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27. März 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 13 Ausgabe: Nr. 13 » March 26, 2009

Militärische Ethik auf dem Prüfstand

von Jaques Ungar, March 26, 2009
Haben israelische Soldaten während des Gaza-Kriegs palästinensische Zivilisten als Freiwild behandelt? Seit sich Beteiligte in den Medien zu Wort gemeldet haben, ebbt die Debatte rund um dieses heikle Thema nicht mehr ab.
ANGESCHLAGENES IMAGE Was ist dran an den Vorwürfen?

Er glaube nicht, dass israelische Soldaten während der Offensive im Gazastreifen palästinensische Zivilisten «kaltblütig» geschädigt hätten. Mit dieser vor Rekruten abgegebenen Bemerkung griff Israels Generalstabschef Gabi Ashkenazi zu Beginn dieser Woche erstmals in die hitzige Diskussion ein, die im Land hin und her wogt, seit israelische Zeitungen Ende letzter Woche Aussagen von IDF-Soldaten veröffentlicht haben, denen zufolge Wehrmänner palästinensische Zivilisten ohne viel Federlesens getötet und deren Besitz mutwillig zerstört hätten. Ashkenazi tat den Bericht als übertrieben ab und betonte, die israelische Armee sei die «moralischste Armee der Welt». Man dürfe nie vergessen, unter welchen Bedingungen die Soldaten und Offiziere im Gazastreifen vorgehen mussten: «In einem Ort, an dem die Hamas eine Wohngegend in ein Schlachtfeld verwandelt hat und öffentliche Bauten zu Waffenlagern.»
Die Diskussion war durch Publikationen in «Haaretz» und «Maariw» ausgelöst worden; die beiden Zeitungen druckten Aussagen von Kampfpiloten und Infanteriesoldaten, die in Gaza gekämpft hatten – alles Absolventen des vormilitärischen Vorbreitungskurses namens Yitzchak Rabin im akademischen College Oranim in Tivon. Im Zentrum der Stellungnahmen stand das Eingeständnis, leichtfertig Feuer gegen Zivilisten eröffnet zu haben. Ein Zugführer erklärte, das Leben von Palästinensern sei als «sehr viel weniger wichtig als das Leben unserer Soldaten» eingestuft worden. Ein anderer Offizier meinte, die israelischen Truppen hätten jeden töten müssen, den man ins Visier bekam, denn im Gazastreifen sei «jeder ein Terrorist». Wieder ein anderer Offizier kritisierte das Verhalten der Wehrmänner, die auf Familienbilder in Wohnungen spuckten und «Tod den Arabern» auf die Wände schmierten, «einfach weil niemand sie daran hinderte». Solches Verhalten beweise, wie tief die israelische Armee ethisch gesunken sei. «Das wird mir am stärksten in Erinnerung bleiben», sagte der Offizier. Trotz der eindeutigen Stellungnahme zugunsten seiner Truppe erklärte Ashkenazi, die Armee habe eine Untersuchung eröffnet, und jeder Soldat, der nachgewiesenermassen die moralischen Werte der Armee verletzt habe, würde vor Gericht gestellt werden.
Noch ist die Untersuchung kaum angelaufen, und schon scheinen weite Teile der israelischen Medien – und im Schlepptau mit hämischer Freude abschreibende  Zeitungen und elektronische Medien im Ausland – den Stab über die israelische Armee insgesamt gebrochen zu haben.

Wusste die Armee Bescheid?

So meinte der für seine armee- und regierungskritische Haltung bekannte Journalist Gideon Levy in «Haaretz», der Hinweis der Armee auf die hohe Moral in der Truppe als Reaktion auf die Vorwürfe sei «propagandistisch und lächerlich». Damit würde man nicht nur die Öffentlichkeit an der Nase herumführen, sondern auch «schamlose Lügen» auftischen. Wörtlich schreibt Levy: «Die Armee weiss sehr wohl, was ihre Soldaten in Gaza getan haben. Schon lange ist sie nicht mehr die Armee mit dem moralisch höchsten Standard der Welt. Noch schlimmer: Sie wird nicht seriös untersuchen (…). Die Vergehen der Soldaten sind das unvermeidliche Ergebnis der während dieser brutalen Operation erteilten Befehle, und sie sind die natürliche Fortsetzung der letzten neun Jahre, in denen die Soldaten fast 5000 Palästinenser getötet haben, knapp die Hälfte von ihnen unschuldige Zivilisten, fast 1000 von ihnen Kinder und Teenager. (…) Die Armee ist nicht imstande, die Verbrechen ihrer Soldaten und Kommandanten zu untersuchen, und es ist lächerlich, das von ihr zu erwarten. Hier handelt es sich nicht um ‹verirrte Kugeln›, sondern um vorsätzliches Feuer aufgrund eines Befehls. Die betreffenden Soldaten sind nicht ‹ein paar faule Äpfel›; in ihnen spiegelt sich vielmehr der Geist des Kommandanten, und dieser Geist ist schon seit einer geraumen Zeit schlecht und korrupt.»
Unter dem Schutz der Anonymität erklärten einigen IDF-Offiziere gegenüber «Haaretz», die Zeugenaussagen überraschten sie nicht, denn «wer Augen im Kopf hat, der weiss, dass diese Dinge während der Kämpfe im Gazastreifen geschehen sind». Die Soldaten, die über das Missverhalten berichtet haben, haben, wie einer der Offiziere es formulierte, «uns einen sehr unbequemen Spiegel vorgehalten».

Übertriebene Berichte

Generalmajor Yair Golan, Kommandant der Heimfront, bezeichnete die Berichte als «übertrieben», gab aber zu verstehen, dass man sich mit «allen Abweichungen von den moralischen Standards der Armee» befassen werde.
Die Debatte um das Verhalten von IDF-Soldaten während des Gaza-Kriegs steht wahrscheinlich erst an ihrem Anfang. Es ist ihr aber bereits in ihrer spekulativen Phase gelungen, das Image des israelischen Soldaten in aller Welt noch weiter zu ramponieren. Unvorstellbar, was geschehen wird, wenn sich herausstellen sollte, dass das geschilderte brutale Verhalten gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung nicht nur das Ausnahmeverhalten einiger der Uniform unwürdiger Israeli war.






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