«Mehr eine Idee als eine Stadt»
Maoz Azaryahu hat das Buch «Tel Aviv. Mythography of a City» geschrieben, das im Jahr 2007 erschienen ist. Der Autor lebt in Tel Aviv und unterrichtet Geografie an der Universität Haifa.
aufbau: Tel Aviv wird in diesem Frühjahr 100 Jahre alt. Wann ist die Stadt eigentlich genau entstanden?
MAOZ AZARYAHU: Meir Dizengoff, der erste Bürgermeister der Stadt, ging schon auf diese Frage ein. War es jener Moment, als man die Bankkredite bekam, oder als man das erste Haus gebaut hatte? Mit der Zeit aber wurde das Gründungsdatum dann einem Ereignis zugeschrieben, das fotografisch festgehalten worden war: Die Gründer stehen im Sand und verlosen die Grundstücke. Das war zu Pessach 1909.
Die Idee aber war schon älter.
Sie entstand bereits 1906. Einer der Stadtgründer namens Akiva Arieh Weiss verfasste damals einen Prospekt, wie es heute die Baumeister tun, und versuchte damit Juden davon zu überzeugen, Böden zu kaufen und sich einem neuen Projekt für ein neues Wohnviertel anzuschliessen. In diesem Dokument sind alle möglichen finanziellen und zionistischen Überlegungen niedergeschrieben, warum sich eine moderne Stadt lohnen würde.
Was schwebte ihm vor?
Eine moderne Stadt, mit fliessendem Wasser in den Häusern – auch wenn es zu dieser Zeit im Hebräischen noch kein Wort für Wasserhahn gab. Es sollte hier ein Stromnetz geben, Strassenbeleuchtung und eine Abwasserversorgung. Weiss beschrieb damals schon alles, was Tel Aviv später einmal sein würde. Er nannte es das New York von Eretz Israel. Er dachte dabei an den Hafen als Ein- und Ausgangstor für die Juden. Heute, 100 Jahre später, ist aus der ersten hebräischen Stadt – der Begriff stammt ebenfalls von Weiss – das lokale New York Israels geworden. Kein Big Apple, sondern Little Apple oder wenn man so will «Big Orange».
Gab es ein Modell, das man nachahmen wollte?
Als Modell für eine moderne Stadt galt Paris. Aber das ist nicht unbedingt originell. Denn es machte keinen Unterschied, ob es sich um das noch nicht entstandene Tel Aviv handelte oder um Buenos Aires – alle wollten damals Paris nachahmen. Nicht New York oder London. Paris verkörperte die Moderne. Warum sonst wollte man in Tel Aviv, gerade einmal so gross wie eine Nachbarschaft, einen Boulevard? Weil es so etwas in Paris gab. Auch Odessa und Warschau haben nach Paris geblickt. Das russische Modell, auf mythologischer Ebene, war Sankt Petersburg. Sankt Petersburg wurde auf Sümpfen gebaut, Tel Aviv auf Sand.
Welche Rolle spielte das Meer?
Das auf Sanddünen errichtete Tel Aviv wurde nicht direkt am Meer gebaut. Erst 1920 erreicht Tel Aviv den Strand. Das Meer aber wird ein wichtiger, wenn auch erst später hinzugekommener Teil der Stadt.
Wo lässt sich Tel Aviv am besten verorten? Im Westen, im Orient, in Israel oder als eigener Staat Tel Aviv?
Tel Aviv gehört da überall hin. Von Anfang an positionierte sich diese Stadt als Zentrum des jüdischen Eretz Israel. Nicht Palästinas. Menachem Ussishkin beschreibt Tel Aviv 1924 als Fenster zu Europa. Tel Aviv ist vieles auf einmal. Schon 1939 ist das klar. Da findet man schon, dass Haifa Provinz ist und dass das historische Jerusalem einer ganz anderen Welt angehört. Den Gegensatz zu Jerusalem aber gab es auch schon in den Zwanzigern, da war die säkulare versus die religiöse Stadt, die fortschrittliche versus die primitive, die tolerante versus die konfliktreiche Stadt. All diese Bilder gab es damals schon.
Auch schon den Hedonismus?
Ja, in Tel Aviv sitzt man immer schon in den Kaffeehäusern. Es ist keine sozialistische Stadt, hier herrscht ein bürgerliches Ethos. Der neue Jude des zionistischen Projekts lässt sich deshalb im Emek-Tal nieder, nicht in Tel Aviv. Und wovon lebt Tel Aviv? Von der Gazoz (Sprudelwasser mit Fruchtsirup, das es an allen Kiosken gab). Tel Gazoz nennt man es. Die Stadt produziert nichts, es gibt zwar offiziell die Werbung des Keren Kayement, die Tel Aviv als Wirtschaftszentrum darstellt, aber da wird dann drei Mal dieselbe Fabrik gezeigt. Die einzige Industrie, die es gibt, ist eine Bausteinefabrik, aber die existierte schon vorher. Es gibt Handel, die Orient-Messe, aber keine Industrie. Tel Aviv ist das politische Zentrum des Jischuw, hier werden auch die Zeitungen gemacht.
