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20. März 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » March 19, 2009

Payerne will sich nicht erinnern

von Hans Stutz, March 19, 2009
Der bekannte Westschweizer Schriftsteller Jacques Chessex hat einen Bestseller geschrieben – die Erinnerung an die Ermordung eines jüdischen Berner Viehhändlers. Das Werk trägt ihm in seinem Geburtsstädtchen Payerne viel Kritik ein.
AUTOR JAQUES CHESSEX Gerät in seiner Geburtsstadt für sein jüngstes Werk in die Kritik

Das Büchlein von knapp 100 Seiten ist ein Riesenerfolg: rund 10 000 verkaufte Exemplare allein in der Westschweiz, und dies innert weniger Wochen. Doch dem Autor Jacques Chessex, der dieser Tage seinen 75. Geburtstag feierte, hat der Roman «Un Juif pour l’exemple» herbe Kritik in seinem Geburtsstädtchen Payerne beschert. Auch vom parteilosen Gemeindepräsidenten Michel Roulin. Dieser hat den Bestseller zwar nicht gelesen und will dies auch in Zukunft nicht tun, denn er möchte – wie er in mehreren Interviews betont – die Waadtländer Kleinstadt in eine grossartige Zukunft führen, mit ziviler Nutzung des Militärflughafens und neu angesiedelten Firmen. Wie viele Leute der älteren Generation, so erklärte Roulin in einem Interview, wolle er sich nicht an «jene schwierigen Zeiten, die man heute kaum verstehen kann, erinnern». Der Gemeindepräsident betont zwar, er wisse um den «Schrecken dieses schmutzigen Verbrechens». Ein anderes Mal erklärt er aber auch, diese Tat sei nichts anderes als eine «Schlagzeile», tragisch zwar, doch üblicherweise vergesse man solche Geschichten nach ein paar Tagen.

Ein brutaler Mord

Das Verbrechen: Am 16. April 1942 verlässt Arthur Bloch, Viehhändler jüdischen Glaubens, frühmorgens seine Wohnung in Bern, um an den Viehmarkt nach Payerne zu fahren. Acht Tage später findet die Polizei nachmittags seine Leiche im Neuenburgersee, sie ist zerstückelt und steckt in drei Milchkannen. Der örtliche Rädelsführer, Hilfsarbeiter in der Autogarage seiner Brüder und Anführer einer lokalen Nazigruppe, hatte am Vormittag gestanden und den Ermittlern den Weg gewiesen. Innert Stunden verbreitete sich im Städtchen die Botschaft, der seit dem Markttag vermisste Bloch sei von Nazis ermordet worden. Als die fünf geständigen Verhafteten, alle Einwohner der Kleinstadt, abends für den Transport ins Untersuchungsgefängnis aus dem Polizeiposten in Handschellen in einen Gefangenenwagen geführt werden, verlangen Gaffer und Schaulustige Schnelljustiz.
Ein Jahr später wurden die Täter wegen Mordes verurteilt, dreimal zu lebenslänglicher Haft, einmal zu 20, einmal zu 15 Jahren Gefängnis. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verurteilte ein anderes Waadtländer Gericht auch noch Philippe Lugrin, einen militanten Fröntler und Antisemiten aus Lausanne, wegen Anstiftung zu Mord ebenfalls zu 20 Jahren Gefängnis. Er war wenige Tage nach der Tat mit Hilfe von nazideutschen Stellen zuerst ins besetzte Frankreich, dann ins «Dritte Reich» geflohen. Er hatte den Anführer der Payerner Nazis angewiesen, sie müssten einen Juden verschwinden lassen, «Befehl von ganz oben». Auch weitere Gruppen würden zur Tat schreiten. Der Mord an Arthur Bloch ist das schlimmste antisemitische Verbrechen in der Schweiz, das seit der Emanzipation der Juden bekannt wurde.

