet, ist nach dem englischen General Viscount Edmund Allenby benannt. Der Feldmarschall erhielt 1917 den Oberbefehl über die britischen Truppen in Ägypten und zwang durch erfolgreiche militärische Operationen in Palästina und Syrien das Osmanische Reich 1918 zur Kapitulation. 1919 bis 1925 war Allenby Hochkommissar für Ägypten. Die nach ihm benannte Allenby-Brücke über den Jordan ist auf dem Weg von Jerusalem nach Amman der wichtigste Grenzübergang zwischen dem Westjordanland und Jordanien.
Wer kann, zieht in die Gegend um den Rothschild-Boulevard – einst die eleganteste Adresse von Tel Aviv. Die von schattenspendenden Bäumen gesäumte Rothschild-Allee ist eine der begehrtesten und teuersten Adressen der Stadt. Die meisten Häuser an diesem Boulevard stammen aus der Zeit des frühen 20. Jahrhunderts. Hier brannte die erste Strassenbeleuchtung, hier stand der erste Kiosk der Stadt. Heute offeriert die Strasse einen Grossteil des Unterhaltungsangebots; besonders während der Sommermonate finden an den Wochenenden zahlreiche Strassenfeste statt. Das Independence Hall Museum befindet sich am Rothschild-Boulevard Nummer 16. David Ben Gurion hat in diesem ehemaligen Wohnhaus des ersten Bürgermeisters von Tel Aviv, des legendären Meir Dizengoff, der Tel Aviv von 1921 bis 1936 regierte, im Mai 1948 die Unabhängigkeit des Staates Israel ausgerufen. Im Bet Dizengoff ist nun ein kleines Museum untergebracht. Ein Stockwerk ist dem Bibel-Museum vorbehalten.
Reiches Bauhauserbe
Die einstige Prachtmeile der Stadt, die Dizengoff-Strasse, einst fast so glamourös wie die Boulevards in Paris, hat sich durch viele Kaffeehäuser zu einem neuen Treffpunkt entwickelt. Wenngleich der einstige Glanz hier wie dort ein wenig verblasst ist, so ist die Flanier- und Gastronomiemeile noch immer ein Juwel der Stadt. In der Dizengoff-Gegend und um den mit Bäumen bestandenen Rothschild-Boulevard findet man zahlreiche Bauwerke im Bauhausstil. Die Rothschild-Allee liegt im Herzen der «Weissen Stadt», die die Unesco 2003 zum Weltkulturerbe erklärt hat. Anfang der dreissiger Jahre des 20. Jahrhunderts begannen jene Architekten, die in Deutschland studiert hatten und – als Emigranten – nach Tel Aviv kamen, die Formensprache dieses europäischen Baustils zu kopieren und fortzuführen. Am Sderot Dizengoff grenzt östlich an den Helena-Rubinstein-Pavillon das Frederic-Mann-Auditorium, das grösste israelische Konzertgebäude und die musikalische Heimat der 1936 vom Geiger Bronislaw Huberman gegründeten Israelischen Philharmonie. Hinter diesem Gebäude, in Richtung Habima-Platz, stösst man auf das legendäre Habima-Theater, in dem die ersten Stücke in hebräischer Sprache gegeben wurden. Wo der Rothschild-Boulevard die Nahalat-Binyamin-Strasse kreuzt, erinnert ein Denkmal von Aharon Priver an die Gründer der Stadt.
Neben dem Gedenken an die Schoah wird in Israel überall auch die Erinnerung an den Kampf gegen die Engländer wachgehalten. So bewahrt das Hagana-Museum, einst Wohnsitz des Kommandeurs Eliahu Golomb, das Gedächtnis an den jüdischen Widerstand von 1878 bis 1948. Die Avraham-Stern-Strasse erinnert an Abraham Stern. Stern, 1907 in eine polnische Familie geboren, war ein Dichter und Untergrundkämpfer und Gründer der radikalen Splittergruppe Lechi. Ab 1929 verschrieb er sich immer stärker dem Kampf für die Unabhängigkeit Israels. Stern sah als Haupthindernis auf dem Weg zur Unabhängigkeit nicht die Araber an, sondern die Briten und rief zu einem bewaffneten Kampf gegen die Briten auf. Während des Zweiten Weltkrieges zweifelte er daran, dass die Alliierten siegen würden, und sprach sich sogar für eine Allianz mit Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien aus, überzeugt, ein solcher Schulterschluss würde den nationalen Bemühungen in Israel förderlich sein. Sterns extremistische Haltung brachte nicht nur die Briten, sondern auch viele Juden gegen ihn und Lechi auf. Anfang 1942 setzten die Briten eine Belohnung für Sterns Ergreifung aus. Im Februar wurde sein Versteck in Tel Aviv entdeckt und von den Briten gestürmt – sie töteten ihn an Ort und Stelle.
