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April 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 04 Ausgabe: Nr. 4 » March 2, 2009

Brüder zwischen Liebe und Hass

Interview Yves Kugelmann, April 7, 2009
Ein Jahr vor seinem Tod, im November 2005, sprach Kardinal Jean-Marie Lustiger im aufbau-Interview über den Bruderstreit zwischen Christen und Juden und «Nostra Aetate». Aus aktuellem Anlass wird der Text gekürzt hier wiedergegeben.
DAS ZWEITE VATIKANISCHE KONZIL Paradigmawechsel im Vatikan

Aufbau: Papst Benedikt XVI. hat im Zusammenhang mit dem Verhältnis zwischen Katholiken und Juden wiederholt von «grösseren Brüdern» gesprochen. Sehen Sie in der Bruderschaft zwischen Christen und Juden die Ursache für Jahrhunderte von Hass und Verfolgung?
Kardinal Jean-Marie Lustiger: Ja, sicher. Es gibt viele Arten, sich zu streiten, und genau dies bekundet die biblische Geschichte. Ich habe aber nicht nur Kain und Abel oder Esau und Jakob zitiert, sondern auch Josef und seine Brüder und ihre Wiedervereinigung. Ebenso habe ich Moses und Aron erwähnt, die sich auf ihre Weise ebenfalls gestritten haben, deren Streit sich jedoch um das Bild Gottes drehte. Die Geschichte zeigt uns, dass unsere heutige Bruderschaft im Lichte dieser Beispiele verstanden werden kann, und dass sich die Verhandlungen nicht um die Schwierigkeiten und Spannungen selbst ranken müssen, sondern darum, sie auszusprechen, zu diskutieren und anzugehen – und dabei durchaus Brüder zu bleiben. Wenn wir uns über die eigentliche Stärke dessen bewusst sind, was uns vereint, dann wird das, was uns trennt, die Einigkeit nicht zerstören können.



Nun könnte die Schoah ja das letzte Kapitel dieses Bruderstreits gewesen sein. War dieses Verbrechen letztlich unausweichlich in der christlichen Zivilisation begründet?
Ich glaube nicht, dass der Aspekt dieses Bruderstreits als Erklärung für die Schoah ausreicht. Die Schoah erklärt sich als die Revolte gegen Gott und gegen die menschliche Würde. Im Gedankengut Hitlers mussten die Juden vernichtet werden, weil sie lästige Zeugen waren, und damit er auf die deutschen Gurtschnallen «Gott mit uns» schreiben lassen konnte. Man musste das Volk auslöschen, dem Gott gesagt hatte, dass er mit ihm sei. Für mich lässt sich die Schoah zum Teil – und vor allem – durch den prophetischen Status des Volkes Israel erklären, dem sich diejenigen unterziehen müssen, die dem erhaltenen Erbe treu sind. Das heisst also: die Christen. So reiht sich die Schoah in die Logik der Berufung des jüdischen Volkes und die gemeinsame Berufung der Christen und der Juden ein, welche beinhaltet, gegenüber den heidnischen Nationen dieser Welt die Offenbarungen des Sinai zu bezeugen. In säkularen, modernen Begriffen würde ich sagen, dass die Art der Übertragung der Zehn Gebote auf die heutige Kultur etwa durch die Menschenrechte, durch eine gewisse Transzendenz der menschlichen Natur erfolgt, die für die Gläubigen ihre Wurzeln in den Offenbarungen der göttlichen Transzendenz und den von Gott gegebenen Geboten hat.

Sie haben viel für die Beziehungen zwischen der Kirche und den Juden getan. War es dafür wichtig, dass Sie Jude und Kirchenmann in sich vereinigen?
Der entscheidende Punkt war die Annahme der Erklärung «Nostra Aetate» durch das Zweite Vatikanische Konzil im Jahre 1965, eine Initiative des damaligen Papstes Johannes XXIII. Später war es Papst Johannes Paul II., der diese Essenz der Erklärung umzusetzen begann, unterstützt vom damaligen Kardinal Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI. Er hat eine wichtige Rolle gespielt und den Papst bei seinen Überlegungen unterstützt. Papst Johannes Paul II. musste dafür viele Vorurteile überwinden. Es verlangte ihm viel Geduld und Mut ab, diesen Weg bis zum Ende zu gehen. Für ihn war dies nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit und Anerkennung, die er der Würde der Menschheit schuldig war, des Respekts und anderem mehr, sondern auch eine sehr grundsätzliche Frage für den christlichen Glauben und die katholische Kirche selbst. Wenn man der christlichen Botschaft und Offenbarung treu sein will, muss man die jüdische Identität und Würde anerkennen.

Die Anschauungen gewisser evangelikaler Kreise sind sehr radikal, liegen weit hinter den für sie nicht bindenden Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Kommt eine zweite Reformation?Sicher stellen die evangelikalen Bewegungen, die dem gegenüberstehen, was aus der Mehrheit der aus dem 16. Jahrhundert stammenden Reformkirchen geworden ist, eine radikale Neuerung dar. In einigen europäischen Ländern sind diese neuen ¬Bewegungen voller Kraft und Vitalität, während gewisse Hochburgen des Protestantismus schwächer werden und an Substanz verlieren. Die Evangelisten aber stellen eine Krise, eine Spaltung innerhalb des Protestantismus dar. Es geht hier nicht mehr um eine Reformierung der katholischen Kirche, sondern es ist etwas Neues, eine Bewegung der Erneuerung innerhalb des Protestantismus. In Wirklichkeit sind es Bewegungen, bei denen es um eine Art charismatische Energetisierung geht, die soziologisch etwas unterschiedlich sind.



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