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20. März 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » March 19, 2009

Als religiöse Frau unter Armeerabbinern

von Dina Kraft, March 19, 2009
Als erste Frau versieht Hauptmännin Ofra Gutman im Rahmen des rabbinischen Korps der israelischen Armee einen sehr wichtigen Posten: Sie ist Gesprächspartnerin für religiöse Soldatinnen, die geistige oder praktische Hilfe benötigen.
RELIGIÖSE FRAUEN IN DER ARMEE Sie müssen sich in der säkularen und von Männern dominierten Welt zurechtfinden

Als eine Mischung von geheiligter und logistischer Arbeit bezeichnet Hauptmännin Ofra Gutman, 29, ihre Arbeit als erste weibliche Offizierin im rabbinischen Korps der israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Manchmal muss sie sicherstellen, dass eine Soldatin, die beschlossen hat, religiös observant zu werden, Röcke anstelle der Hosen als Bestandteil ihrer Uniform bekommt, oder sie muss einer Soldatin helfen, die Schabbatgesetze an einer isolierten Armeebasis zu befolgen, an der es kaum religiöse Kameraden und Kameradinnen gibt. «Ich kenne die Welt, aus der sie kommen, denn auch ich war einmal dort», sagt Hauptmännin Ofra. «Ich weiss, was sie durchmachen, und sehe es als meine Aufgabe, ihnen zu helfen.»
In den IDF-Truppen dienen Zehntausende religiös observante Frauen, doch hatten sie keine Ansprechpartnerin für ihre spirituellen und praktischen Bedürfnisse, bis Ofra Gutmans Posten vor rund acht Monaten geschaffen worden ist. IDF-Oberrabbiner Avi Ronsky kreierte ihn bewusst für eine weibliche Offizierin, damit die Soldatinnen sich freier fühlten, ihre Belange vorzubringen. «Es gibt viele Themenkreise wie sexuelle Belästigung, Fragen der Züchtigkeit («zniut») und unangebrachter Berührungen zwischen Männern und Frauen», sagt Ofra, «die junge Frauen nur schwer mit einem Rabbiner diskutieren können, während sie gegenüber einer weiblichen Gesprächspartnerin dabei weniger Probleme bekunden.» Seit ihrer Amtsübernahme habe sie, erklärt Ofra, zahllose Anfragen erhalten.

Ansprechpartnerin für Soldatinnen

Die zentrale Funktion des rabbinischen Korps in der Armee besteht darin, sicherzustellen, dass das Militär sich an die jüdischen Gesetze hält. Die Einheit sorgt dafür, dass die Verpflegung auf der Basis koscher ist, dass Soldaten Gelegenheit haben für ihr Gebet und dass nicht notwendige Manöver nicht am Schabbat abgehalten werden. Jede militärische Einheit erhält Rabbiner wie auch nicht rabbinische Mitglieder des Korps zugeteilt, die helfen, die jüdische Erziehung zu überwachen, und sich um die Beerdigung von Soldaten sowie um die Schabbat-Gottesdienste kümmern. Die Einheit ist auch zuständig für die geistige Stärkung der Soldaten: Bevor die Truppen im Januar in den Gazastreifen einmarschierten, ging Rabbiner Avi Ronsky an die Front und segnete die Soldaten.
Als sie ernannt wurde, erinnert sich Ofra Gutman, seien einige Mitglieder des rabbinischen Korps erstaunt gewesen über die Anwesenheit einer Frau in ihrer Einheit. Sehr rasch aber fanden sie einen Weg zu guter Zusammenarbeit. Heute überweisen Rabbiner des Korps ihr regelmässig Fälle, vor allem solche, die ihrer Meinung nach besser von einer Frau zu behandeln sind.
Chana Pasternak von Kolech, einem Forum für religiöse Frauen, hatte sich sehr für die Schaffung des Postens von Ofra Gutman eingesetzt: «Endlich haben jüdische Frauen in der Armee jemanden, an den sie sich in religiösen und spirituellen Angelegenheiten wenden können.» Rund ein Drittel aller modern-orthodoxen Frauen entscheidet sich für den Armeedienst. Viele verzichten auf den Militärdienst und die Herausforderung eines Lebens in säkularer Umgebung. Stattdessen leisten sie Zivildienst in Krankenhäusern, Schulen oder Museen. Für jene, die sich zu Gunsten der Armee entscheiden, kann das Militär durchaus ein schwieriges Feld sein. Viele der Frauen haben Mädchenschulen absolviert, und die Armee ist für sie die erste praktische Begegnung sowohl mit einer säkularen Atmosphäre als auch mit der Tatsache, dass sie mit Vertretern des «starken Geschlechts» kooperieren müssen.

Erste Frau auf dem Posten

Gutman wuchs in einem traditionellen Heim auf und besuchte ein religiöses Gymnasium. Während ihrer ersten Jahre in der Armee diente sie als Offizierin in Gaza und der Westbank. Schon bald verstand sie, wie schwierig es sein kann, sich als Frau und als religiöse Jüdin in der männlich dominierten Armee zu behaupten. Als Offizierin in einem Operationszentrum im nördlichen Gazastreifen koordinierte sie zwischen Feldkommandanten und hochrangigen Offizieren in Israel, wie sie es schon an einer ähnlichen Position an der jordanischen Grenze getan hatte. Als Letztes half Gutman vor ihrem Austritt aus der Armee 2003, die Aktivitäten in den Westbankstädten Jenin und Tulkarem und in deren Umgebung zu überwachen. Auch dort war sie die erste Frau auf diesem Posten.
Nach einem vierjährigen Unterbruch – sie studierte Sozialarbeit und war im Wohlfahrtsministerium tätig – kehrte Gutman kürzlich in die Reihen des Militärs zurück. Ihre Erfahrungen als Sozialarbeiterin helfen ihr, die richtigen Fragen zu stellen und Lösungen zu finden. Ihre Aufgabe besteht darin, nicht nur Soldatinnen, mit denen sie arbeitet, den Rücken zu stärken, sondern oft auch deren Eltern, die regelmässig in die Basis zu telefonieren pflegen. «Unser Ziel ist es, die Armee zu einem Ort zu machen, an dem religiöse Soldatinnen den Dienst mit gutem Gefühl absolvieren.» Sie hoffe sehr, dass religiöse Mädchen zum Schluss gelangen, dass man in der Armee durchaus bedeutungsvolle Aufgaben verrichten könne und dass eine religiöse Lebensführung kein Grund sein müsse, um die Armee zu verlassen.





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