Die Herbert-Samuel-Promenade erinnert an den britischen Politiker und Diplomaten Herbert Louis Samuel, der sich während des Ersten Weltkrieges für den Zionismus zu engagieren begann. 1920 wurde Samuel zum ersten Hochkommissar des britischen Mandats für Palästina ernannt und amtierte als solcher bis 1925. Unter ihm verdoppelte sich die Zahl jüdischer Bewohner in Tel Aviv.
In der Shaul-Hamelech-Strasse – Saul war der erste König von Israel – befindet sich das Tel Aviv Museum of Art, das Werke internationaler und israelischer Künstler präsentiert. Nördlich dieser Strasse erstreckt sich die Arlosoroff-Strasse. Chaim Arlosoroff war ein zionistischer Politiker, befreundet mit Chaim Weizmann. Arlosoroff wurde in der Ukraine geboren und zog nach dem Pogrom von 1905 mit seinen Eltern nach Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg begann er als Student für den sozialistischen Zionismus tätig zu werden. 1924 verliess er Berlin und wanderte nach Israel aus. Rasch stieg Arlosoroff als Arbeiterführer zu einer einflussreichen politischen Figur auf. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland befasste er sich mit der Sicherung des Eigentums jüdischer Emigranten, wodurch er sich den Zorn revisionistischer Zionisten zuzog. Als Arlosoroff im Juni 1933 beim Abendspaziergang mit seiner Frau ermordet wurde, fiel daher der Verdacht auf seine politischen Gegner. Die britische Polizei verhaftete die beiden radikalen Revisionisten Avraham Stavsky und Zvi Rosenblatt, die jedoch aufgrund eines Alibis beziehungsweise fehlender Beweise nicht verurteilt werden konnten. Der rätselhafte Mord hat die israelische Öffentlichkeit über Jahrzehnte beschäftigt.
Die frühere Dereh Petah Tikva heisst heute Menahem-Begin-Strasse und erinnert an den israelischen Politiker und Friedensnobelpreisträger Begin. Begin führte 1943 bis 1948 die terroristische jüdische Untergrundorganisation Irgun und beteiligte sich an der Gründung der Cherut-Partei. Er vertrat die Idee, einen Staat Israel in den Grenzen des biblischen Palästina zu schaffen. Als Ministerpräsident förderte Begin ab 1977 die Siedlungspolitik im Westjordanland und im Gazastreifen. Aussenpolitisch ging er ab Ende der siebziger Jahre auf die Friedensinitiative des ägyptischen Präsidenten Sadat ein. Für ihre Bemühungen um eine ägyptisch-israelische Annäherung im Nahostkonflikt erhielten Begin und Sadat den Friedensnobelpreis.
Im Gedenken an grosse Staatsmänner
In der Berkowitz-Strasse befindet sich das Shalom-Aleichem-Haus, das den berühmten jüdischen Schriftsteller Shalom Aleichem (Shalom Rabinovich) ehrt. In der nach dem berühmten israelischen Dichter Nahum Bialik benannten Bialik-Strasse trifft man auf das Bet Bialik, in dem kostbare Manuskripte des in der Ukraine geborenen Dichters sowie eine Miniaturausgabe einer Thora, von der sich der Dichter niemals trennte, zu bewundern sind. Auch das dem Künstler Reuven Rubin gewidmete Rubin-Museum befindet sich in dieser Strasse.
Die King-George-Strasse ist nach dem britischen König George V. benannt, der während der Zeit des britischen Mandats amtierte. An die King-George-Strasse grenzt ein 1944 der Öffentlichkeit zugänglich gemachter Park, der als Meir-Garten an den in der Stadt vielfach gewürdigten ersten Bürgermeister von Tel Aviv erinnert. In der King-George-Strasse befindet sich auch das Jabotinsky-Museum, das Zeev Jabotinsky, dem berühmten Zionistenführer, gewidmet ist. Nach ihm ist wiederum die vom Strand in westliche Richtung verlaufende Jabotinsky-Strasse benannt, in der sich, mitten im Zentrum der israelischen Schmuckindustrie, das Harry Oppenheimer Diamond Museum befindet.
