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15. Mai 2009, Finanzen Beilage Ausgabe: Nr. 20 » March 5, 2009

Die Vision der Gründer wurde Wirklichkeit

March 5, 2009
Was 1909 mit der Verlosung von Landparzellen unter 60 Familien auf Sanddünen begann, ist 100 Jahre später zum erfüllten Traum geworden: Fast 400 000 Menschen leben heute in Tel Aviv.
DER TRAUM IST IN ERFÜLLUNG GEGANGEN Die vibrierende, moderne Stadt Tel Aviv

Tel Aviv ist am 11. April 1909 gegründet worden. An diesem Tag versammelten sich einige Dutzend Familien auf den Sanddünen am Strand ausserhalb von Yafo, um Landparzellen für das neue Wohnquartier Achusat Bait zu verteilen, aus dem später Tel Aviv werden sollte. Weil sich die Familien nicht über die Art der Verteilung des Landes einig werden konnten, gelangten sie zum Schluss, dass eine Verlosung eine faire Lösung garantieren würde. Akiva Arieh Weiss, Vorsitzender der Verlosungskommission und einer der prominenten Persönlichkeiten bei der Gründung der Stadt, trieb je 60 weisse und 60 graue Muscheln auf. Auf die weissen Muscheln schrieb er die Namen der teilnehmenden Familien, auf die grauen Muscheln die Nummern der Parzellen. Durch das Zusammenlegen von je einer weissen und einer grauen Muschel erhielt jede Familie ihr Stück Land. Die Gründerväter von Tel Aviv machten sich daran, die erste moderne jüdische Stadt in Eretz Israel zu bauen.
Es war die Zeit der zweiten Alija, der jüdischen Immigration ins Land. Immer mehr Menschen bevölkerten die Strassen und Quartiere in der alten Hafenstadt Yafo, es wurde eng. Viele der Neuankömmlinge entstammten der europäischen Mittelklasse und waren bestrebt, eine Umgebung zu errichten, die sie an das erinnern würde, was sie zurückgelassen hatten. Sie wollten eine moderne Vorstadt von Yafo erschaffen.

Vision einer Gartenstadt

Nach und nach wuchs auf den Sanddünen eine Stadt. 1921, nach verschiedenen Zusammenstössen zwischen Arabern und Juden in Yafo, verlieh die britische Regierung Tel Aviv die formelle Selbstverwaltung. Der Lokalrat von Tel Aviv beeilte sich und gab sich den Titel einer Stadt, obwohl der Ort aus nicht viel mehr als ein paar Strassen und Sandbergen bestand.
Zu jener Zeit wuchs die Bevölkerung von Tel Aviv unvermittelt an. Die Juden verliessen Yafo wegen der dort grassierenden Unruhen, und die jüdische Einwanderungswelle aus Polen begann. Meir Dizengoff, Vorsitzender des Lokalrates, erkannte die Notwendigkeit für ein Expansionsprogramm der Stadt und wandte sich an den schottischen Städteplaner Sir Patrick Geddes, der der Verwaltung 1925 sein Konzept vorlegte.
Geddes löste die eigentliche Entwicklung Tel Avivs aus. In seiner Vision sah er Tel Aviv als Gartenstadt, wie dies auch den Gründervätern vorschwebte. Sein Plan rief nach einer klaren Trennung zwischen Hauptstrassen, Wohnstrassen und grünen Fussgängerzonen. Entsprechend dem sozialen Klima von damals war die Schaffung öffentlicher Bereiche – von Parkanlagen, Plätzen, auch innerhalb der Wohnviertel – ein wichtiges Element des Planes. Jedes Wohnviertel hätte gemäss Geddes kleine Gärten mit Zierpflanzen, aber auch Obstbäume erhalten sollen, was sowohl öffentliche Grünzonen geschaffen als auch gesundes Obst für die Kinder geliefert hätte. Trotz der zahllosen Änderungen, die der ursprüngliche Plan im Laufe der Jahre erfahren hat, ist seine humanistische Botschaft heute noch spürbar. Die von Bäumen gesäumten Boulevards von Tel Aviv sind rund um die Uhr voller Leben, und an den verschiedensten Ecken der Stadt gibt es kleine Parks und Spielplätze.

