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April 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 04 Ausgabe: Nr. 4 » March 2, 2009

Kabarett, Kino, Kloster

Von Katja Behling, April 7, 2009
Im Jahre 1938 traf die 19-jährige Isa Vermehren, die gerade durch ihre Auftritte im politisch-literarischen Kabarett «Die Katakombe» einige Bekanntheit als Künstlerin erlangt hatte, eine Entscheidung, die ihr gesamtes weiteres Leben unter neue Vorzeichen stellte: Sie konvertierte zum Katholizismus – und fühlte sich in den folgenden Jahren unter dem Eindruck des Krieges und der Nazi-Politik in ihrem Entschluss bekräftigt.
DIE ORDENSSCHWESTER ISA VERMEHREN Vielen noch aus der Sendung «Das Wort zum Sonntag» bekannt

Im Jahre 1938 traf die 19-jährige Isa Vermehren, die gerade durch ihre Auftritte im politisch-literarischen Kabarett «Die Katakombe» einige Bekanntheit als Künstlerin erlangt hatte, eine Entscheidung, die ihr gesamtes weiteres Leben unter neue Vorzeichen stellte: Sie konvertierte zum Katholizismus – und fühlte sich in den folgenden Jahren unter dem Eindruck des Krieges und der Nazi-Politik in ihrem Entschluss bekräftigt.
Isa Vermehren wurde 1918 in eine evangelische Lübecker Patrizierfamilie geboren, ihr Grossvater war Senator; eine Herkunft, die an die Welt erinnert, die Thomas Mann in den «Buddenbrooks» beschrieb. Ihre humanistisch gesinnten Eltern erzogen sie zu Grossmut und sorgten für eine profunde Schulausbildung, einschliesslich Musikunterricht. Ab 1933 entstand eine wachsende Kluft zwischen den Werten der Familie Vermehren und denen von immer mehr Menschen in ihrer Umgebung. Auch Isa bekam das deutlich zu spüren. Man verwies die aufmüpfige Fünfzehnjährige des Gymnasiums, weil sie sich weigerte, die Nazifahne zu grüssen. Sie wollte nicht, denn die vor ihr gehende Schülerin durfte den Arm gar nicht heben – weil sie nicht «arisch» war. «Das hat mich innerlich so aufgebracht», so Isa Vermehren später gegenüber ihrem Biografen Matthias Wegner. Isa ging nach Berlin und arbeitete als Kabarettistin in Werner Fincks legendärem «Katakombe»-Ensemble, für dessen Programm unter anderem Erich Kästner Texte lieferte. Sie spielte Sketche und griff zum Akkordeon, um Seemannslieder zum Besten zu geben. Ihr Lied «Eine Seefahrt, die ist lustig», in dem sie die Nazi-Herrschaft karikierte, wurde zum Kassenschlager. Platten- und Filmfirmen wurden auf sie aufmerksam. Als Schauspielerin agierte Isa Vermehren in mehreren Ufa-Kinofilmen wie unter anderem in «Musik im Blut» (1934). Nachdem die «Katakombe» 1935 auf Anordnung der Nationalsozialisten geschlossen und Finck verhaftet wurde – die von Isa Vermehren vorgetragenen «Liebeslieder verschiedener Nationen» wurden als «entstellt» bezeichnet, das «Katakomben»-Programm als auf Intellektuelle und Juden zugeschnitten empfunden, die Kleinkunstbühne alles in allem der «Hetzarbeit» verdächtigt –, büsste auch Isa Vermehren ihren Arbeitsplatz ein. Am Berliner Abendgymnasium holte sie 1939 ihr Abitur nach. Sie verliebte sich in einen Bruder des Widerstandskämpfers Helmuth James von Moltke, konnte sich aber nicht entscheiden, ihn zu heiraten. Um Geld zu verdienen, trat sie weiter als Künstlerin auf, drehte Filme und gab Konzerte.      

Eines der ersten Bücher über KZ-Erfahrung

Nachdem ihr Bruder Erich, angeblich aus Gründen des Hochverrats, nach England geflohen und im Februar 1944 auf die Seite der Alliierten übergelaufen war, wurde die ganze Familie von der Gestapo in Sippenhaft genommen. Joseph Goebbels notierte in sein Tagebuch: «Der Fall Vermehren hat dem Führer viel zu schaffen gemacht.» Isa wurde im Konzentrationslager Ravensbrück interniert. Von dort wurde sie nach Buchenwald und Dachau verschleppt, schliesslich nach Tirol. Isa Vermehrens 1946 verfasster Bericht mit dem Titel «Reise durch den letzten Akt» gilt als eines der ersten Bücher zum Thema KZ-Erfahrung und wurde ein Bestseller der Nachkriegsjahre.
Hartnäckig bemühte sich Isa Vermehren, durch ihre Erlebnisse in ihrem Glauben bestärkt und vom spirituellen Willen beseelt, die Welt zu verändern, nach dem Krieg um die Aufnahme in den Orden der Schwestern vom Heiligsten Herzen Jesu. Dieser Frauenorden war im Zuge der Französischen Revolution von der später heiliggesprochenen Sophie Barat gegründet worden, um Kindern aus dem Proletariat ein Mindestmass an Bildung zu vermitteln.

Die Schauspielerin von einst

Doch die Oberin war skeptisch gegenüber der konvertierten Endzwanzigerin: Was Isa denn, ausser «Auto fahren, Ziehharmonika spielen und singen» könne? Vor einer Aufnahme in den Orden müsse ein akademisches Studium stehen – «wir brauchen tüchtige Lehrerinnen!». 1947 bis 1951 studierte Isa Vermehren Deutsch und Englisch. Sie förderte das Studentenkabarett ihrer Universität und wirkte nochmals als Schauspielerin in Filmen mit, etwa 1947 in Helmut Käutners Trümmer-Film «In jenen Tagen». 1951 legte Isa ihr Examen ab, zog ins Kloster und verabschiedete sich endgültig vom weltlichen Leben. Bis zu ihrer Pensionierung arbeitete Schwester Isa Vermehren als Gymnasiallehrerin und förderte schichtenübergreifend die Mädchenbildung. In den achtziger Jahren wurde die Nonne einem breiten Publikum bekannt, als sie 1983 bis 1995 zum Stab derer gehörte, die im deutschen Fernsehen «Das Wort zum Sonntag» sprachen. Nun trat der einstige Kabarett- und Filmstar, vielen Deutschen als freche Künstlerin mit «Quetschkommode» noch in Erinnerung, im Ordensgewand und als Dienerin des Vatikans vor die Zuschauer. Sobald die Studiolampen angingen, habe sie sich gefühlt «wie ein altes Zirkuspferd», bereit «zu springen», bekannte die Ordensfrau – die Schauspielerin von einst hatte ihre Bühnenlektionen nicht vergessen. Immer wieder hat Isa Vermehren sich, weil sie oft darum gebeten wurde, mit der Bewältigung deutscher Schuld und deutscher Vergangenheit auseinandergesetzt, nahm etwa an Fernsehsendungen über das Konzentrationslager Ravensbrück teil, hielt Vorträge, gab Interviews, schrieb. Für ihre vielen Verdienste wurde sie unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ihr Akkordeon verwahrt heute das deutsche «Haus der Geschichte» in Bonn. Im vergangenen Jahr feierte Schwester Vermehren, eine der ungewöhnlichsten katholischen Ordensfrauen des 20. Jahrhunderts, ihren 90. Geburtstag.    ●



Katja Behling ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Hamburg.



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