Ungenügende Recherche

Damals lebte im Landstädtchen Payerne auch ein achtjähriger Knabe: Jacques Chessex, sein Vater war Direktor der Gemeindeschulen und bekannt als verklärender Beschreiber des Landstädtchens. Chessex ist heute der renommierteste Westschweizer Schriftsteller und wird auch über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen. Die Erinnerungen an die schreckliche Tat hätten ihn seit 67 Jahren verfolgt, erklärt er in einem Interview. Er hat die Tat bereits vor 40 Jahren in Kurztexten beschrieben, weshalb ihm nun die Regionalzeitung «La Broye» vorwirft, Chessex spucke schon seit Langem auf seine Geburtsstadt. Auf wenig Gegenliebe stösst denn auch Chessex’ Vorschlag, in Payerne mindestens eine Gedenktafel für Arthur Bloch aufzustellen, allenfalls auch einen Platz in «Arthur-Bloch-Platz» umzubenennen. Dabei hat Chessex inzwischen allerdings Unterstützung vom Waadtländer Regierungsrat Philippe Leuba erhalten.
Chessex schreibt über seine Erinnerungen an die Fakten, aber auch über die inzwischen entstandenen Gerüchte, insgesamt sei sein Roman eine Zusammenfassung der lokalen Oral History. Doch die Erinnerung ist sowohl Muse wie Falschspielerin, wie die seit über zehn Jahren zugänglichen Gerichtsakten beweisen. Diese Dokumente hat Chessex nicht eingesehen. Er behauptet beispielsweise, die fünf Täter wie auch der ferne Anstifter Lugrin hätten Bloch Tage vorher gezielt als Opfer auserkoren. In Tat und Wahrheit wollte die Payerner Gruppe am Vorabend des Marktes einen Viehhändler Braun aus Basel beseitigen, doch dieser war nicht auf dem Platz.
Unmittelbar nach der Verhaftung beschreibt die Polizei die Täter sofort als aussergewöhnlich gewalttätig. Allerdings waren sie alle ohne einschlägige Vorstrafen. Ja, genau am Tattag bestätigt ein Gemeindepolizist in einem Leumundsbericht den guten Ruf des lokalen Anführers, dieser sei zwar der lokale Chef einer politischen Gruppe, die mit dem Regime der Achse sympathisiere, man betrachte ihn aber als guten Mitarbeiter, arbeitsam und zurückhaltend, charakterlich sei er ein wenig verschlossen. Das Geschehen hinter den Kulissen des Amtsgeheimnisses und der Medienzensur beachtet Chessex allerdings nicht. Er erwähnt zwar, dass sein Vater eine Zeugenaussage machen musste, weiss jedoch nicht, dass sein Vater sich sehr nachsichtig über den jüngsten Täter, einen ehemaligen Schüler der Schule äusserte, wie übrigens auch ein Klassenlehrer und ein Kadettenführer.

Ein «bedauerlicher Zwischenfall»

In der Tat lebten die örtlichen Nazitäter bis zum Mord unangefochten in der Kleinstadt. Nach der Verhaftung wurden sie sofort zu Ausgestossenen. Die Payerner Meinungsführer wollten sich ihre Untätigkeit gegenüber den örtlichen Nazis nicht vorhalten lassen. Bereits wenige Tage nach der Tat schrieb eine der beiden Lokalzeitungen, je weniger man von dieser Ungeheuerlichkeit spreche, desto besser sei es. Und nach dem Prozess klagte das Blatt zuerst, die Gerichtsverhandlung habe den Namen der Stadt «in traurige Schlagzeilen» gebracht, aber nun gelte es, «diese widerwärtige Seite zu wenden». Als der Fotograf und Filmer Yvan Dalain und der Journalist Jacques Pilet 1977 einen Dokumentarfilm über den antisemitischen Mord drehten, sperrten sich Payernes Notabeln gegen das Unternehmen. Der Stadtarchivar, der auch heute noch im Amt ist, erklärte bereits damals, es sei «ein verrückter und bedauerlicher Zwischenfall». Aber er denke nicht, dass man viel darüber sprechen müsse. Jener Film, «Analyse d’un crime», der bei seiner Ausstrahlung 1977 einige Diskussionen auslöste, fasste das damals bekannte Wissen erstmals zusammen. Jacques Chessex allerdings, verunglimpfte ihn unlängst als «schwatzhaft». Er soll nächstens wieder im Westschweizer Fernsehen gezeigt werden.





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