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27. März 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 13 Ausgabe: Nr. 13 » March 26, 2009

Die Zukunft beginnt morgen

March 26, 2009
Editorial von Gila Blau

Einheit. Endlich wird die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) wieder durch einen Vorstand geführt, der sich nicht selbst genug ist. Der sich um die Mitglieder sorgt und sich Gedanken über die Zukunft einer jüdischen Gemeinde in einer veränderten Welt macht. Nach den Vorstellungen des Vorstands soll die ICZ auch in Zukunft eine Einheitsgemeinde bleiben, in einer Form, die allen Lebensentwürfen jüdischer Menschen ihren respektvoll unangefochtenen Platz bietet. Eine jüdische Gemeinde als Gemeinschaft von Jüdinnen und Juden. Ist die Schweiz eine Willensnation von vereinten Minderheiten, so soll eine Einheitsgemeinde der jüdischen Minderheit eine Willensgemeinschaft verschiedener Strömungen sein. Die Zukunft hat die ICZ längst eingeholt, aber sie ist noch nicht überall angekommen. Gebremst wurde sie in der mittelbaren Vergangenheit durch eine falsche Weichenstellung. Geblieben ist der Wunsch der Mitglieder nach Breitbandanschluss in der eigenen Gemeinschaft. Es ist Zeit, die Blockade zu lösen. Der ICZ-Vorstand ist mit diesem Vorsatz angetreten und will ihn auch umsetzen.



Pluralismus. Die ICZ braucht ein neues Dach, nicht nur im reparaturbedürftigen Gemeindehaus. Darunter sollen Räume für alle Bedürfnisse entstehen. In den letzten Jahren stand das Haus ICZ an einer Einbahnstrasse, die nach rechts führte. Die moderate Orthodoxie hatte immer den ihr gebührenden Platz in der Einheitsgemeinde. Auf der anderen Seite des Spektrums bildete sich vor einigen Jahren die kleine Gruppe des Schabbat Acheret. Vergessen ging jedoch die Mehrheit der ICZ-Mitglieder: Die «traditionellen» Juden, die ihr Judentum auf unterschiedliche Weise leben und dies weiterhin unbehelligt tun möchten. Sie fühlten sich zunehmend eingeengt und trotz ihrer Zahl marginalisiert von «rechts». Nun sucht die modern-orthodoxe Gemeinschaft Tiferet eine Mitgliedschaft in der ICZ. Das ist zwar ein erster Schritt unter das einigende Dach. Nur ist dieses Dach noch nicht gebaut. Es ist noch nicht einmal projektiert. Dabei gibt es eine Gruppe innerhalb der ICZ, die einen Plan für das pluralistische Haus ICZ samt Dach und Räumen entworfen hat. Das gegenwärtige Misstrauen der «traditionellen» Mehrheit ist verständlich. Sie fühlt sich wohl mit einer Funktion ohne Form konfrontiert. Sie fragt sich unter anderem, ob ein Rechtsruck droht und weshalb sie, die andere Bedürfnisse hätte, noch einen dritten orthodoxen Rabbiner finanzieren soll.

Wandel. Das Projekt Tiferet müsste dieser Mehrheit vertieft nahe gebracht und die Befristung der Vereinbarung auf drei Jahre als Zeitspanne für weitere Pluralisierung dargestellt werden. Der neue ICZ-Vorstand hat längst bewiesen, dass er die Mitglieder ernst nimmt. Er könnte, ohne im Geringsten das Gesicht zu verlieren, einen Schritt zurück tun und die Anliegen der Mitglieder beurteilen, die am Orientierungsabend geäussert wurden – gemeinsam mit der Tiferet-Führung, vielleicht auch mit der Gruppe, die ein eigenes ICZ-Projekt entwickelte. Und er sollte die Tiferet-Vorlage nicht etwa aufgeben, sie aber nicht zusammen mit dem Umbauprojekt zur Abstimmung bringen. Die politische Erfahrung in der direkten Demokratie zeigt, dass bei Ablehnung umstrittener Vorlagen auch andere Geschäfte in Gefahr geraten. Die ICZ muss sich wandeln, um zu bestehen. Aber die Zukunft kann ruhig auch erst morgen beginnen, wenn sie nachhaltig sein soll.



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