Man fragt oft, ob Tel Aviv das heutige Israel repräsentiert, oder ob es die grosse Ausnahme darstellt, also nur eine grosse Blase ist?
Das ist eine schwierige Frage. Alle, Tel Aviver und nicht Tel Aviver, mögen dieses Bild der Blase. Doch auch das ist nicht neu. Schon in den dreissiger Jahren schrieb man vom sogenannten Tel Avivismus. Damit ist eine Stadt gemeint, die mit sich selber beschäftigt ist, sich nicht dafür interessiert, was um sie herum passiert. Diese Haltung charakterisiert an sich Metropolen. New York ist nicht Amerika, Paris ist nicht Frankreich. Tel Aviv ist mehr eine Idee als eine Stadt. Das ist Teil der Motivation jener, die etwas Besonderes bauen wollten.
Eine Stadt mit einem riesigen Einzugsbereich. Gehört der eigentlich auch dazu?
An sich handelt es sich um eine relativ kleine Stadt mit nur 360 000 Einwohnern. Bat Jam und Holon gehören offiziell nicht dazu, ebenso wenig wie Givataym und Petach Tikwa. Der gesamte Einzugsbereich aber zählt fast zwei Millionen Einwohner, das hängt davon ab, was man alles mitzählt. Demgegenüber gibt es dann die Tel Aviver Puristen, für die auch Ramat Aviv und Yad Eliyahu nicht zu Tel Aviv gehören, die am liebsten ein kleines Feld in der Innenstadt von 200 mal 200 Metern abstecken würden. Aber genau das gehört ja zum Mythos jenes Tel Avivismus.
Die Tel Aviver sehen sich selber ja gerne als Kosmopoliten, aber eigentlich steht das ja ein bisschen im Widerspruch zur ersten hebräischen Stadt. Dann was die generelle Bevölkerungsstruktur angeht, da ist Jerusalem natürlich viel bunter. Vor Jahren gab es in Tel Aviv kaum eine Speisekarte auf Englisch.
Im Reiseführer «Lonely Planet» beschäftigte man sich auch mit dieser Frage. Es gebe alles in Tel Aviv, hiess es dort, aber alle seien Juden. Ja, das ist vielleicht dieser Widerspruch – zum einem will man wie Paris sein, aber dann gibt es immer wieder das Gefühl, doch Provinzstadt zu sein. Das sind zwei Seiten einer einzigen Medaille. Man schaut immer nach draussen, aber in vollem Bewusstsein, dass man sich im Abstand – zeitlich und lokal – zum Zentrum dazu befindet. Wobei sich das Zentrum als Idee dauernd ändert: Das kann in den dreissiger Jahren Paris, in den sechziger Jahren London, in den achtziger Jahren New York und heute ein bisschen Berlin sein, das ist noch nicht ganz klar.
Tel Aviv hat immer mit dem Gefühl gelebt, dass sich das Zentrum woanders befindet. Das schafft einen gewissen Grad an Frustration. Es ist nicht einfach eine Stadt wie Chadera. Dort lebt man nach seinem eigenen Rhythmus, ohne nach draussen zu schauen, Tel Aviv vergleicht immer. Wenn in ausländischen Zeitungen über Tel Aviv geschrieben wird, egal ob es sich dabei um Architektur oder den Bürgermeister handelt, dann findet das sofort Einzug in die offiziellen Stadtbroschüren. Wenn die «Times» oder «New York Times» über Tel Aviv schreiben, sie sei eine «coole Stadt», dann wird damit auch im Wahlkampf geworben, wie jetzt bei den Stadtratswahlen 2008. Man hört genau hin, was man über einen sagt. Das ist das Provinzielle daran. Als wäre sie sich selber nicht Stadt genug, als bräuchte sie dazu erst eine Genehmigung von aussen, die ihr bestätigt, dass sie in Ordnung ist, dass mit ihr alles in Ordnung ist. In den 1930ern gab es eine Stadtzeitung, monatlich herausgegeben von der Stadtverwaltung, die genau mitverfolgt hat, was über Tel Aviv in ausländischen Zeitungen geschrieben wurde.
