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6. März 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 10 Ausgabe: Nr. 10 » March 5, 2009

Auf die syrische Karte setzen

March 5, 2009
Amos Harel zur Lage in Israel

Nicht nur bei israelischen Armeeveteranen, die ihren obligatorischen Militärdienst in den frühen Achtzigerjahren absolviert haben, löst der Beinahe-Oscar-Film «Waltz with Bashir» emotionale Reaktionen aus. Der erste Libanon-Krieg – das Thema des Films – formte auch die heutige Generation der im Generalstab sitzenden Generalmajore, von denen die meisten der IDF nach dem Jom-Kippur-Krieg eingetreten waren.



Der Krieg von 1982 war der erste und letzte, den diese Soldaten mitmachten, und er hat sich als die letzte Gelegenheit in ihre Erinnerung eingegraben, bei der sich israelische Truppen mit einer regulären arabischen Armee – der syrischen in Libanon – massen, neben Terroristen und Guerrilas. Die etwas jüngere Generation der IDF-Kommandanten hat sich diese Kampferfahrung nie angeeignet. Diese Offiziere, die zur Armee gestossen sind, als die IDF-Truppen begannen, im libanesischen Morast herumzustapfen, kennen eine andere Art der Kriegsführung: Die erste und die zweite Intifada, die 2006-Ausgabe des Libanon-Kriegs und die Operation «Gegossenes Blei» im Gazastreifen.

Alle Kriege seit 1982 haben, ungeachtet ihrer Dimensionen, einiges gemeinsam: Es war sehr schwer, sie klar zu entscheiden, sie spielten sich in dicht besiedelten Gebieten ab, und die Gefahren für die israelische Heimfront waren in diesen Kriegen grösser als in vorhergegangenen. Künftige Kriege werden daher eine einzige grosse Tragödie sein. Zivilisten werden zwischen den Kriegsparteien eingeklemmt werden; die Terrorgruppen werden arabische Zivilisten als menschliche Schutzschilder missbrauchen, während sie gleichzeitig die israelische Zivilbevölkerung beschiessen. Mit seinen harschen Reaktionen wird Israel den Tod zahlreicher Zivilisten verursachen, wie dies im zweiten Libanon-Krieg und in Gaza auch geschehen ist. Dass die israelischen Aktionen auf Verständnis in der Welt, vor allem bei der Administration Obama, stossen werden, wird immer weniger wahrscheinlich.

Eyal Ben-Reuven, Generalmajor d. R., der während der Operation «Gegossenes Blei» in Gaza stationiert war, warnte im Anschluss an diesen Krieg vor einer «Vergiftung durch Macht». An einer Konferenz bezeichnete er den Gaza-Krieg zwar als «mehr als gerechtfertigt», machte sich aber Sorgen, dass Israel falsche Schlussfolgerungen daraus ziehen könnte: Dass der Einsatz massiver, fast blinder Gewalt alles sei, was es brauche, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Die angebrachte Schlussfolgerung müsste vielmehr eine gegenteilige sein: Sogar wenn die Armee das Problem kurzfristig löst (in Bezug auf Gaza gibt es noch keine Beweise dafür, dass wenigstens dieses Ziel erreicht worden ist), könnte der Einsatz extensiver Gewalt langfristig sehr harte Auswirkungen nach sich ziehen.

Verschiedene Politiker sowie hochrangige Offiziere haben ein tiefes Verständnis für die Konsequenzen der jüngsten Konflikte. Ihnen obliegt es, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um künftige Kriege zu vermeiden und ausserdem nicht den Glauben zu fördern, dass auf diese Weise ein abstraktes politisches oder sicherheitsrelevantes Ziel erreicht werden könne. Auf der palästinensischen Seite erscheint die Aussicht auf Fortschritte im Friedensprozess unter einer von Netanyahu geführten Regierung recht gering. Und sogar wenn das Hamas-Regime in ¬Gaza vor einem weiteren militärischen Konflikt zurückschreckt, ist es stark genug, die von der palästinensischen Behörde in der Westbank geführte Regierung davon abzuhalten, die Konzessionen einzugehen, die nötig wären, um zu einer Vereinbarung mit Israel zu gelangen.
Die Chancen auf der syrischen Seite sehen besser aus. Ein Friedensabkommen mit Damaskus hätte Vorteile für beide Seiten. Es würde das Risiko einer erneuten Eskalation an der Nordfront reduzieren, wo jeder Krieg schwere Verluste militärischer wie ziviler Art zur Folge hätte. Ein Abkommen würde auch die Bedrohung relativieren, die von einer radikalen arabischen Achse unter dem Schutz eines iranischen Nuklearschirms ausgehen würde. Nicht zufällig gehört Generalstabschef Gabi Ashskenazy zu den überzeugtesten Befürwortern ernsthafter Verhandlungen mit Syrien.

Syriens Präsident Bashar Assad hat eine klare strategische Richtung für sein Land angedeutet: Aufhebung der internationalen Isolation und Verbesserung der Wirtschaftslage. Teheran, das unter einer ernsthaften eigenen Finanzkrise leidet und besonders hart von den fallenden Ölpreisen getroffen wurde, bekundet Mühe, Assads Wünsche zu erfüllen. Syriens Pfad in Richtung seiner Ziele führt durch die USA, und dazu braucht es Israel. Washington unter Obama dürfte einem syrisch-israelischen Abkommen positiver gegenüberstehen als die Administration Bush. Eine israelische Einheitsregierung wird wahrscheinlich die einzige realistische Variante sein, mit der in den kommenden Jahren politischer Fortschritt zu erzielen sein wird.    


Amos Harel ist Militärkorrespondent bei «Haaretz».



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