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27. Februar 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 09 Ausgabe: Nr. 9 » February 26, 2009

Von der Mikrowelle zurück zum Herd

von Adi Dovrat, February 26, 2009
Des einen Freud’ ist des anderen Leid. Diese Volksweisheit bewahrheitet sich inIsrael im Zuge der Wirtschaftskrise ganz besonders im Lebensmittelbereich. Mehr und mehr kehren die Israeli aus finanziellen Gründen zurück zum Herd und nehmen ihre Kochutensilien wieder zur Hand. Die Leidtragenden sind Firmen, die Fertigmahlzeiten und Premiumprodukte verkaufen.
BEWUSSTES EINKAUFEN Die Israeli kochen wieder vermehrt selber, um Kosten zu sparen

Die Wirtschaftskrise hat zuerst zwar die Wohlhabenden erfasst, die mit Schrecken zusehen mussten, wie gestandene Investmentbanken wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen. Inzwischen hat sich die Krise aber längst auf alle Schichten der Gesellschaft ausgebreitet, und der Durchschnittskonsument wird hart getroffen. Laut einer von der Wirtschaftszeitung «The Marker» veröffentlichten Studie war das Jahr 2008 in Israel zwar von einem rasanten Umsatzanstieg bei Konsumgütern geprägt – allerdings nur bis zum letzten Viertel des Jahres. Am Schlimmsten traf es dann nach Angaben der Zeitung den Sektor der sogenannten Premiumprodukte.
Nahrungsmittelverkäufe nahmen 2008 um immerhin elf Prozent zu – weitaus mehr als das Bevölkerungswachstum. Im letzten Viertel des Jahres jedoch sank das Wachstum dieser Branche auf eine Jahresbasis von bescheidenen fünf Prozent. Die Konsumenten hatten begonnen, allmählich auf Premiumprodukte zu verzichten, und fingen an, im Haushalt zu sparen. Wo immer möglich, kauften sie grosse Mengen an Lebensmitteln und entdeckten von Neuem das Selberkochen, was zu Lasten der ganz oder teilweise zubereiteten Nahrungsmittel ging.

Begehrte Produkte Reis und Speiseöl

In der gesamten israelischen Lebensmittel- und Getränkeindustrie verschiebt sich das Interesse der Konsumenten von teuren Fertigprodukten hin zu kostengünstigeren Varianten. Die Menschen wurden von zwei Seiten unter Druck gesetzt: So stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel im vergangenen Jahr gleichzeitig mit den explodierenden Rohstoffpreisen, während sich die Finanzkrise in den restlichen Wirtschaftssektoren ausbreitete.
Die Verkäufe gewisser Premiumprodukte gingen nicht nur zurück – ihre Umsätze brachen richtiggehend ein. Doch nicht nur Luxusprodukte wie Granola oder Soya-Snacks litten. Das Übel betraf auch so populäre Lebensmittel wie Käse aller Kategorien, obzwar der Rückgang dort weniger drastisch war als bei den ausgesprochenen Luxusprodukten. Nehmen wir als Gegenbeispiel das Grundnahrungsmittel Reis: Hier stiegen die Einnahmen 2008 um 40 Prozent und blieben auch im letzten Quartal des Jahres hoch, doch spielt hier der Preis eine Rolle. Reis befand sich bereits 2007 im Zentrum eines Konsumentensturms, was zu einem Rekordpreis von fast 1000 Dollar pro Tonne im zweiten Quartal 2008 führte. In der Folge wechselten die auf Einsparungen bedachten Konsumenten zu Fünf-Kilo-Paketen.
Ein weiterer Umschwung betrifft die teuer zubereiteten Mahlzeiten und Lebensmittel (beispielsweise gefrorene Pizza oder Schnitzel), die zu einem wesentlichen Teil billigeren Rohstoffen weichen mussten, die der Kunde für das Kochen zu Hause einkauft. Auch die Fleischersatzprodukte wie Tivol gerieten unter Druck. Hier betrug die Umsatzeinbusse für das letzte Viertel 2008 rund zehn Prozent. Auf der anderen Seite stieg der Umsatz von gewöhnlichem Speiseöl im letzten Jahr, verglichen mit 2007, um 30 Prozent, während das teurere Olivenöl sich mit einer Zunahme von sechs Prozent begnügen musste. Auch die Verkäufe von Zitronensaft nahmen im letzten Quartal 2008 gegenüber der Vergleichsperiode 2007 merklich zu. Hinter dieser Entwicklung steckt die Erkenntnis, dass die Israeli, um Geld zu sparen, wieder mehr selber kochen und weniger zubereitete Salate im Supermarkt einkaufen.

Hahnenwasser und Bier sind beliebt

Hand in Hand mit der Rückkehr von der Mikrowelle zum Kochherd ging 2008 eine Zunahme der Verkäufe von Mehl und Griess um 40 Prozent. Zu diesem Plus trugen allerdings auch die gestiegenen Preise für Rohstoffe auf den Weltmärkten zu. Weil die höheren Kosten für Grundnahrungsmittel den Haushalten Sorgen bereiteten, wechselten die Konsumenten von extravaganten zu einfacheren Produkten. Ein Beispiel dafür ist das Umsatzwachstum für die kostengünstigere Margarine verglichen mit der teureren Butter. Auch Joghurt-Drinks, ein ehemaliger Bestseller, litten, und auch der Getränkemarkt blieb nicht verschont. Dort schwächte der Umsatzzuwachs von Anfang 2008 ab und verschwand teilweise gegen Ende des Jahres völlig. Und auch hier wandten sich die Konsumenten nach und nach von Premiumprodukten ab. Hatten sich die Israeli in den letzten Jahren besonders für abgefülltes Mineralwasser begeistert, so gelang dem Hahnenwasser bis Ende 2008 ein klares Comeback. Der Verkauf von Mineralwasserflaschen ging im letzten Viertel 2008 im Vergleich zur gleichen Periode des Vorjahrs um zwölf Prozent zurück. Ferner verzichteten die Konsumenten zusehends auf Luxus-Teesorten, während der gewöhnliche Schwarztee und Mokka wieder die Gunst der Einkäufer gewinnen könnten. Gesüsster Eistee, Ende 2007 ein boomendes Produkt, musste Ende 2008 eine Umsatzeinbusse von zehn Prozent hinnehmen. Demgegenüber konnte Sodawasser seine Position ebenso halten wie die diversen Biersorten, die im Angebot sind. Experten befürchten, dass diese krisenbedingte Abkehr von alten Gewohnheiten im Konsumgütermarkt ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat.    





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