«Der Geist Gottes wirkt von der Basis her»
aufbau: Nach den heftigen Diskussionen der letzten Wochen scheint der Vatikan die Wiederaufnahme der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft als Kommunikationspanne darstellen zu wollen. Auch der offene Brief des Papstes geht in die Richtung …
Peter Hünermann: Ich glaube, es war keine einfache Kommunikationspanne. Schliesslich gibt es eine Vorgeschichte. Papst Benedikt XVI. hatte schon als Kardinal in Rom mit Bischof Marcel Lefebvre und der Pius-Bruderschaft zu tun. Lefebvre war 1976 suspendiert worden, als Reaktion auf seine Angriffe auf das Zweite Vatikanische Konzil. Schon damals bemühte man sich sehr um die Pius-Bruderschaft und erlaubte ihnen 1974, die alte tridentinische Messform zu feiern. 1988 verhandelte Kardinal Ratzinger mit Lefebvre, dieser zog aber seine Unterschrift zu einem Einigungsbrief wieder zurück. Durch dieses Papier sollte Lefebvre nicht das Zweite Vatikanische Konzil mit den Themen der Religionsfreiheit, des jüdisch-christlichen Dialoges, des Dialoges der Religionen und der Gewissensfreiheit anerkennen, sondern sich nur dazu verpflichten, die Forderungen des Konzils in Verbindung mit der Glaubenskongregation näher zu klären und zu studieren. Selbst das lehnte Lefebvre ab und weihte seine vier Bischöfe, die er ausgebildet hatte. Erst daraufhin erfolgte die Exkommunikation. Diese Exkommunikation war aber nicht nur ein disziplinarischer Akt, sondern erfolgte, weil – wie Johannes Paul II. es 1988 klar formulierte – eine grundlegende Distanzierung vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorlag.
Viele Kritiker monieren, dass die vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft ihre Einstellung nicht geändert hätten.
In dem Brief der vier Bischöfe an den Papst steht, dass sie die Positionen des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht anerkennen wollen. In diesem Brief kann man lesen, dass sie mit Blut das Bekenntnis des Konzils von Trient und den Antimodernisteneid bezeugen wollen – nur das Trienter Konzil ist 400 Jahre her, der Antimodernisteneid wurde im Zusammenhang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil abgeschafft. Es ist klar, dass der Papst das Zweite Vatikanische Konzil in keiner Weise leugnet. Aber er hat hier in seiner Praxis Grenzen überschritten. Auch ein Papst steht nicht über einem Konzil, das verabschiedet wurde.
Das Zweite Vatikanische Konzil ermöglichte in der katholischen Kirche nicht nur die Liturgie in der Landessprache, sondern veränderte die kirchliche Haltung vor allem auch zu Religionsfreiheit und zum Dialog der Religionen. Das Konzil öffnete damit die Türen zur Ökumene und zum christlich-jüdischen Dialog nach dem Holocaust. Juden und Christen haben nun das Gefühl, dass Papst Benedikt XVI. diese Tür zugeschlagen hat.
Die Juden haben ein Jahrtausend hinter sich, in dem in jedem Jahrhundert in irgendeinem mittel- oder westeuropäischen Land eine Judenverfolgung stattfand. Deswegen war es auch so wichtig, dass das Zweite Vatikanische Konzil am Ende dieses Jahrtausends eine Revision darstellte und grundsätzlich klarmachte, dass Juden und Christen eine gemeinsame Geschichte haben. Im ersten Jahrtausend lief es wesentlich besser, auch weil man im christlich gewordenen römischen Reich die Maxime des heiligen Augustinus befolgte, die Juden zu schützen.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat ausdrücklich inhaltliche neue Akzente im Verhältnis zu den Juden gesetzt und aus diesem Grund auch die Fürbitten des Karfreitagsgebetes verändert.
Ja, das Karfreitagsgebet war ausdrücklich im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils verändert worden. Ebenso wie die Gebete für die nicht katholischen Christen, die im alten Karfreitagsgebet noch als Häretiker bezeichnet wurden, die ihrer Finsternis entrissen werden müssten. Und es wird ausdrücklich Bezug genommen auf die Religionsfreiheit, indem gesagt wird: Wir beten für die, die nicht an Gott glauben, aber die ihrem Gewissen folgen.
Die Pius-Brüder sind nicht die Einzigen, die wieder in den Schoss der Kirche zurückkehren durften.
Ja, es gibt die Gruppe um den Abt Gérard Calvet und das Kloster St. Madeleine in Le Barroux, welche rechtsextremistische Positionen vertritt. Ich verstehe nicht, wie man das nicht merken konnte. Calvet wurde von dem römischen Kardinal Augustin Mayer zum Abt geweiht. Die Abtei ist ganz eng liiert mit dem Front Nationale. Calvets guter Freund ist der Chefredaktor der rechtsnationalen Zeitung «Present». Die kämpfen wirklich die Kämpfe von vor 200 Jahren. Calvet hat 1989, als sein Kloster zur Abtei wurde, an seine Gefolgsleute geschrieben: Dies sei eine Wiedergutmachung für die Französische Revolution, als das Gesetz Gottes durch «die Menschenrechte ohne Gott» ersetzt wurde. Das finde ich einen unglaublich skandalösen Satz.
Ist der Holocaust-Leugner Richard Williamson eine Ausnahmeerscheinung im Umfeld der Pius-Bruderschaft?
