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27. März 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 13 Ausgabe: Nr. 13 » March 26, 2009

«Das Schreiben hatte ich immer im Kopf»

Interview Yves Kugelmann, March 26, 2009
Die junge Zürcher Autorin Lea Gottheil legt mit «Sommervogel» einen beeindruckenden Debütroman vor und erzählt über ihre Motivation und ihre weiteren schriftstellerischen Pläne.
Lea Gottheil

TACHLES: Die Themen Ihres neuen Buchs «Sommervogel» – die Zeit des Zweiten Weltkriegs, Provinz und Stadt in der Schweiz und eine Krankheitsgeschichte – erstaunen bei einer Autorin Ihrer Generation. Wie sind Sie darauf gekommen?
LEA GOTTHEIL: Das Zürcher Literaturhaus führte 2006 ein «Altersheim-Projekt» durch, bei dem sich sechs Autorinnen und Autoren von Bewohnerinnen und Bewohnern eines Altersheims ihre Lebensgeschichte erzählen liessen. Meine Gesprächspartnerin, der ich mich rasch sehr nahe fühlte und die ich lieb gewann, erzählte mir viel, verstarb aber leider nach zwei Gesprächen. Es reizte mich sehr, aus dem Erhaltenen einen Roman zu machen, und zusätzliches Material bekam ich später noch von ihrem Neffen. Die wahre Lebensgeschichte vermischt sich im Buch allerdings mit Fiktion.

Hat Ihnen der Stoff dieser Lebens
geschichte eine andere Annäherung an diese vergangene Epoche ermöglicht?
Ja, aber meine Motivation war auch, dass ich selbst gerne Lebensgeschichten lese. Ich finde es schön und interessant, das Leben früher und heute aufgrund solcher Schilderungen miteinander vergleichen zu können.



Lotte, die Protagonistin des Romans, flüchtet geradezu vom Land in die Stadt. Glauben Sie, dass jemand, der die Stadt einmal erlebt hat, dieses Bedürfnis so empfinden muss? Bei Lotte wurde einfach die Sehnsucht nach dem Leben, nach dem Lebendigen und nach Entwicklung grösser als ihre Schuldgefühle gegenüber der Mutter, auch wenn sie dem Vater auf dem Totenbett versprochen hatte, bei ihr zu bleiben und für sie zu sorgen. In der angestammten provinziellen, kleingeistigen Umgebung kann sie zu vieles von sich selbst nicht realisieren.

Sie verwenden in dem Buch das Gedicht «Dann» von Else Lasker-Schüler. Weshalb?
Ich liebe Else Lasker-Schüler schon lange; es ist also etwas Persönliches von meiner Seite, dass ich das Gedicht integriert habe. Aber die Frau, auf deren Geschichte das Buch beruht, liebte Lyrik auch sehr und schrieb eigene Gedichte, die sie allerdings nie zu veröffentlichen wagte. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch sie Else Lasker-Schüler gelesen hat.
 
Das Versprechen – ein wesentlicher Punkt in der Geschichte –  an den Vater auf dem Totenbett, für die Mutter zu sorgen, erinnert stark an jüdische Familienverhältnisse zwischen Tradition und Konfliktpotenzial. Haben Sie da aus der jüdischen Sozialisation geschöpft?
Ich glaube, dass mich diese Geschichte so sehr gepackt hat, weil ich mich darin auch wiederfinde. Vielleicht nicht in diesem Mass, weil ich zu Hause nie einen so starken Druck gehabt hätte, aber rein aus dem Gefühl, für die Familie da sein zu müssen. Mit dem jüdischen Familiensinn, der in der Geschichte vorhanden ist, kann ich mich sicher identifizieren.

Der Roman hat eine klare Struktur und verfügt innerhalb der Kapitel sogar über Untertitel. Ist das Ihre Technik oder Essenz auch dieser Art von Stoff?
Ja, das ist meine Technik. Dieser Aufbau gibt dem Text meiner Auffassung nach mehr Spannung. 