Die Shenkar-Strasse erinnert an den Textilindustriellen Shenkar. In Ramat Gan bei Tel Aviv befindet sich das einstige Shenkar College of Engineering and Design. Die Hochschule nennt sich heute College of Textile Technology and Fashion und geniesst weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Berühmtester Absolvent ist der Designer Albar Elbaz, der Creative Director bei Yves Saint Laurent wurde und für das Haus Lanvin tätig ist.
Die Chaim-Levanon-Strasse, wo sich das Museum Eretz Israel befindet, ist benannt nach dem in den fünfziger Jahren amtierenden Bürgermeister Chaim Levanon, der sich besonders um die Hochschullandschaft verdient gemacht hat. Die Nahalat-Binyamin-Strasse ist wie die Herzl-Strasse eine der ältesten. Die Herzl südlich des Magen-David-Platzes erinnert an den Zionistenführer: Der von Theodor Herzl 1897 in Basel einberufene erste Zionistische Weltkongress formulierte für die in aller Welt lebenden Juden die Idee einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimatstätte in Palästina. Diese «Rückkehr nach Zion» wurde 1948 mit der Gründung des Staates Israel erfüllt.
Die Ibn-Gvirol-Strasse, eine der grossen Strassen in Tel Aviv, ist nach dem hebräischen Poeten und Philosophen Solomon Ibn Gvirol – Gabirol – benannt. Die Ibn Gvirol kreuzt in südlicher Richtung etwa die an die berühmte Rabbiner- und Intellektuellenfamilie Carlebach erinnernde Strasse, zudem die Yehuda-Halevi-Strasse und nördlich den Itzhak-Rabin-Platz. Der zentral gelegene Platz erinnert an den Premierminister, der 1994 gemeinsam mit Shimon Peres und Yasser Arafat den Friedensnobelpreis erhielt – und im Jahr darauf auf diesem Platz einem Attentat zum Opfer fiel. Östlich des Rabin-Platzes erstreckt sich die Ben-Gurion-Strasse, benannt nach einem der grössten Politiker des Landes. Hier befindet sich auch das Ben-Gurion-Museum. Das Wohnhaus, in dem der Staatsgründer und erste Premierminister Israels lebte, zeigt historische Dokumente und Ben Gurions Bibliothek.
Sogar die Autobahn um Tel Aviv ehrt grosse Persönlichkeiten des Landes. Der Ayalon Highway, eine der Hauptstrassen des Landes, erstreckt sich von der Herzlia-Kreuzung im Norden bis zu den Holon- und Kibbuz-Galuyot-Kreuzpunkten im Süden. Eine Ausfahrt ist benannt nach Moshe Dayan, einem der legendären Politiker des Landes. Dayan, Brigadekommandant während des Zweiten Weltkrieges, der während des arabisch-israelischen Krieges wichtige Positionen bekleidete, symbolisierte später als Verteidigungsminister und Premier auch das kämpferische Selbstbewusstsein des jungen Staates Israel der Welt gegenüber.
Tel Aviv erinnert auch mit seinen öffentlichen Parks an die Grössen des Landes, wie an die erste weibliche Premierministerin Israels, Golda Meir, die zeitweise in Tel Aviv lebte. Zuletzt wurde ausgerechnet einem ehemaligen Müllberg historische Ehre zuteil, indem er nach Premierminister Ariel Sharon benannt wurde, der seinerzeit bereits monatelang im Koma lag. Im November 2007 hatten sich Präsident Shimon Peres und hochrangige Politiker auf dem Areal Hirija zwischen dem Flughafen und Tel Aviv versammelt, um das Gelände in Ariel-Sharon-Park umzubenennen. Der Müllberg soll nach den Plänen des deutschen Landschaftsarchitekten Peter Latz renaturiert werden und sodann als Naherholungsgebiet dienen. Es sei Ariel Sharon eine «Herzensangelegenheit» gewesen, zitierten Medien seinerzeit Sharons Sohn Omri, dass das Gebiet nicht Immobilienhändlern in die Hände falle, die nach der Schliessung des Berges vor neun Jahren dort Wohnsiedlungen errichten wollten. ●
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Hamburg.