Nein, von der Sorte gibt es ja eine Menge. Wo war der Herr Touvier, der bei der Deportation der französischen Juden mitgearbeitet hatte? Bei der Pius-Bruderschaft. Er wurde verhaftet und verurteilt. Als er dann im Gefängnis starb, hat ein Lefebvre-Anhänger, der Pariser Priester Philippe Laguérie, ein grosses Requiem gehalten. In der Anwesenheit von Le Pen hat er diesen Mann als feinsinnigen und höchst gebildeten Geist gepriesen. Laguérie wird von der Zeitung «Le Monde» als rechter Schlägertyp beschrieben, der sich mit der französischen Polizei prügelte und Kardinal Lustiger von Paris in unflätiger Weise angriff.
Liegt dem Papst etwas an dem christlich-jüdischen Dialog?
Ich glaube, dass dem Papst an einem christlich-jüdischen Dialog gelegen ist, aber wenn ich auf der anderen Seite solche kirchenamtliche Akte setze, drängt sich die Frage auf: Wie entsprechen diese Akte dem, was ich sage? Das erzeugt Misstrauen.
Abgesehen von der obersten Ebene der Kirchenleitung – gibt es ein Bemühen in der Theologie, die gemeinsamen Wurzeln von Juden und Christen stärker in den Blick zu nehmen? Oder anders gefragt, gibt es diesen Blick in der katholischen Theologie?
Ich bin Mitherausgeber der Buchreihe «Quaestiones Disputatae» und habe einen Band mit angeregt, in dem der Frage nachgegangen wird, inwieweit dieser Ansatz inzwischen alle Forschungszweige der Theologie mitbestimmt. Das hat eine ziemliche Diskussion ausgelöst. Ich denke zum Beispiel an einen Kommentar zum Alten Testament, den Erich Zenger herausgibt, wo Teile von jüdischen Gelehrten verfasst wurden. Ich selber halte Kontakt zum Leo Baeck College in London oder zum Geiger Kolleg in Potsdam. Ich habe vor einiger Zeit noch mal die Interpretation von Texten des Markus-Evangeliums durch Leo Baeck gelesen, die er 1938 kurz vor der Reichspogromnacht geschrieben hat. Es ist sehr beeindruckend, wie sich Baeck auf die Passion Jesu und die Auferstehungshoffnung eingelassen hat. Da liegt so viel an Verständnis bereit, dass es für uns eine Verpflichtung sein muss, diese Dinge weiter theologisch aufzuarbeiten. Wir können uns noch mal auf eine ganz andere Weise nahe kommen. Ich glaube, wir brauchen diese Annäherung, um das dritte Jahrtausend zu bestehen.
Bei der Frage, warum es den Papst zu den Traditionalisten zieht, kommt immer wieder die Antwort: Es sei die Angst, dass die moderne Gesellschaft die Kirche zerstört, sobald sie sich mit dem Zeitgeist einlasse.
Die Bischöfe, die Theologen und das Volk Gottes wollen an der Tradition festhalten, sie aber gleichzeitig in einer neuen Situation neu auslegen. Das war auch die Meinung Johannes XXIII., der sagte, man müsse eine neue Sprache finden, und das heisst nicht, ein Wort durch ein anderes zu ersetzen. Es bedeutet eine Neu-Positionierung der Kirche im Bezug auf die aktuellen Gegebenheiten. Ich habe immer den Eindruck, Papst Benedikt hat eine grosse Angst, die Substanz des Glaubens könne verloren gehen. Soll deshalb die Zukunft allein in der Rückgewinnung von ein paar wenigen liegen, die noch kein halbes Promille in der katholischen Kirche bilden? Natürlich sind das Menschen, um die man sich bemühen sollte, aber das heiligt doch nicht alle Mittel.
Würden Sie diese Minderheit als Fundamentalisten bezeichnen?
Ja, das sind sie auf jeden Fall.
Während des Zweiten Vatikanischen Konzils haben sie in Freiburg habilitiert. Können Sie sich noch an den Geist des Aufbruchs erinnern?
Als ich in den Jahren vor dem Konzil studierte, galt noch die Enzyklika Humanae generis. In der wurde behauptet, die Menschheit müsse von einem Menschenpaar abstammen, weil man sonst nicht an die Erbsünde glauben könne. Ich erinnere mich noch gut, wie wir als Studenten darüber den Kopf schüttelten. Damals war ich auch ein Semester in Cambridge, und bei einem Newman-Abend wurde über Humanae generis gesprochen. Ein Anthropologe bezeichnete es als Schattenboxen, während ein Dominikaner die Enzyklika leidenschaftlich verteidigte. Ich habe damals gesagt, dass wir in Deutschland darüber lachen würden,
und diese Lehre ist dann in der Tat verschwunden. Aber man hatte damals das Gefühl, in zwei Welten zu leben: Die eine Welt war die offene Welt der Wissenschaft, die andere bestand aus der offiziellen Kirchenlehre, wie sie diese Enzyklika repräsentierte. Als das Zweite Vatikanum kam, waren wir wirklich froh, dass diese zwei Welten aufgebrochen wurden.
Was sollte die katholische Kirche jetzt tun?
Man muss klar sagen, dass man sich nicht vom Zweiten Vatikanum verabschieden, sondern stattdessen den Dialog und die Begegnung intensivieren will. Das erscheint mir die einzig angemessene Reaktion, und zwar auf allen Ebenen.
Ich habe meinen Aufsatz ins Englische übersetzen lassen und werde ihn nach London an das Leo Baeck College schicken, um zu zeigen: So denken wir. Wir müssen von unten her wieder aufbauen, was eingerissen wurde. Ich bin ohnehin davon überzeugt, dass der Geist Gottes von der Basis her wirkt. ●
Irene Armbruster war Leiterin des Berliner Büros des aufbau. Sie lebt nun in Stuttgart und arbeitet als feste Autorin für das Blatt.


