Die römische Initiative zum Wiederaufbau des Tempels
Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass die Wurzeln des Christentums sowohl historisch als auch theologisch im Judentum verankert sind. Jesus von Nazareth sowie alle seine jungen Schüler und seine ihm nachfolgenden Männer und Frauen – alle waren Juden, lebten mit ihm im Lande Israel, sprachen Aramäisch und Hebräisch und hielten grundsätzlich die Anordnungen und Gesetze der Thora. Zu dieser Zeit, im ersten Jahrhundert, der Epoche des Unterganges des zweiten Tempels in Jerusalem, gab es im Lande Israel unter den Juden eine ausserordentlich grosse Anzahl an jüdischen Gruppen und Sekten, welche die baldige Ankunft des Messias als ein nahes Ereignis erwarteten. Die Idee des Messianismus war im Volk weit verbreitet – es loderte in vielen Kreisen. Die meisten dieser messianisch-mystischen Sekten verschwanden allerdings nach dem Tod ihres charismatischen Anführers spurlos. Aber im paradoxen Gegensatz zu all dem blühte das Christentum gerade mit der Kreuzigung seines Gründers Jesus durch den Römer Pilatus auf. Auf die Juden im Lande Israel hatte die kleine christliche Sekte keinerlei Einfluss und verschwand nach geraumer Zeit wieder. Aber unter den heidnischen Völkern in der hellenischen Welt des östlichen Mittelmeeres, in Syrien, Kleinasien und Zypern sowie in anderen Gegenden, hatte die neue Lehre des Christentums beträchtlichen Erfolg. Die alten «Götter der Antike» hatten ihren Einfluss auf die Massen längst verloren, die «Welt» wartete sozusagen auf eine neue religiöse Botschaft. Die Ironie der Weltgeschichte bezeugt, dass es gerade die Juden in der Diaspora waren, die den Weg für den christlichen Glauben ebneten. Einige Männer und Frauen in diesen Regionen wollten sich dem Judentum anschliessen, viele andere, die Mehrzahl, scheuten sich vor den Schwierigkeiten der Gesetze und Anordnungen der jüdischen Religion; diese wandten sich der christlichen Lehre zu.
Episode im vierten Jahrhundert
Interessant ist die Tatsache, dass es in den ersten Jahrhunderten nach der Entstehung des Christentums von jüdischer Seite fast keinerlei direkte Beziehungen zu diesem theologischen «Problem» gab. Josephus Flavius sowie der jüdische Philosoph Philo der Alexandriner, die beide im ersten Jahrhundert lebten, also Zeugen der Zeitgeschichte waren, erwähnen beide Jesus sowie die Christen überhaupt nicht. Ein Abschnitt bei Josephus, der über Jesus spricht, ist, wie bereits nachgewiesen, eine Fälschung, eine Einflechtung aus dem Mittelalter. In der Mischna finden wir keinerlei Erwähnung des Christentums, keinerlei Randbemerkung oder Hinweis irgendeiner Art. Spätere Quellen in den jerusalemitischen und babylonischen Talmuden sowie in der Tosephta und der midraschischen Literatur enthalten einige wenige Aussagen, die sich aber wegen ihren Unklarheiten auch auf gänzlich andere Themen und Probleme beziehen könnten. Die jüdischen Gelehrten der damaligen Zeit sahen in der Erscheinung des frühen Christentums eine innerjüdische Angelegenheit, eine theologische Diskussion zwischen Juden und Juden, und folglich war das allgemeine Interesse an dieser kleinen ketzerischen Sekte minimal – insbesondere, da es zur damaligen Zeit grundlegende politische Streitereien und theologische Diskussionen zwischen grossen und wichtigen Parteien im Judentum gab, welche die Zukunft des Volkes bestimmen sollten.
