Leben und Arbeiten auf einer Raketenstation
Auf einer Insel im Fluss Erft im deutschen Nordrhein-Westfalen liegt die Museumsinsel Hombroich, auf der in verschiedenen Pavillons Kunst im Einklang mit der Natur ausgestellt wird. Der Kunst- und Landschaftspark zieht jährlich rund 70 000 Besucher aus aller Welt an. Vor mehr als 20 Jahren kaufte der mittlerweile verstorbene Immobilienkaufmann Karl-Heinrich Müller die Insel und bestückte diese mit seiner bedeutenden Kunstsammlung, die heute noch zu betrachten ist. Die Museumsinsel macht aufgrund der beispielhaften Verbindung von Natur und Kunst immer wieder international von sich reden.
Eine Wohn- und Kulturlandschaft
Das angrenzende Gelände einer ehemaligen Nato-Raketenstation wurde später von Müller mit dem Ziel erworben, dort Wissenschaft, Natur und Kunst zusammenzuführen. Heute leben und arbeiten auf diesem Gelände Künstler, deren Ateliers auf der ehemaligen Raketenstation fast futuristisch anmuten. Auch wissenschaftliche Institute, das sogenannte «Haus der Musiker» vom New Yorker Architekten Raimund Abraham, eine Veranstaltungshalle, Skulpturen und die von Architekt Tadao Ando entworfene Langen Foundation mit ihrer Kunstsammlung sind hier angesiedelt. Nachdem die Entwicklung der Insel Hombroich und der Raketenstation weitgehend vollendet ist, wird nun seit 2002 im weiteren Umfeld die dritte Säule des Gesamtkunstwerks geplant: Mit dem Projekt Raumortlabor Hombroich sollen die kulturellen Einrichtungen der Insel und der Raketenstation mit offenen Lebensformen ergänzt werden – es soll eine Wohn- und Kulturlandschaft entstehen. Neben der Architektur stellen die vor Ort vorhandenen Ressourcen Energie und Nahrung einen wichtigen Bestandteil des Gesamtprojekts dar.
Das Raumortlabor ist um die Raketenstation herum angesiedelt und mit seiner 400 Hektaren grossen Fläche zehnmal so gross wie die ehemalige Einrichtung der Nato. Vorgesehen sind verschiedene Quartiere, die von internationalen, namhaften Architekten geplant und sehr eigenständig geprägt sein werden. Ein Entwurf von Daniel Libeskind liegt vor, das «Haus der Musiker» von Raimund Abraham ist auf der Raketenstation bereits im Rohbau fertiggestellt und als Skulptur sehr beeindruckend. Die ersten Entwürfe der einzelnen Quartiere wurden auf der Architektur-Biennale in Venedig und im AIA-Zentrum für Architektur in New York sowie im Museum Ludwig in Köln präsentiert.
Ein Experimentierfeld
Das Raumortlabor, das auf der ehemaligen Raketenstation entstehen soll, kann als ein Experimentierfeld sowohl für architektonische Bauten wie auch für den Anbau von ökologischen Nahrungsmitteln betrachtet werden. So soll das vorhandene Gelände zu 90 Prozent aus Landwirtschaft und nur zu 10 Prozent aus Gebäuden bestehen. Ein Kindergarten existiert bereits und ist in Betrieb, geplant ist nun eine Grundschule, die bereits von Oliver Kruse, Professor für Architektur und Mit-Gesellschafter der eigens gegründeten gemeinnützigen Raumortlabor Stiftungs GmbH, entworfen wurde. Kruses Atelier befindet sich auf der Raketenstation, und er war bereits in das Projekt involviert, als der Insel-Gründer Karl-Heinrich Müller die Idee für den neuen Lebens- und Arbeitsraum auf der Raketenstation und dem angrenzenden Gelände entwickelte.
Die geplanten Quartiere werden eine jeweils sehr eigenständige Ausprägung haben. Die Grundabsicht liegt darin, einen Raum für besondere, alternative Lebensformen zu schaffen, auf dem langfristig Menschen wohnen, arbeiten und kulturell wirken werden. Die Bewohner dieses gemeinschaftlichen Lebensraums sollen sich auf ihrem eigenen Grund jeweils selbst mit Energie und Nahrungsmitteln versorgen können. Die einzelnen Quartiere werden von den
jeweiligen Architekten in Eigenregie
gebaut, sollen aber durch eine gesamtplanerische Nutzung zu einem Ganzen zusammengefügt werden.
Labor für andere Lebensformen
Die einzelnen Architekten, die sich auf dem Gelände der ehemaligen Raketenstation engagieren, richten sich nach einem von allen Planern beschlossenen Manifest. Der zentrale Grundsatz liegt in der symbiotischen Beziehung zwischen Vegetation und Mensch, die Voraussetzung zum Überleben beider ist. Diese Überzeugung vereint alle Mitwirkenden des Raumort-labors, dessen Realisierung ein noch lange andauernder Prozess sein wird. Das Projekt steht noch relativ am Anfang, erkennbar sind in den Entwürfen aber bereits robuste Bautypologien, die auf einen längeren Zeitraum hin betrachtet ganz unterschiedlich genutzt werden können. Auffällig sind die jeweils intensive Beziehung zwischen den geplanten Gebäuden und der sie umgebenden Landschaft sowie die Nutzung der natürlichen Ressourcen. Egal, ob ein Raum, ein Ort oder ein grösseres Gebiet in der Landschaft geplant wird, stets steht die Selbstbestimmung der Bewohner oder der Teilnehmenden im Vordergrund. Im Manifest ist festgehalten: «Hombroich Raumortlabor ist Integration und Einheit aller Bereiche.» Es ist ferner «höchstmögliches Gemeinnützigkeitsverständnis bei gleichzeitiger Verdichtung unterschiedlicher Wesensformen» und ein «offener Versuch». Menschen, Tiere und Pflanzen sollen gleichberechtigt miteinander leben.
Dauerhaft und zeitlos
Das Projekt und dessen Verwirklichung sind aber nach wie vor abhängig von Sponsoren, die von der aussergewöhnlichen Idee überzeugt sind und die Pläne unterstützen. Die Suche nach finanzkräftigen Investoren ist offenbar noch lange nicht abgeschlossen. Bereits bezugsfertig ist das Architekturmuseum von den Architekten Alvaro Siza und Rudolf Finsterwalder, das noch in diesem Jahr eröffnet werden soll. Der Entwurf von Daniel Libeskind, der neben zahlreichen anderen Plänen auf der Website des Projekts zu sehen ist, wird in nächster Zukunft wohl noch nicht umgesetzt werden können. Die von Kruse entworfene Grundschule als Ergänzung zum Kindergarten wird das Gelände der ehemaligen Raketenstation voraussichtlich in naher Zukunft beleben – die Vorbereitungen laufen bereits, das Projektmanagement wird durch das Unternehmen Kalthoff Urban Development betreut. Die Tatsache, dass das Raumortlabor Schritt für Schritt realisiert wird, entspricht aber auch dem Grundgedanken des Projekts. So sollen die geplanten Strukturen dauerhaft, erneuerbar, anpassungsfähig und vor allem zeitlos sein.
www.raumortlabor.de


