Bringt die Sache endlich zum Schluss!
Eine weitere Sitzung des sicherheitspolitischen Kabinetts endete vergangene Woche ohne Entscheid. Ein weiterer Tag, an dem die Liste der 1400 inhaftierten palästinensischen Terroristen, die die Hamas gegen Gilad Shalit tauschen möchte, nicht auf den Tisch gelegt wurde. Fünf Stunden sassen die Minister zusammen und einmal mehr entschieden sie nichts Konkretes. Bald schon wird die derzeitige Regierung ihre Funktion beenden, und Premier Ehud Olmert versucht in den letzten Momenten, seine Wähler davon zu überzeugen, dass er trotz der Affäre Moshe Talansky und den nicht enden wollenden polizeilichen Verhören bis zum Schluss ein hervorragender und mutiger Regierungschef gewesen sei.
Shalit ist bereits rund 1000 Tage in Gefangenschaft, und die Regierung weiss immer noch nicht, wie sie das Dilemma lösen und ihn nach Hause bringen kann. Es ist legitim, wenn auch nicht immer human, in einer Verhandlung Härte zu zeigen, zumal es sich um einen einzigen Soldaten handelt. Doch was erwarten die Kopfjäger des Landes? Dass Shalits Schicksal sich so entwickeln wird wie dasjenige von Ron Arad?
Worauf warten wir? Auf den Amtsantritt einer rechtsgerichteten Regierung, die die Verhandlungen ziemlich sicher torpedieren wird? Es sollte uns kalt den Rücken hinunterlaufen, wenn wir hören, was ein Aktivist der Nationalen Union zu sagen hatte: «Wir werden unser Leben aufs Spiel setzen, um den Deal scheitern zu lassen.» Ein ähnlicher Schmutzfleck blieb auf der israelischen Weste zurück, als das Land 1956 während der Sinai-Kampagne «vergessen» hatte, seine in die «schmutzig Affäre» von Kairo involvierten Männer (ein israelischer Spionage- und Attentatsring war aufgeflogen) zu befreien. Damals hatte die israelische Regierung zahlreiche Gefangene genommen, unter ihnen einen General.
Es ist legitim, darüber zu verhandeln, wer im Austausch für Shalit freigelassen werden soll und wer nicht, doch ist es heikel, zum jetzigen Zeitpunkt die Freilassung an das Thema der Grenzübergänge zu knüpfen. Ägypten in allen Ehren, doch dieses Land sollte den Terminkalender für die Haftentlassung unseres Soldaten nicht fixieren. Shalit ist entführt worden, als er für Olmert Wache stand, und man hatte den Eindruck, der Premier würde seinen Posten nicht verlassen, ohne zuvor nicht Shalit zum «üblichen» und schmerzvollen Preis nach Hause zu bringen. Olmert geniesst die Unterstützung des Verteidigungsministers und der Armeeführung, und es ist unklar, weshalb er seine Meinung geändert hat.
Die Diskussion zwischen Ehud Olmert und Verteidigungsminister Ehud Barak wird sich wahrscheinlich darum drehen, ob der Waffenstillstand an Shalits Entlassung zu knüpfen sei. Der zweite Libanon-Krieg, in dem 160 israelische Zivilisten und Soldaten getötet wurden, brach mit Olmerts Zustimmung und auf seine Initiative aus. Zielobjekt war die Rettung zweier Gefangener aus der Hand der Hizbollah. Aufgrund des Zustandes des Fahrzeugs, aus dem sie entführt worden waren, und anhand der Menge des am Ort des Hinterhalts sichergestellten Bluts stellte sich recht bald schon heraus, dass die beiden Entführten nicht mehr am Leben waren. Hizbollah-Chef Nasrallah aber spielte sein makaberes Spiel. Es bestand darin, dass sogar für Informationen über jeden Körperteil ein Preis zu zahlen war. Und zum Schluss zahlte die israelische Regierung.
Am Vorabend der Bildung einer neuen Regierung könnte sich sogar das Ziel der Erlösung eines Gefangenen sehr schnell zu einem innerjüdischen Krieg entwickeln. Die Behauptungen, Amos Gilad, Leiter des sicherheitsdiplomatischen Büros im Verteidigungsministerium, würde in Kairo unabhängige Verhandlungen führen und Olmert in Abkommen hineinzerren, die er gar nicht will, reflektieren die Spannungen zwischen dem Premier- und dem Verteidigungsminister. Im Bewusstsein des hohen Preises, der für Shalit bezahlt werden muss, verdichtet sich der Eindruck, Olmert habe Bedenken bekommen und wolle das Thema seinem Nachfolger überlassen.
Laut dem Anwalt Uri Slonim, der sich seit Jahren in Geisel-Austausch-Verhandlungen engagiert, war der Fall Shalit einer der wenigen Fälle, bei denen nicht zuerst um ein Lebenszeichen gebeten werden musste. Und noch etwas: Die Verhandlungen über seine Freilassung finden nach einem Krieg statt, und nach einem Krieg ist es üblich, Gefangene auszutauschen. Nachdem Israel in Gaza Krieg geführt hat, engagiert es sich mit einer humanitären Geste, deren Hauptbestandteil ein Gefangenenaustausch ist. Einige der Gefangenen sitzen schon Jahrzehnte im israelischen Gefängnis.
Das Problem liegt darin, dass die Hamas einen einzigen Gefangenen hat, während wir rund 12 000 «Gefangene» halten – angefangen bei Autodieben bis hin zu Mördern, die zu mehrfachen lebenslänglichen Strafen verurteilt worden sind und in akzeptablen Verhältnissen im Gefängnis sitzen.
Der Gedanke, wir würden sie auf ewig bei uns halten, ist unlogisch. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass sie nach ihrer Entlassung auf ihre alten Wege zurückkehren. Nicht jeder entlassene Häftling ist grundsätzlich gegen Israel eingestellt. Tatsache ist, dass Jibril Rajoub, Mohammed Dahlan und viele andere die israelischen Abkommen unterstützen.
Am wichtigsten aber ist das ungeschriebene Abkommen zwischen dem Staat und seinen Soldaten: Der Soldat verspricht zu kämpfen, und der Staat ist verpflichtet, ihn nach Hause zurückzubringen. Das Gefühl, dass israelische Soldaten sicher sein können, dass mit ihren Leben nicht gespielt wird, ist von überragendem Wert. Selbstverständlich erwartet ein Soldat, der in den Kampf zieht, dass es nicht zu zynischen politischen Auseinandersetzungen und zur Begleichung von Rechnungen auf seine Kosten kommen wird.
Der harte Terrorismus spielt ein grausames Spiel mit unseren menschlichen Schwächen. Die israelische Öffentlichkeit, die einerseits bedingungslos die Freilassung Gilad Shalits und anderer Gefangener fordert, ist verbittert, weil Israel so viele Terroristen freilassen musste. Wenn wir sehen, wie Hunderte von Terroristen, deren Freilassung die Hamas fordert – eingeschlossen rund 450 Personen mit Blut an den Händen – in Gaza frohlocken, uns verfluchen und verurteilen, stösst uns das besonders bitter auf.
Wir haben aber noch Glück. Einer für alle, und alle für einen. Die israelische Regierung sollte um Himmels Willen endlich mit den Debatten aufhören und die Affäre beenden.
Yoel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».