Aber eine äusserst spannende, man könnte fast sagen sensationelle Episode im vierten Jahrhundert wirft ein grelles Licht auf die politisch-theologische Szene im römischen Imperium und die potenziellen Spannungen zwischen den Religionen. Schildern wir kurz den Ablauf der merkwürdigen Ereignisse: In Rom wurde Julianus im Jahre 355 durch seinen nahen Verwandten Constantius zum Kaiser berufen, und im Jahre 360 wurde ihm durch die Oberstkommandierenden seiner Armee der Titel Augustus, der volle Rang des Kaisers, verliehen. Als Constantius im Jahre 361 starb, wurde ein Bürgerkrieg vermieden und Julianus blieb als einziger absoluter Herrscher im römischen Imperium. Der neue Kaiser Julianus verkündete seine Absicht, den Tempel der Juden wieder zu errichten, im Jahre 363, kurz vor seinem Feldzug gegen die Perser. Julianus tat seine Absicht in vier Manifesten und Briefen kund, die aber zumeist nur in Fragmenten und Bruchstücken erhalten blieben. Genaueres über die Absicht des Kaisers und die nachfolgenden Entwicklungen finden wir beim Historiker Ammianus Marcellinus, der mit Julianus am Krieg gegen die Perser teilnahm. Aus den verschiedenen Quellen der Zeit, von denen einige als Fälschung umstritten sind, ergibt sich, dass Julianus zwar den Juden im Allgemeinen wohlgesinnt war und ihnen freundschaftlich gegenüberstand, aber dass sein Entscheid, das Heiligtum in Jerusalem wieder aufzubauen, aus gänzlich anderen Gründen erfolgte und nicht aus dem Wunsch heraus, den alten Traum der Juden zu realisieren. Julianus hatte ja keine genaueren Kenntnisse über das Judentum als theologisches Konzept. Es ist im Gegenteil anzunehmen, dass seine Ansichten über die Juden und ihre Religion falsch und irrtümlich waren. Der Kaiser kannte wahrscheinlich das Judentum aus der griechischen Übersetzung der Thora, der Septuaginta, aus den Schriften der griechischen Denker, die zumeist gegen das Judentum eingestellt waren. Julianus selbst wurde als frommer Christ gemäss der Lehre von Eusebius erzogen. Aber mit der Zeit änderte er seine Ansichten und wurde ein enthusiastischer Hellenist und ein erklärter Anhänger des griechischen Polytheismus. Von nun an tat er alles, um die griechische Kultur wieder zu stärken und um den christlichen Glauben zu unterdrücken und Würdenträger dieser Religion aus wichtigen Stellungen zu verdrängen.
Schlag gegen das Christentum
Im Rahmen seines Kampfes gegen die Kirche, die bereits einen beträchtlichen Einfluss auf die breite Bevölkerung hatte, versuchte Julianus, den alten Götterkult zu stärken, zu festigen und zu verschönern. Er annullierte alle Privilegien der Kirche im Reich und unterstützte den heidnischen Kult sowohl organisatorisch als auch finanziell.
Aber der zentrale Punkt seiner Bemühungen gegen das Christentum lag auf theologischem Gebiet, und hier gerade mit Hilfe des jüdischen Volkes und seines Glaubens. Eine der theologischen Hauptideen des Christentums, die damals besonders durch die Christen betont und verbreitet wurde, war die Aussage, dass das Christentum das einzige wahre Erbe des Judentums sei, dass der ewige Bund zwischen Israel und seinem Gott gebrochen und vernichtet sei. Als Beweis wurde die Zerstörung des Tempels in Jerusalem gebracht, ein klares Zeichen sozusagen für die christlichen Behauptungen. All diese Theorien der christlichen Theologie wurden natürlich von jüdischen Gelehrten und Denkern entschieden als Irrlehren und Fälschungen zurückgewiesen. Durch den Wiederaufbau des Heiligtums in Jerusalem wollte der Kaiser einen entscheidenden Schlag gegen das Christentum ausüben. In seinen Diskussionen gegen das Christentum folgte Julianus seinen Lehrern aus der neuplatonischen Schule, Jamblichus und Porphyrius, welche beide grundsätzlich die christliche Theologie, aufgebaut auf «historische Beweisführung», verneinten und die Beweise von der biblischen Exegese zurückwiesen. Durch die Wiedererrichtung des Tempels und des Opferdienstes in seinen Hallen wollte Julianus dieses wichtige christliche Dogma endgültig zerstören. Der Kaiser widersprach zwar den Visionen der jüdischen Propheten in der Bibel, sah aber im Opferdienst eine gewisse Nähe zu seiner hellenistischen Weltanschauung. All dies erklärt die äusserst merkwürdige und scheinbar unerklärliche Tatsache, dass wir in den zuständigen Quellen der jüdischen Literatur der damaligen Zeit nicht eine einzige Aussage oder Stellungnahme zu den dynamischen Ereignissen finden.
