Israel als Jude unter den Nationen
TACHLES: Der Gaza-Krieg wird innerhalb der Uno heftig debattiert, Israel teils hart kritisiert. Wie empfinden Sie als ehemaliger Botschafter Israels die aktuelle Stimmung?
DAN GILLERMAN: Letztlich ist die Uno immer nur so gut wie ihre 192 Mitgliedstaaten, und diese sind die Welt, in der wir leben. Die Uno ist ein sehr kompliziertes Gebilde. Ihr Generalsekretär hat 192 Kunden, und manchmal versucht er alle zufriedenzustellen, was unmöglich ist. Israel wird so oft das Ziel von Angriffen, weil es automatisch eine unmoralische Mehrheit gegen das Land gibt, die jede Gelegenheit zur Attacke überwältigend wahrnimmt.
Würden Sie diese Mehrheit als antisemitisch, antiisraelisch oder antizionistisch bezeichnen, oder liegt es an tieferen Problemen oder an einer asymmetrischen Situation?
Meines Erachtens liegt es an der asymmetrischen Situation. Israel ist heute der Jude unter den Nationen, und Antiisraelismus ist latenter Antisemitismus. Es ist viel salonfähiger, antiisraelisch als antisemitisch zu sein, aber wir müssen auch verstehen, dass ein grosser Unterschied besteht zwischen dem, was Leute öffentlich sagen oder wie sie abstimmen, und dem, wie sie wirklich fühlen und was sie dir unter vier Augen sagen. Israel hat sogar ein Problem mit Ländern wie der Türkei, Pakistan oder Ägypten, die seine Freunde sind, mit denen es enge Handels- und andere Beziehungen unterhält. Wenn man aber deren Vertreter in der Uno hört oder sieht, wie sie abstimmen, würde man denken, dass sie Feinde sind. Manchmal scheint es, dass man in der Uno sagen darf, was immer man will.
Umgekehrt gibt es laute Stimmen jüdischer Organisationen, die sich über den Antisemitismus bestimmter Länder beschweren. Wie empfinden Sie als Diplomat solche Vorstösse von Organen, die ja nicht zur Politik gehören?
Grundsätzlich habe ich grossen Respekt für die jüdischen Organisationen. Während meiner Zeit in New York habe ich mit über 50 der grösseren von ihnen eng zusammengearbeitet. Die meisten von ihnen leisten den jüdischen Menschen grosse Dienste. Manchmal treten einige von ihnen allerdings lautstark in der Öffentlichkeit auf, wo stilles Wirken im Hintergrund mehr erreichen würde. Aber ich kann ihre Sorge über das, was in der Uno geschieht, durchaus verstehen. Dennoch ist auch zu sagen, dass die Atmosphäre gegenüber Israel bei den Vereinten Nationen in letzter Zeit besser geworden ist, einige Anliegen des Landes wurden angenommen. Daniel Patrick Moynihan sagte vor einiger Zeit, dass es drei Arten Uno-Mitglieder gebe: ständige Mitglieder, nicht ständige Mitglieder und ein ständiges Nichtmitglied – Israel. Dies trifft meiner Meinung nach nicht mehr zu. Israel ist unterdessen ein akzeptiertes, normales Mitglied, auch wenn es in der Vollversammlung immer noch jene automatische unmoralische Mehrheit gibt, die gemäss Abba Eban sogar eine Resolution durchbekommen würde, dass die Welt eine Scheibe sei. Aber in dieser Fraktion gibt es eben auch keine einheitlichen Positionen, und wenn man mit einzelnen ihrer Vertreter spricht, sind sie meist sehr proisraelisch. Seit «9/11» versteht die Welt besser, was Israel tut, auch wenn die Gaza-Operation einigen Regierungen Sorgen machte. Die Welt versteht, dass wir nicht in Nord und Süd oder Arm und Reich geteilt sind, sondern in Terror und Kampf gegen den Terror, und sie weiss, auf welcher Seite Israel hier steht.
Ist die Uno-Welt auch in Demokratie und Nicht-Demokratie geteilt?
Sehr stark, ja, und das ist eines der Probleme der Uno. Es wurde sogar darüber gesprochen, innerhalb der Uno eine Fraktion der Demokratien zu formieren. Ich halte das für eine gute Idee, denn sehr oft predigen Länder über Gesetzgebung und Demokratie, die Letztere nicht einmal von Ferne kennen. Da gibt es sehr viel Heuchelei und Doppelmoral.
Iran beschäftigt die Uno ja stark. Wie seriös werden diese Debatten geführt, und wie beurteilen Sie persönlich dieses Problem?
