Segenssprüche für die Sonne
Als die Sonne am Morgen des 8. April 1981 über New York aufging, stand Rabbiner Zalman Shachter-Shalomi, damals erst als Zalman Schachter bekannt, auf der Aussichtsterrasse des Empire State Building und blies das Shofar. Anschliessend leitete Shachter-Shalomi eine von rund 300 meist jugendlichen Männern besuchte Zeremonie, die als «Birkat hachama» oder auch Sonnensegen bekannt ist. Dieses Gebet wird nur alle 28 Jahre rezitiert, wenn gemäss Talmud die Sonne den gleichen Ort am Firmament wie zur Zeit der Schöpfung einnimmt. Die «New York Times» berichtete seinerzeit, die Teilnehmer hätten ihre Hände zum Gebet erhoben und um Heilung für Einzelpersonen, aber auch für die ganze Erde ersucht. 70 Ballone wurden in die Luft gelassen. Zum Abschluss der Zeremonie sangen einige der Anwesenden die hebräische Version des Liedes «Let the Sun Shine» aus dem Musical «Hair». Die Zeremonie helfe Juden, so Shachter-Shalomi, die Beziehungen zum Sonnensystem zu erneuern und das Bewusstsein für die Sonne als Energiequelle stärken.
28 Jahre später machen Juden aller Schattierungen sich erneut bereit für die entsprechenden Zeremonien, wobei diesmal neu der Umweltschutz eine wichtige Rolle spielt. Das Sonnengebet in diesem Jahr wird am 8. April rezitiert werden, dem Vortag des Pessachfestes.
Für eine gesündere Umwelt
In Safed im Norden Israels wird ein achttägiges Festival mit diversen kabbalistisch und umweltschützerisch inspirierten Anlässen organisiert. Zum Abschluss soll am Vortag von Pessach traditionsgemäss das gesäuerte Brot verbrannt werden, wobei man das Feuer mit Hilfe der Sonnenstrahlen und einer optischen Linse entfachen will. «Während des letzten Zyklus von 28 Jahren», sagt die in den USA wohnhafte Künstlerin Eva Ariela, die Gründerin des Festivals, «haben wir unter Umweltverschmutzung und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen gelitten. Nutzen wir doch diese aussergewöhnliche Gelegenheit, um zusammen den nächsten Zyklus zu schaffen, indem wir alternative Solarenergien und eine saubere Umwelt anstreben, unsere eigenen Batterien aufladen und lernen, wie wir die Erde, unsere Nachbarn und uns selbst zu ehren haben. Wir stehen in einer Zeit der Erneuerung, in der wir unserer Erde frische Blüten für die kommenden 28 Jahre bringen sollen.»
In den USA haben sich 14 jüdische Organisationen zusammengetan, um die Website www.blessthesun.org zu lancieren. Diese offeriert Links zu diversem Bildungsmaterial und zu Ideen für Aktivitäten am 8. April. Benutzer der Website werden eingeladen, eine Erklärung zu unterschreiben, in der sie sich verpflichten, den «Tag der Gesundung der Umwelt, der sozialen Gerechtigkeit und eines nachhaltigenen Lebens für alle» herbeizuwünschen. Fünf der Gruppen sponsern zudem einen Kunstwettbewerb für Arbeiten, in denen «Aspekte der Sonne interpretiert und die Beziehung zwischen dem Judentum und der Umwelt untersucht werden». Schliesslich haben konservative Juden einen 68-seitigen Text zu Gebeten erarbeitet, in denen die Umwelt ein Thema ist.
Das kosmische Phänomen
Der orthodoxe jüdische Verlag ArtScroll Publications hat eine aktualisierte Ver-
sion des 1981 von Rabbiner David Bleich erstmals herausgegebenen Buchs «Birchas hachama» publiziert. Hierbei handelt es sich wohl um eines der besten Werke zu diesem Thema in englischer Sprache. Und Canfei nesharim, eine orthodoxe Umwelt-Gruppe, arbeitet an einer Anzahl von Initiativen, unter anderem Mishloach manot – die Speisekörbe, die man sich traditionell an Purim gegenseitig schenkt –, welche die Sonne zum Thema haben. Purim wird ungefähr ein Monat vor dem Sonnensegen gefeiert. In Bleichs Buch finden sich detaillierte Diskussionen über die Evolution des jüdischen Kalenders und die komplexen Berechnungen des Mond- und des Sonnenzyklus, welche die für das jüdische Jahr wichtigen Daten fixieren. «Der Segensspruch zu dieser Gelegenheit», schrieb Rabbiner Bleich, der Professor an der Yeshiva University für jüdisches Gesetz und Ethik ist, «ist offenbar eher heraufbeschwörend als reagierend». Er soll den Menschen aus seiner Lethargie aufrütteln und ihn zwingen, über dieses kosmische Phänomen nachzudenken. Dieser weitere solare Meilenstein im Kalender der Ewigkeit ruft dem Menschen zu: «Erhebe deine Augen in die Höhe und überlege dir, wer dies alles erschaffen hat.»
Möglicherweise ist die Fixierung des Datums des 8. April nicht exakt, doch die Weisen des Talmuds haben, so Bleich, den Segen nicht als eine präzise astronomische Erinnerung verfügt, sondern als pädagogisches Instrument, um künftigen Generationen die Bedeutung Gottes klarzumachen, die er bei der Erhaltung des Universums nach wie vor hat.


