Ein Lachen, das befreit
Purim ist anders. Jüdische Feste bieten gewiss Gelegenheit zur Freude, doch enthalten sie alle ein Element des Ernsthaften. Natürlich ist es ein Gebot, sich an Pessach, Schawuot und Sukkot zu erfreuen, manchmal bis ins Extreme. Diese Freude, die ihre Definitionen und Grenzen kennt, ist alles in allem aber eine ernste Art der Freude. Purim aber wird auch dann von einer spitzbübischen, manchmal sogar wilden Atmosphäre geprägt, wenn man das Fest exakt gemäss allen Vorschriften und Regeln befolgt, das Lesen der Megila, den Austausch von Geschenken, Spenden für Arme und das Purim-Festessen. Die Art und Weise, wie diese Atmosphäre ausgedrückt wird, unterscheidet sich selbstverständlich von Ort zu Ort und von einer Gruppe zur anderen, doch Purim beinhaltet stets ein Element von Spass und Witz.
Auf den ersten Blick ist diese Leichtmütigkeit etwas seltsam. Purim ist zwar ein Tag der Freude, doch war ihm eine äusserst schwierige und gefährliche Zeit vorausgegangen. Das jüdische Volk war schon immer Drohungen, Unruhen und Kämpfen mit jenen ausgesetzt gewesen, die es schlagen oder sein Land erobern wollten. Die meisten dieser Kriege waren allerdings nicht wesentlich anders als die Konflikte, die jede Nation durchmacht.
Die Geburt des Antisemitismus
Das Purim vorangegangene Geschehen war viel gravierender: Es handelte sich nicht um einen Krieg, sondern um den Plan für einen Genozid, dessen Ziel es war, das jüdische Volk von dieser Erde wegzuwischen. Es war das allererste Auftreten des Phänomens, das wir heute Antisemitismus nennen, extremen Antisemitismus. In unserem spezifischen Fall wurde Haman überwältigt und am Galgen gehängt und all seine Helfer wurden besiegt. Die Geschichte zeigt jedoch, dass er zahlreiche Nachkommen und Jünger hinterlassen hat. Der Antisemitismus mag mit Haman seinen Anfang genommen haben, doch endete er keinesfalls mit ihm. Die Nachkommen von Amalek befinden sich weiter in dieser Welt, und sie breiten sich immer wieder zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten aus. Sie scheinen nicht einmal in unserer aufgeklärten, kosmopolitischen Epoche verschwinden zu wollen.
Im Laufe der Zeit ist der Antisemitismus oft erklärt und sogar rechtfertigt worden: Die Gründe waren religiöser, rassistischer und kultureller Natur. Doch sogar wenn diese Ausreden einen Kern von Wahrheit enthalten sollten, deutet schon alleine die Verbreitung von Erklärungen auf ein viel grundlegenderes Problem hin, das nicht immer beim Namen genannt wird: Die anhaltende Existenz des jüdischen Volkes durch Tausende von Jahren des Leidens und der Not hindurch ist ein Wunder, ein jeder Logik spottendes Mysterium. Das Gleiche gilt für den Antisemitismus. Dieser Hass ist ebenso mysteriös wie real, und alle Erklärungen für ihn wirken von aussen betrachtet manchmal auch vorübergehend und willkürlich.
Gegen Feinde, die einen Grund für ihren Hass auf uns haben, können wir uns möglicherweise verteidigen. Manchmal löst diese Verteidigung vielleicht Probleme und führt eventuell sogar zu einer Versöhnung. Gegen den von Grund auf unlogischen Antisemitismus gibt es vielleicht Mittel zur Verteidigung, doch wir haben keine Ahnung, wie wir seine Wurzel vernichten könnten. Seit Jahrhunderten versuchen die Juden, das Problem mit verschiedenen Methoden zu lösen. Von der Assimilation am einen Ende des Spektrums bis zur Errichtung eines eigenen Staates am anderen Ende. Keiner dieser Versuche konnte das Problem lösen. Sie mögen die Schwerpunkte geändert oder verschoben haben – der Antisemitismus jedoch bleibt bestehen.
Uns bleiben nur zwei mögliche Antworten: Einmal alles in unseren Kräften Liegende in unserem Kampf gegen das Böse zu tun – so wie wir es in den Tagen der Königin Esther getan haben und in späteren Generationen. Das sollten wir auf jeden Fall versuchen, damit wir eine gewisse Ruhepause zwischen den Ausbrüchen des Hasses gewinnen. Die zweite Option ist: Lachen. Wir lachen nicht nur über den Sturz antisemitischer Individuen oder Gruppen, sondern auch über die Absurdität des Antisemitismus, über seine Lächerlichkeit und inneren Widersprüche. Diese lassen sich nicht mit Gegenargumenten besiegen, sondern nur mit Gelächter. Lachen über sie und über uns selbst.
Lachen statt Verzweiflung
Dieses Lachen reflektiert unsere wesentlichen Reaktionen: Wenn wir vor einer derart ausweglosen Sackgasse stehen, können wir verzweifeln, verschwinden oder uns selbst erniedrigen – oder wir können lachen. Dieses Lachen bedeutet nicht, dass sich eine Lösung bietet, denn es bietet sich eben keine. Mit unserem Lachen wollen wir vielmehr sagen: «Ich bin kein Bestandteil von alledem.» Wenn es uns gelingt zu lachen, dann weil wir uns erfolgreich von diesem Durcheinander distanziert haben.
Durch das Lachen zerren wir uns aus der Geschichte heraus und werden immun gegenüber Schuldgefühlen oder den Vorwürfen und der Angst. Durch unser Lachen erklären wir uns sogar frei von unserem irrationalen Band mit Hamans Hass. Wir lachen einem Haman ins Gesicht, einem Achaschwerosch und all ihren Nachkommen, denn wir sind diejenigen, die überdauern werden. Unsere Feinde hingegen werden nur als die Pointen von Witzen überleben.
Am Tag nach Purim beginnt die 30 Tage dauernde Vorbereitung auf das Pessachfest. Laut den Lehren des Judentums muss Begeisterung in Handlung münden. Unsere Freude darüber, dass Gott «unseren Teil nicht so bemessen hat wie den Teil anderer und unser Schicksal nicht so gestaltet wie dasjenige der Mengen» (wie es im «Alejnu»-Gebet heisst), gelangt sowohl in guter Stimmung zum Ausdruck als auch in den ernsthaften Aktivitäten, die auf das Lachen folgen.
Wir bereiten uns also auf Pessach vor. Wir entfernen alles Gesäuerte, was gleichbedeutend ist mit der Reinigung von allem, das für uns äusserlichen Charakter hat. Wir schrubben und putzen unser innerstes Wesen – unser Schicksal, das Gott bestimmt, der uns «aus allen Nationen heraus auserwählt hat» (aus dem Segensspruch über die Thora).