Es gibt nicht viele Metropolen mit dem einzigartigen Mix aus Grossstadt und Strand, der ja nicht nur an Hotels, sondern fast direkt an Bürotürme heranreicht. Eine Tel Aviver Freundin hat spasseshalber einmal gesagt, man müsste ein unsichtbare Linie festlegen, bis wohin es offiziell erlaubt wäre, sich noch in Badekleidung zu bewegen. Was bedeutet der Strand?
Sie werden lachen, aber es gibt im Rathaus eine Briefsammlung aus den zwanziger Jahren, voller moralischer Entrüstung über all diese Leute, die in Badekleidung in der Stadt herumspazieren. Der Strand hat natürlich eine Bedeutung, die weit über das Geografische hinausgeht. Auch wenn die Stadt wie erwähnt zunächst nicht ans Meer gebaut wurde, ist er integraler Bestandteil der Tatsache, dass Tel Aviv zu einer Vergnügungsstadt, einer Stadt der Sonne, wurde. Dass 1948 erstmals die Abwässer ins Meer geleitet wurden, führte ein Jahr später zum Sturz des Tel Aviver Bürgermeisters. Der Strand bedeutet Fun, Sex, Weltlichkeit. Den Tel Avivern konnte man in den dreissiger Jahren die Frage stellen, ob sie am Schabbat in die Synagoge oder an den Strand gehen. Das waren die zwei Optionen. Der Strand – in Richtung Westen – bedeutet auch die Öffnung hin in Richtung Europa.
Es gibt den Mythos Tel Aviv und das echte Tel Aviv, zu dem Armut und mittlerweile auch ein ganzes Gastarbeiterviertel gehört. Wie tief ist die Kluft?
Der Mythos existiert. Das ist es, was man über die Stadt sagt. Aber Tel Aviv ist vieles. Es ist zum Beispiel eben nicht nur weltlich, sondern es gibt auch hier viele Religiöse. Tel Aviv ist die weisse Stadt, die Stadt ohne Pause – aber es hat jemand auch schon über Tel Aviv als schwarze Stadt geschrieben. Damit meinte er die ärmeren Viertel.
Was an Tel Aviv wohl am meisten fasziniert sind die Energien dieser Stadt, die so viele anziehen, sich nur schwer erklären lassen.
Das gehört aber zur Definition vom Zentrum. Die Leute kommen hierher, um einen Traum zu verwirklichen. Wer in die Stadt ohne Pause kommt, der lebt hier auch so. Er kommt nicht einfach hierher, sondern hat etwas vor. Das kann eine Karriere sein oder ein Nachtleben, sie kommen mit dem Traum, einem Mythos und tun es auch, das sind die Energien. Der Mythos schafft nicht nur eine Erwartungshaltung, sondern eben auch ein entsprechendes Verhalten. Dieselben Leute können die Stadt auch wieder verlassen und woanders hinziehen. Aber es wird immer wieder andere junge Leute geben, die es hier versuchen wollen. Das führt zu einem Energienachschub ohne Unterlass. Diese Energien sind nicht von hier, sie werden mitgebracht. Das kann in Schüben passieren. Niemand organisiert das. New York ist auch so ...
... mit dem Unterschied, dass Tel Aviv heute über eine grössere Prokopf-Anzahl an Cafés verfügt als Manhattan.
In Tel Aviv geht eben alles sehr schnell. Schon 1929 hatte die Stadt zum ersten Mal, anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens, gross Geburtstag gefeiert. Zum Geburtstag 1999 gab es ein riesiges Schild in der Stadt – Tel Aviv stoppt nicht mit 90. Damit wurde auch auf das Geschwindigkeitslimit auf den Strassen angespielt.
Relativ neu aber ist die internationale Attraktivität. Die gibt es vor allem seitdem Tel Aviv aufgrund der umfassenden Bauhausarchitektur zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde. Seither haben die ausländischen Touristen plötzlich Tel Aviv entdeckt.
Ja, das ist neu. Plötzlich sieht man hier Reiseführer mit Gruppen in den Strassen stehen, die Architektur erklären. Der Bauhaus-Boom hat wirklich etwas hinzugefügt. Denn man muss sich ehrlicherweise fragen: Was hätte die Leute hier früher schon anziehen sollen? Dass es sich um die erste hebräische Stadt handelt? Dass auf dem Friedhof Trumpeldor Pinsker und Bialik begraben sind? Es gibt keine Monumente, keine lange Geschichte, keine Kathedralen, es ist eine neue Stadt. Eine Stadt, die es erst seit 100 Jahren gibt, die sich aber ständig immer wieder neu erfindet. ●
Gisela Dachs ist Korrespondentin der «ZEIT». Sie lebt in Tel Aviv.


