Ein eigener Planet
Bei den jüngsten Parlamentswahlen haben die Grünen die zwei-Prozent-Hürde in die Knesset zwar nicht geschafft, doch anders als auf Landesebene boomt in Tel Aviv der grüne Trend. Wer durch die Stadt schlendert sieht sie an jeder Ecke: Ökoläden. Während vor ein paar Jahren biologisches Obst und ökologische Putzmittel noch exotisch waren, gehören sie mittlerweile zum Alltag der Bewohner der Mittelmeermetropole. Die Tel Aviver haben ihr grünes Bewusstsein entdeckt. Wer keine Lust auf gespritztes Obst und Gemüse hat, der kauft in einem der zahlreichen Naturkostläden ein. Die führen alles, was das Öko-Herz begehrt: Getreide, Reis-und Pastasorten, frisches Obst und Gemüse, Bio-Huhn, Sojaprodukte, organische Brotsorten und ein Dutzend verschiedener Anbieter von Bio-Tehina.
Direkt vom Öko-Bauern
Selbst in den Supermärkten gibt es mittlerweile gut sortierte Ökoabteilungen: Tiefkühlgemüse, Bio-Eier, ungespritzte Kräuter, Bio-Vollkornnudeln oder Ketchup aus dem Kibbuz Harduf, der Wiege organischer Nahrung in Israel. Der im Norden gelegene Kibbuz, auch bekannt für die angeschlossene anthroposophische Waldorfschule, stellt sogar organische Matze für das Pessachfest her. Wer nicht in Reichweite eines Bioladens wohnt, kann sich die gewünschte Ware auf der Homepage einiger Anbieter bestellen und nach Hause liefern lassen. Clevere Käufer beziehen ihr Gemüse zu günstigen Preisen direkt von den Öko-Bauern.
Da Tel Aviv eine Stadt des Müssiggangs ist und die Menschen liebend gerne im Café sitzen, hat der Trend natürlich auch die Gastrobranche erfasst. Zu den Pionieren gehört das «Love Eat» im Süden der Stadt mit dem besten organischen Kaffee. Vor zehn Jahren hat «Love Eat» mutig den ersten Schritt zum Umdenken gewagt, jetzt hat die Bio-Kaffeebar bereits drei Filialen. Und die Nachzügler sind zahlreich. Es gibt organische Hummusstände wie «Aba Gil» in der Yehuda Halevy Strasse, der seinen pestizidfreien Hummus jeden Tag frisch zubereitet, organische Veggie-Burger bei «Budda-Burger», vor dem gesundheitsbewusste Tel Aviver Schlange stehen. Will man den Sojabohnen-Burger lieber zuhause oder im Büro essen, werden diese nicht mit dem Auto, sonder per Fahrrad-Kurier geliefert.
Ein höheres Umweltbewusstsein
Zudem haben die Tel Aviver das Fahrrad entdeckt. Und nicht nur am autofreien Jom Kippur erobern die Zweiräder die Stadt. In der Hashmonaimstrasse reihen sich die Bikeläden aneinander und wer das nötige Budget hat, kann dort Luxusräder für 30 000 Schekel kaufen. Es gibt zwar noch lange nicht genug Fahrradwege, doch werden permanent neue ausgebaut. 74 Kilometer Radwege wurden im letzten Jahrzehnt asphaltiert, bis zum 100. Geburtstag sollen die fehlenden 26 Kilometer dazu kommen, um das Jubiläum der Stadt mit 100 Kilometer Radwegen zu begehen. Fahrradgeschäfte- und verleihe locken auch Touristen, die Stadt per Pedale zu entdecken. Der Umstieg aufs Fahrrad und auf den neuen Trend der Elektro-Roller ist gerade für Tel Aviv existenziell. Laut einer Studie des Umweltschutzministeriums sterben im Ballungsraum Tel Aviv jährlich 1000 Menschen an den Folgen der horrenden Luftverschmutzung. Erst 2008 und damit über vier Jahrzehnte nach dem sogenannten «Clean Air Act» in den Vereinigten Staaten trat in Israel ein Luftreinhaltungsgesetz in Kraft.
Das gerade die Erziehung eine wichtige Rolle für die grüne Zukunft des Landes spielt, haben nun auch Lehrer und Kindergärtner erkannt. In vielen Schulen und Kindergärten ist Umweltschutz Thema des Jahres. Da wird kräftig recycelt, 5-Jährige entsorgen verbrauchte Batterien, sammeln Plastikflaschen, sortieren Altpapier. Die Kinder verwandeln Eier- und Milchkartons in bunte Kunstobjekte. Natürlich wird sparsam auf beiden Seiten von Papier gezeichnet. Das Umweltministerium hat im Dezember 2008 82 Kindergärten den grünen Stempel verliehen. Und wie bekommt man die grüne Auszeichnung? Die Kinder lernen nachweislich Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen, sparen Wasser, bauen eigenes Gemüse im Garten ohne chemischen Dünger, sondern mit selbstangefertigtem Kompost an. Bei dieser neuen Generation erziehen oft die Kinder ihre Eltern: Die Kleinen kommen voller Elan nach Hause und lehren Mütter und Väter Müll zu trennen und den Wasserhahn beim Zähneputzen nicht laufen zu lassen. Dass Israel nicht genug Wasser hat, weiss heute jeder ABC-Schütze. Im Fernsehen laufen die warnenden Spots jeden Tag über den Bildschirm: Israel trocknet aus – selbst im Winter. Das dringt ins Bewusstsein, wenn auch schleichend, und zieht Umdenken nach sich. Schliesslich erlebt Israel die schlimmste Wasserknappheit seiner Geschichte, auch die Behörden rufen zum Sparen auf und fordern weniger Autowäschen, wassersparende Pflanzen für private Gärten und die Reparatur tropfender Wasserhähne.
