«Ich träume immer vom nächsten Projekt»
tachles: Der Umgang mit Licht ist ein Wesensmerkmal Ihrer Architektur. Licht, das Räume zur Entfaltung bringen soll. Bildet letztlich das Licht die Räume?
Richard Meier: Man kann nicht über Architektur sprechen, ohne auch über Licht zu sprechen. Die zwei sind eine Einheit. Bei Tag gibt das natürliche Licht vielen Räumen ihre Qualität und ihren Charakter. Mich beschäftigt, wie das Licht in die Räume einfällt, wie man diesen Räumen ihren Ausdruck gibt und wie man sich in ihnen bewegt. All dies wird erst durch die Qualität des Lichts, durch Licht und Schatten erkennbar.
Hängt dies ausschliesslich mit den Räumen selbst zusammen oder auch mit Farben?
Farben sind natürlich auch sehr wichtig, denn das Licht verändert sich, und die Farben verändern sich anhand der Qualität des Lichts. An einem grauen Tag wie heute hat auch der Raum einen etwas grauen Aspekt. Weisse Farbe nimmt die Farbe des Tages, der Tageszeit und der Jahreszeit auf. Diese Farbspiele können sehr unterschiedlich wirken.
Ist Ihr privates Heim weiss gestrichen?
Ja, meine Wohnung in New York City ist weiss gestrichen.
Der neue Rothschild-Tower, den Sie in Tel Aviv planen, soll für Weite und Offenheit stehen.
Ja, er soll sehr leicht wirken und lichtdurchflutet sein. In Tel Aviv mit seiner starken Sonne kann man das auch besser kontrollieren, indem man mit Glas und Sonnenblenden arbeitet, welche zu bestimmten Tageszeiten die direkte Sonne abhalten. In diesem grossen Gebäude wird man das spezielle Licht von Tel Aviv erleben können.
Tel Aviv ist ja das Bauhaus-Mekka schlechthin. In den sechziger Jahren haben Sie sich, wie Sie sagten, gegen Bauhaus und für Le Corbusier entschieden, nun bauen Sie im Stil des Bauhaus. Ein Widerspruch?
Ich glaube nicht. 1959, nach Abschluss meines Architekturstudiums, reiste ich einige Monate durch den Nahen Osten und Europa, und ich begann meine Reise in Israel. Schon damals nahm ich die ganz spezielle Art des Lichts wahr. Das Gebäude, das wir jetzt in Tel Aviv realisieren, steht ja in einer Bauhaus-Umgebung, die wunderschön renoviert wurde – meiner Meinung nach die schönste Ecke Tel Avivs. Ich bin mehr als glücklich, dort bauen zu dürfen und Teil dieses Erbes zu werden.
Haben Sie mit diesem Entscheid für den Bauhaus-Stil Ihre eigene Le-Corbusier-Tradition gebrochen?
Nein, denn als ich nach dieser Reise nach Amerika zurückkehrte, erhielt ich für drei Jahre, bevor ich mich selbständig machte, einen Job bei Marcel Breuer, der ja sogar als Lehrer am Bauhaus unterrichtete. Ich bewunderte sein Werk sehr, speziell das frühe, und es hatte mit Sicherheit auch einen gewissen Einfluss auf mich als jungen Architekten.
Also war die Bauhaus-Tradition für Sie doch wichtig?
Le Corbusier war für mich sicher wichtiger, weil er sich mit Raum, Licht und Struktur auseinandersetzte. Er hatte grossen Einfluss auf mein Werk.
Sie waren auch mehrfach in Deutschland tätig.
Ja, in Baden-Baden steht etwa mein Burda-Gebäude, in Ulm gibt es das Einstein-Haus und in der Nähe von Ulm eine Galerie. In München habe ich für Siemens gebaut, und auch in Hamburg war ich schon tätig.
Machte es für Sie einen Unterschied, in Deutschland zu bauen, einem Land, das zerstört worden war und dessen architektonische Tradition daniederlag?
Nein, ich hatte ja bereits 1979 das Museum für Kunsthandwerk in Frankfurt gebaut, war also schon vor 30 Jahren in Deutschland tätig. Ich bin nie auf nennenswerten Widerstand gegen die moderne Architektur gestossen. Sie wurde als Teil der Tradition akzeptiert, die durch den Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Als ich 1979 in Frankfurt zu arbeiten begann, gab es nicht viel gute zeitgenössische Architektur. Das ebnete uns Architekten den Weg, um gute Arbeit zu machen und modern zu sein.
Gibt es eine spezifisch jüdische Vorstellung von Raum?
Nein, ich glaube nicht. Raum hängt mit allgemein menschlichen Anschauungen zusammen, damit, wie sich Leute von einem Ort zum anderen bewegen, mit Funktion, Ort und Situation. Wenn jemand eine Synagoge baut, kann er sich Gedanken über die Gegebenheiten dieses Orts und darüber machen, wie dieser die jüdische Religion reflektiert. Aber sonst hat Architektur meiner Auffassung nach keine spezielle Jüdischkeit an sich.
Auch nicht durch die grössere Mobilität der Juden?
Ich bin nicht einmal sicher, ob sich heute die Juden noch flexibler bewegen als alle anderen. Vor 200, 300 Jahren war das sicher richtig.
Gibt es aufgrund des jüdischen Hintergrunds eine Art Verbindungsfaden zwischen den Werken jüdischer Architekten in der ganzen Welt?
Nein, nicht dass ich wüsste. Einige der mit mir befreundeten Architekten sind jüdisch, aber ich kann da nichts feststellen.
Sie gehören heute zu den Stararchitekten der Welt, und die meisten Stararchitekten möchten sich mit einem Museumsbau verewigen. Sie haben viele davon gebaut. Das bekannteste ist das Paul Getty Center in Los Angeles.
Ich liebe Museen, und wenn ich die Wahl hätte, würde ich nur Museen bauen. Denn es sind öffentliche Plätze der Begegnung. Sie sind heute auch soziale Plätze, und zudem sind sie mit Kunst verbunden. Das gibt einem die Chance, eins zu eins mit Kunstwerken verbunden zu sein, dies aber auch mit anderen Menschen zu teilen, und aus dieser geteilten Erfahrung kann man Inspiration schöpfen.
Ist ein Architekt auch ein Künstler?
Nein, Architekten sind Leute, die für Kunden Räume erschaffen, Räume zum leben und um sich darin zu bewegen. Diese Räume sollten gute Laune erzeugen und nicht schlechte Stimmung. Die Kunst des Architekten besteht darin, zu wissen, wie man das tut.
Wäre es für Sie eine Herausforderung, ein religiöses Gebäude zu bauen?
Ja. Ich wurde auch schon für den Bau einer Kirche angefragt – aber nie für eine Synagoge.
Wie würden Sie denn eine Synagoge bauen?
Da müsste ich mich mal hinsetzen und nachdenken. Es hängt vor allem davon ab, wo sie stehen und wie sie mit der Gemeinde verbunden sein sollte, die in ihr lebt.
Haben Sie einen Traum, ein Gebäude im Kopf, das Sie unbedingt bauen möchten?
Ja, es ist immer das nächste, das ich bauen werde. Ich weiss zwar noch nicht, was es sein wird, aber ich träume davon.