Transformation des Stadtbildes

Ab 1932 kam es mit der Masseneinwanderung von verfolgten Juden aus Europa zu einer weiteren Transformation des Stadtbildes von Tel Aviv. Aus einer Kleinstadt mit 42 000 Einwohnern wurde bis 1936 eine blühende Grossstadt mit 130 000 Einwohnern. Mitten in dieser Einwanderungswelle wurde Tel Aviv 1934 offiziell zur Stadt erklärt, Meir Dizengoff wurde der erste Bürgermeister.
Der Wohnbedarf, den diese Immigrationswelle schuf, führte zum Erstarken der Bauhaus-Architektur. Unter den Flüchtlingen aus Europa befanden sich viele in diesem modernen Stil ausgebildete Architekten. Es setzte eine intensive Plan- und Bautätigkeit ein, um dem Bevölkerungswachstums gerecht zu werden, und es entstand das, was heute die «Weisse Stadt» genannt wird. Beeinflusst von den klaren, funktionalen Linien der deutschen Bauhaus-Schule, passten die Architekten den modernen Stil an die Kultur und das Klima von Tel Aviv an, und die Stadt erhielt ihr besonderes Aussehen, das sie heute  noch auszeichnet. Die von der Unesco im Jahr 2003 zum Weltkulturerbe deklarierte «Weisse Stadt» von Tel Aviv umfasst über 4000 zwischen 1931 und 1956 entstandene Bauten im modernen Stil. Über 1000 von ihnen stehen unter Denkmalschutz und müssen jeweils genau nach den ursprünglichen Plänen restauriert werden.
In den dreissiger Jahren wurde Tel Aviv zum grössten Wirtschaftszentrum des Landes mit der höchsten Konzentration an sozialen und kulturellen Institutionen. Tel Aviv entwickelte sich zum Zentrum der hebräischen Kultur, eine Eigenschaft, welche die Stadt bis heute bewahrt hat. Sie ist bekannt für ihre modernen Cafés, Hotels und Konzertsäle. Tel Aviv verbreitete das Gefühl von internationalem Chic, was vor allem in jener Zeit etwas Seltenes in der Region war.
Zu Beginn des Unabhängigkeitskrieges 1948 wurden die Stadt und ihre Aussenbezirke zum Schauplatz des Konfliktes zwischen Juden und Arabern. Der Kampf um die Zukunft von Yafo begann unmittelbar nach der Verabschiedung des Teilungsplanes durch die Uno. Wie in anderen Gegenden, wo Juden und Araber auf engem Gebiet gegeneinander kämpften, litt auch in Tel Aviv und Yafo die Zivilbevölkerung, und letztlich ergriffen viele Menschen die Flucht. Das galt vor allem für die arabische Bevölkerung von Yafo. Im April 1950 wurde Yafo offiziell mit der Stadtverwaltung von Tel Aviv vereint und es entstand die vereinigte Stadt Tel Aviv-Yafo.
Für die stolzen Stadt-Ältesten von Tel Aviv-Yafo waren die kommenden Jahrzehnte eher frustrierend. Sie mussten hart arbeiten, um einerseits die schwerwiegenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Stadt zu überwinden, die nach der Gründung des Staates entstanden waren, und um andererseits fortzufahren, den Einwohnern die modernen öffentlichen Dienstleistungen zu offerieren und sogar eine Universität zu gründen. Dennoch verliessen viele junge Leute die Stadt. Tel Aviv verlor seine Dynamik, die Bevölkerung wurde immer älter.
Die Wende setzte in den achtziger Jahre ein, als ein Leben in Tel Aviv-Yafo erneut zur Zielsetzung der jungen, gebildeten und modernen Generation wurde. Aus allen Teilen des Landes setzte eine Migration zurück nach Tel Aviv ein. Die Stadt blühte wieder auf und errang ihren Status als Israels «coolste» Stadt. In den nächsten Jahren wurde viel renoviert und es wurden neue Projekte lanciert. An diesem Facelifting wird teilweise heute noch gearbeitet. Zurzeit dominiert in der Stadt ein ganz eigener Stil, der die besten Elemente einer mediterranen Stadt und einer vibrierenden urbanen Lebensweise kombiniert. Die Tel Aviver sind stolz, im Handels-, Kultur- und Unterhaltungszentrum des Landes zu leben. Mit den rund um die Uhr belebten Boulevards, einem pulsierenden Geschäftssektor, zahllosen charmanten Cafés und Restaurants, einem einladenden Strand und einem reichen kulturellen Angebot kann man heute, 100 Jahre nach der Gründung, sagen: Die Vision der Gründerväter von Tel Aviv hat sich erfüllt.    





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