Integration von Tiferet?
Er habe «die Vision, dass die ICZ in der nächsten Generation immer noch eine Einheitsgemeinde ist, eine Einheitsgemeinde mit verschiedenen Facetten», sagte Co-Präsident André Bollag zu Beginn des Gemeindeabends. «Wir müssen nur den Mut haben, uns auf Neues einzulassen und da und dort auch Kompromisse zu schliessen.» Damit war die auf drei Jahre befristete Vereinbarung gemeint, mit der Tiferet in die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) integriert werden soll. Die Abstimmung soll an einer ausserordentlichen Gemeindeversammlung am 27. April stattfinden, zusammen mit dem Beschluss über einen Umbau des Gemeindehauses. Nur einen Tag vorher wird Tiferet beschliessen, wie viele der 63 Mitglieder künftig ICZ-Mitglieder mit allen Rechten und Pflichten werden wollen. Das Resultat wird demnach erst unmittelbar vor der Abstimmung vorliegen.
Man könnte Steuern sparen und auf die Kompromisse verzichten, sagte André Bollag. Mit der Integration von Tiferet soll jedoch ein Beitrag geleistet werden, «den Frieden im jüdischen Zürich zumindest teilweise wieder herzustellen». Bei einem weiteren Rechtsrutsch der beiden charedisch-orthodoxen Gemeinden Zürichs würde die ICZ als religös traditionell geführte Gemeinde durch eine Zusammenarbeit mit einer modernen gemässigten Orthodoxie unabhängiger. Der Schritt solle «auch andere Bewegungen dazu ermutigen, sich innerhalb der ICZ eine Stimme und Gehör zu verschaffen und sich zu verwirklichen».
Wenig Mut zu Neuem
Für den Mut zu Neuem plädierte kein halbes Dutzend der rund 220 Anwesenden. dagegen äusserten zahlreiche Votierende Zweifel am Kompromiss zugunsten von Tiferet. Vorstandsmitglied Edgar Abraham, Moderator des Abends, hatte eingangs erläutert, das Experiment Tiferet, vor gut drei Jahren begonnen, sei gescheitert, was nicht ehrenrührig sei. Die Zukunft liege nicht in einer Zersplitterung durch eine fünfte Gemeinde in Zürich, sondern, aus Einsicht und Weitsicht, in einem Holdingmodell ICZ. Er rief zu Wortmeldungen mit Respekt, Anstand, Ruhe und Würde auf, was auch durchwegs eingehalten wurde.
Francis Nordmann, Vizepräsident von Tiferet, der Fragen zu seiner Gemeinde beantwortete, erklärte, das Experiment sei nicht gescheitert. Er sei stolz, dass das Ziel, eine ideelle Basis zu schaffen, erreicht worden sei, aber Tiferet sei der ICZ dankbar, dass diese Hand zur Kooperation biete. Laut Nordmann gehören etwa 15 Tiferet-Mitglieder zur ICZ und ungefähr gleich viele zur IRG. Am Rande war zu vernehmen, dass anscheinend der Rest, wie Nordmann selbst, bisher grossmehrheitlich keiner anderen jüdischen Gemeinde angehöre. Nordmann geht davon aus, dass sich die Mehrzahl der Tiferet-Mitglieder der ICZ anschliessen werde; genau wisse er das aber nicht. Aber er sagte auch sehr deutlich, dass diese Gruppe religiös autonom bleiben wolle. Die Vorbehalte der anwesenden ICZ-Mitglieder liessen sich in verschiedene Argumentationsschienen unterteilen: Weshalb soll sich die ICZ verpflichten, 100 000 Steuerfranken jährlich für Tiferet auszugeben, ohne zu wissen, wie viele von deren Mitgliedern mit wie viel Steueraufkommen sich tatsächlich in die ICZ integrieren wollen? Weshalb wurde keine kostenneutrale Integration vorgeschlagen? Warum will Tiferet einen eigenen Rabbiner auf ICZ-Kosten behalten? Würde es zu doppelten Loyalitäten kommen, wenn der Tiferet-Rabbiner seinen Leuten vorschriebe, eine Weisung des ICZ-Rabbinats nicht zu befolgen? (Antwort: Er würde nur nach innen wirken und sich nach aussen nicht einmischen.) Wie stark würden der Kindergarten und damit das Budget der ICZ belastet werden? (Es kämen 20 Kinder im Kindergartenalter.) Was war bisher so falsch an der ICZ, dass eine neue Gemeinde gegründet werden musste, und weshalb wollen die Tiferet-Leute jetzt der ICZ beitreten? Gäbe es künftig in der eher konservativen ICZ neue religiöse Vorschriften?
Frage nach den Kosten
Zwei Redner betonten, dass Sonderwünsche in jedem Fall von neuen Gruppierungen selber finanziert werden sollten (beispielsweise ein eigener Rabbiner, der im Fall von Tiferet etwa einmal pro Monat anwesend ist und dafür laut Tiferet-Budget 60 000 Franken pro Jahr erhält, zwei Drittel des angemeldeten Finanzbedarfs). Einer dieser Redner betonte, dass im Minjan Wollishofen Referenten und Veranstaltungen selber bezahlt würden. Der Minjan erhält allerdings Zuwendungen der ICZ für ihre dort betenden Mitglieder (neuerdings bekommt auch Schabbat Acheret mit einer eigenen Gottesdienstform ein wenig Geld von der Gemeinde). Eine Rednerin fragte, ob nicht am Ende wegen des «Sonderrabbiners» die ICZ-Steuern, die nicht eben gering seien, erhöht werden müssten.
Es sollte nochmals gerechnet werden, hiess es, sonst müsse die Gemeinde eines Tages auch den Tiferet-Mitgliedern genehme Kindergärtnerinnen oder anderes finanzieren. Den Einwand, man solle nicht nur über finanzielle Themen reden, konterten mehrere Votanten mit der Frage: «Weshalb will Tiferet der ICZ beitreten, wenn nicht wegen der Finanzen?» Es wurde an Streitigkeiten des Minjans Wollishofen mit Tiferet erinnert. Sigi Pugatsch, Präsident von Tiferet, sagte, mit dem vorherigen ICZ-Vorstand sei keine Kooperation möglich gewesen. Religiös, betonte er, stünden wir jetzt im Jahre des Besammelns, und er wünsche sich Frieden im jüdischen Zürich.
Das Schlusswort erheilt ICZ-Gemeinderabbiner Marcel Ebel, der laut Vereinbarung die halachische Autorität der ICZ bleiben würde; Kultus und Ritus würden ohnehin weiterhin von der Gemeindeversammlung bestimmt. Er habe keine Angst vor einer «unfreundlichen Übernahme», sagte Rabbiner Ebel: «Ich stehe voll und ganz zur Einheitsgemeinde.» Er wolle auch Grabenkämpfe bei der Wahl seines Nachfolgers vermeiden. Die ICZ würde sich wegen der Ausstiegsklausel aus der Vereinbarung auch nicht mit Ross und Wagen verkaufen. Angesichts knapper werdender Ressourcen müsste die Gemeinde zusammenstehen. Er wünschte sich, dass die Tiferet-Mitglieder nicht nur in die Minjanim gehen, sondern auch die Gottesdienste der ICZ besuchen würden. Es sei wichtig, dass von Neuen auch etwas zurückkomme.