Ein eigener Planet
Was in Europa seit Jahren gang und gäbe ist, erlebt in Tel Aviv eine späte Geburt. An den Strassenecken stehen gelbe käfigartige Behälter, in die die Bürger pflichtbewusst ihre leeren Plastikflaschen werfen. Es gibt sogar Öko-Waschsalons, da kommt die saubere Wäsche nicht in Plastik, sondern in Jutetüten, die verwendeten Waschmittel sind Naturprodukte «made in Israel», und statt mit Elektrizität werden die Waschtrommeln mit Naturgas betrieben. Tel Aviv hat auch eine eigene grüne Polizei. Das sind Uniformierte, die auf dem Vesparoller durch die Stadt fahren und vor allem nach ungehorsamen Hundehaltern auf der Pirsch sind. Wenn ein Herrchen oder Frauchen dabei ertappt wird, den Haufen seines Hundes nicht zu entsorgen, muss er 700 Schekel Strafe zahlen. Und da es in Tel Aviv fast ebenso viele Vierbeiner wie junge Menschen gibt, füllt die grüne Polizei eifrig die Stadtkasse. Sicher, ein Spaziergang ohne Tretminen von Hundehaufen ist wünschenswert, aber genauso wichtig wäre es, wenn die grünen Ritter sich den anreisenden Menschen annähmen, die jeden Samstag freizügig den Park Hayarkon verschmutzen, die grüne Lunge von Tel Aviv. Da wird gegrillt und gegessen, bis der Rasen am Abend von leeren Chipstüten und Limonadenflaschen überzogen ist.
Tel Aviv ist ein eigener Planet. In der Stadt, in der es weder feste Regeln noch Tabus oder Konventionen gibt, sind die Menschen immer offen für neue Trends. In Tel Aviv schlagen die Uhren anders. Es gibt keine Sperrstunde, Supermärkte haben 24 Stunden geöffnet, Verkehrsstaus um vier Uhr morgens sind keine Ausnahme. Alles ist möglich, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Tel Aviver lassen sich im Mondschein beim Friseur die Haare schneiden, kaufen nachts Bücher und Platten, bräunen sich tagsüber auf den Dächern ihrer Bauhaus-Häuser, füttern die vielen streunenden Katzen, laufen mit ihren Hunden über die Rothschild-Allee und: leben vor allem für den Moment. Tel Aviver ziehen spontan durchs Leben. Dass der grüne Trend nun die Stadt erfasst hat, tut ihr gut. Mehr als das, ein Umdenken scheint fast lebensnotwendig. Denn im Ballungsraum der Metropole leben über zwei Millionen Menschen auf engsten Raum. Die Hitze ballt sich zwischen den etlichen neuen bombastischen Hochhäusern, die selbst in idyllischen Vierteln wie Neve Zedek gen Himmel ragen und den Bewohnern die Sicht und Meeresbrise rauben. Trotz Bürgerinitiativen und Protesten von Anwohnern werden munter neue gigantische gläserne Wohntürme genehmigt und gebaut, die so gar nicht zum Charakter der weissen Bauhaus-Stadt passen.
Ein grüne Zukunft?
Die meisten Tel Aviver haben das Thema Umweltschutz lange Zeit ignoriert, so wie alle Israeli. In einem Land, in dem Terror, Kriege und Sicherheitsbedenken die wichtigen politischen Inhalte sind, galt Umweltbewusstsein jahrelang als utopisches Randthema grüner Idealisten. Doch so langsam sickert der Wunsch nach sauberem Wasser, reiner Luft und alternativen Energien auch in die Köpfe der breiten Bevölkerung. Zu den ökologischen Hightech-Pionieren gehört der Unternehmer Shai Agassi, der das Land mit 500 000 Aufladestationen für Elektroautos und 150 Elektrotankstellen überziehen will. Um die chronisch verstopften Strassen Tel Avivs zu entlasten, soll im Jahre 2014 eine U-Bahn-Linie in Betrieb genommen werden, an der seit zwei Jahren geplant wird. Eine Alternative zu den luftverpestenden Autobussen, die in atemraubender Geschwindigkeit durch die Stadt heizen, wäre eine wahre Bereicherung für die Metropole. Ja, vielleicht sieht die Zukunft wirklich grün aus. Eine Prise Optimismus gehört dazu, um in dieser verrückten, hektischen, charmanten Stadt zu leben – und innovativ und optimistisch, das sind die Tel Aviver auf jeden Fall. ●
Naomi Bubis ist Journalistin und lebt in Tel Aviv.