Prozess des Dialogs
Es herrscht von jüdischer Seite, von Weisen und Gelehrten ein absolutes Schweigen. Es war unerklärlich, ja undenkbar, dass das «Haus Gottes» von einem heidnischen Kaiser erbaut werden sollte, der dazu noch klare heidnische Ansichten des Götterkultes vertrat. Die jüdischen geistigen Oberhäupter verstanden, dass der Kaiser die jüdische Religion eigentlich für «fremde Zwecke» zu benützen gedachte – die göttliche Vorsehung aber werde den Heiligen Tempel zur gegebenen Zeit wieder aufbauen. Hingegen aber empfingen die Massen der Juden im Heiligen Land und in der Diaspora die Nachrichten mit hellster Begeisterung. Merkwürdig ist die Tatsache, dass von Cyrill, dem Bischof von Jerusalem, keinerlei Kommentar zu den Ereignissen vorhanden ist. Inzwischen wurde mit den Vorbereitungen für den Bau begonnen. Julianus entsandte zu diesem Zweck einen seiner nächsten Mitarbeiter, Alypius von Antiochia, der als Vizepräfekt in Britannien gewirkt hatte. Soweit bekannt, begannen die Bauarbeiten sehr schnell. Das nötige Baumaterial wurde nach Jerusalem transportiert. Am Tempelberg selbst begannen die Arbeiter den Platz von den Überresten, dem Schutt und den Steinen zu räumen, Ruinen eines heidnischen Tempels, welcher von Hadrianus vor mehr als 200 Jahren erbaut worden war. Unterirdische Höhlen wurden gesäubert und neue Fundamente gelegt. Christliche Kreise, so besagen die Quellen, berichteten von begeisterten Juden, die an den Arbeiten teilnahmen, aber in jüdischen Dokumenten gibt es keine Erwähnung dazu. Das Geld für das ganze Projekt kam aus der kaiserlichen Staatskasse. Doch da ereignete sich ganz plötzlich ein schweres Unglück, dessen wahre Ursache bis heute ungeklärt bleibt. Ein schweres Feuer vernichtete Baumaterial und die neu errichteten Fundamente und forderte Menschenleben. Gerüchte verbreiteten sich, dass Christen das Feuer verursacht hätten, aber es gibt keinerlei Beweise dafür. Vielmehr scheint die Ursache für den Brand mit der Tatsache verbunden zu sein, dass zu jener Zeit eine Erdbebenwelle im Osten des Mittelmeeres spürbar war. Die Arbeiten am Tempelberg wurden zwangsweise unterbrochen und nie mehr aufgenommen. Julianus fiel im Jahre 363 auf dem Schlachtfeld gegen die Perser, nach ihm regierte Kaiser Juvianus, ein frommer Christ, der die Kirche mit allen Privilegien und all ihrer Macht wieder im römischen Imperium einsetzte. Damit schliesst dieses kurze, aber äusserst dramatische Kapitel einer römischen imperialen Initiative, den Tempel in Jerusalem wieder zu errichten. Die Kirchenväter der damaligen Epoche berichten voll Freude und Genugtuung über das Scheitern des Projektes. Man muss wissen, dass dieser Versuch eine grosse und tiefe Unruhe in weiten Kreisen der Kirche erweckte, drohte er doch, eines der wichtigen christlichen Dogmen zu zerstören. Johannes Chrysostomos feierte in seinen scharfen Reden gegen die Juden und Heiden – «Contra Judaeos et Gentiles» – den endgültigen Sieg der Kirche. Gregor von Nazianz und Ambrosius von Mailand – um nur einige zu erwähnen – beschrieben die Wunder, die am Himmel wahrgenommen wurden. Vonseiten der jüdischen geistigen Führung fehlt jedoch jede ¬Stellungnahme; es herrschte absolutes Schweigen. Bis heute aber betet jeder gläubige jüdische Mensch, dass «das Heiligtum baldigst in unseren Tagen erbaut werden möge».
Mehr als 1600 Jahre sind seit dieser denkwürdigen Episode vergangen. Ein Meer von Blut und Tränen bildet die Geschichte der Menschheit, Elend und Not herrschen auf Erden. Aber mit Freude und Genugtuung glauben wir feststellen zu können, dass ein vorsichtiger, aber ehrlicher Prozess der Offenheit, des Dialogs zwischen beiden Religionen begonnen hat. Diese einmalige Entwicklung erlaubt uns mit Hoffnung in die Zukunft zu blicken – im Sinne eines Geistes des gegenseitigen Respekts, der Toleranz, des guten Willens und der Menschenliebe. ●
Mordechai Piron war Oberrabbiner der israelischen Streitkräfte und später der Israelitischen Cultusgemeind e Zürich. Heute ist er Vorsitzender des Merkaz Sapir für jüdische Kultur und Erziehung sowie Vorsitzender des Instituts für interreligiöse Beziehungen Israels.