Ihr Schreibstil ist klar und unverschnörkelt und bringt einem die Protagonistin rasch näher. Haben die Gespräche mit ihr darauf Einfluss gehabt?
Das liegt eher an meiner grundsätzlichen – unbewussten – Art zu schreiben. Es ist der Reiz, die Dinge mit kurzen Sätzen auf den Punkt zu bringen. Anderseits glaube ich aber, dass man seinen Stil ganz unwillkürlich auch dem Stoff anpasst.


Sie haben sich als Autorin vor «Sommervogel» mit ganz anderen Themen beschäftigt. Hatten Sie diesen Wechsel ins doch sehr Ernsthafte und in den Roman ohnehin im Sinn?
Nein, auch wenn ich dachte, dass ich irgendwann einmal einen Roman schreiben würde. Aber dieser Stoff ist wirklich auf mich zugekommen, und ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Ich hatte richtig Lust darauf, und er kam wie ein Geschenk.

Sie sind gelernte Buchhändlerin. Hat Sie der Beruf zum Schreiben oder das Schreiben zum Beruf gebracht?
Das Schreiben hatte ich immer im Kopf. Aber bis man diesen Schritt einmal wagt und ihn sich zutraut, das ist ein langer Weg. Buchhändlerin bin ich aus Liebe zum Buch geworden. Es ist also beides miteinander verknüpft. Mit dieser Berufswahl wollte ich aber auch die Freiheit gewinnen, das zu lesen, wozu ich wirklich Lust habe, mich so richtig auf die Literatur stürzen zu können.

Lotte – deren Traum dies stets war – verkauft in ihrem eigenen Laden ihre eigene Kunst. Nun tun Sie das Ihrer Hauptfigur im Roman gleich und verkaufen im Buchladen mitunter auch Ihre eigenen Bücher. Ist Ihr Ziel ein eigener Buchladen?
Nein, nicht mein Ziel, aber natürlich ein Traum, denn ich aber eher nicht verwirklichen werde. Von der Ausbildung her hätte ich aber das Rüstzeug, es zu wagen.

Lottes Geschichte in Ihrem Buch hört relativ jäh auf und lässt vieles offen. Wird es einen Teil zwei geben?
Nein, das wird es nicht. Aber ich wollte einen nicht eindeutigen Schluss, einen, der Hoffnung zulässt, aber keine Gewissheit gibt. Für mein Gefühl war es an diesem Punkt einfach gut, Lotte ist im Leben, hat erreicht, was sie wollte, hat ihre Liebe gefunden. Und bei Brustkrebs ist es eben einfach so: Man weiss nie, ob er später wieder zurückkommt. Deshalb dieser offene Schluss, den die Lesenden selbst interpretieren sollen.

Was kommt für Sie als Nächstes: wieder ein Roman?
Ja, ich möchte wieder einen Roman
schreiben. Es macht mir echte Freude, lange Geschichten zu schreiben, Charaktere auszubauen. Für das nächste Buch werde ich mir aber sicher viel mehr Zeit nehmen. 

Sehen Sie sich selbst in einer bestimmten Tradition – etwas als jüdische, junge oder Schweizer Autorin verwurzelt?
Nein, solche Überlegungen mache ich mir nicht. Sicher habe ich meine literarischen Vorbilder, aber ich möchte mich bewusst nicht auf eine Kategorie festlegen.

Der Stoff von «Sommervogel» ist aber unbestritten sehr schweizerisch. 
Ja, sicher. Und auch mein nächster Roman wird ein Stoff sein, der in der Schweiz spielt. Ich finde es schön, zu beschreiben, wie wir hier leben und in diesem Sinne schon in einer Schweizer Tradition zu sein. Aber ich kann mir auch gut vorstellen – und die Idee dazu habe ich auch schon – einen Schauplatz im Ausland zu wählen, dorthin zu reisen, dort zu recherchieren. Das werde ich bestimmt auch noch tun.

Der Roman «Sommervogel» ist im Arche Verlag, Hamburg, erschienen. Die Buchvernissage von Omanut im Theater Stadelhofen findet am Mittwoch, 1. April, um 20.15 Uhr statt. Tickets unter www.theater-stadelhofen.ch. Am Montag, 6. April, um 18.30 Uhr ist die Autorin zu Gast im Züri Littéraire im Kaufleuten Festsaal, Pelikanplatz, Zürich.  



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