Iran ist vermutlich die grösste Bedrohung unserer Zivilisation. Ich kann nur empfehlen, dem fundamentalistischen, radikalen, Holocaust leugnenden und Israel mit Vernichtung drohenden Präsidenten zuzuhören und ihn ernst zu nehmen. Denn das jüdische Volk zahlte vor gut 60 Jahren einen sehr hohen Preis dafür, dass alle dachten, der Mann mit dem Schnurrbart sei nur ein Verrückter. Aber Iran ist nicht nur eine Gefahr für den Westen, sondern auch und vor allem für die arabischen Länder. Das hat wenigstens das positive Element in sich, dass viele moderate arabische Staaten heute realisieren, dass nicht Israel die Bedrohung für sie ist, sondern Iran mit seinem imperialistischen Anspruch, die arabische Welt zu «persianisieren», zu beherrschen und den Sunnismus dem Schiismus zu unterwerfen. Israel rückt so zu einem potenziellen Verbündeten auf, der mithelfen könnte, das Problem zu lösen.
Ist der Ansatz Barak Obamas, mit Iran zu sprechen, eine gute Idee?
Als Diplomat möchte ich natürlich gerne daran glauben, dass Diplomatie funktionieren würde. Meine grosse Angst ist aber, dass wir dazu keine Zeit mehr haben, weil die diplomatische Uhr viel langsamer tickt als die technologische und militärische in Iran. Und die Iraner spielen das Täuschungs- und Verzögerungsspiel so meisterlich wie damals Nordkorea, bei dem sich die Welt eines Tages mit der Atombombe konfrontiert sah. Ich glaube, dass Iran auf Zeit spielt und die Bombe baut.
Werden sie die Bombe nicht sowieso irgendwann haben?
Ich hoffe, dass es nicht so kommt. Denn ich glaube nicht, dass wir in einer Welt leben können, in welcher Iran die Bombe hat. Die Gefahr liegt ja nicht nur in einem iranischen Angriff auf Israel oder einen seiner Nachbarn, sondern in der potenziellen Weitergabe an Schurkenregimes und Terrororganisationen. Dabei leben wir heute schon in einer Welt, die gefährlicher ist als jene zur Zeit des Kalten Krieges.
Wegen der nuklearen Bedrohung?
Ja, und wegen Schurkenregimes und Terror. Es ist gefährlicher, weil man es früher mit Staaten zu tun hatte, man wusste, wer einem gegenüberstand. Heute weiss man das bei Terrororganisationen wie jener in Mumbai oft nicht. Man stelle sich vor, was geschehen könnte, wenn sie nuklear bewaffnet wären – abgesehen von der Gefahr, dass in Pakistan Atomwaffen in falsche Hände geraten. In dieser sehr gefährlichen Welt brauchen wir Führer, die versuchen, zusätzliche Gefahren zu vermeiden.
Können Sie bitte ein Wort zum Menschenrechtsrat der Uno sagen? Er ist offenbar ein Problem für Israel, weil 90 Prozent seiner Resolutionen gegen das Land gerichtet sind. Wie interpretieren Sie dies?
Als damals die Gründung dieser Nachfolgeorganisation beschlossen wurde, warnte ich davor, dass dies ein Fehler sei, weil sie sich nicht von der Vorgängerinstitution unterschied. Die USA und Israel stimmten aber als einzige dagegen und weigerten sich auch, Teil diese Organisation zu werden. Nun, einige Zeit später, hat es sich bestätigt, dass hier nicht ein neues Baby geboren wurde, sondern ein scheussliches Monster. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man es als Witz betrachten, denn es sitzen Länder in diesem Rat, die zu den schlimmsten Menschenrechtsverletzern überhaupt gehören. Schlimme Missstände werden nicht beachtet, dafür ausschliesslich Israel ins Visier genommen. Die ganze Glaubwürdigkeit ist verloren gegangen, und sogar die damaligen Geburtshelfer, allen voran Kofi Annan, bedauern sehr, mitgewirkt zu haben. Israel betrachtet den Rat als einseitig und unglaubwürdig und verweigert deshalb die Zusammenarbeit. Wir hoffen, dass die Vereinten Nationen diesen Fehler zu beheben versuchen.
Die Nachfolgekonferenz zu Durban findet im April in Genf statt. Macht Ihnen das Sorgen?
Als sich die Konferenz abzuzeichnen begann, hoffte ich, dass sich demokratische Länder wie Kanada und die USA fernhalten würden. Es ist reine Zeitverschwendung und eine Plattform, die ausschliesslich für Israel-Bashing missbraucht werden wird. Probleme wird die Konferenz nicht lösen.
In Durban lag das Hauptproblem bei den NGOs. Die Konferenz selbst war ja nicht antiisraelisch.
Richtig. Trotzdem sehe ich nicht, dass daraus etwas Gutes entstehen könnte.
Läge es im Interesse Israels, eine Konferenz gegen Rassismus durchzuführen?
Ja, wenn es wirklich um eine Konferenz gegen Rassismus ginge. Nein, wenn es um Antisemitismus und gegen Israel geht. Und in letztere Richtung wurde Durban durch einige Länder manipuliert. Dies hilft jedoch keinem einzigen Israeli und auch keinem einzigen Palästinenser.
Wie beurteilen Sie die Schweizer Position innerhalb der Uno während
der letzten Jahre?
Insgesamt war sie sehr ausgewogen. Ich hatte eine hervorragende Beziehung zum damaligen Schweizer Gesandten Peter Maurer, der sehr gut und effizient arbeitete. Natürlich gab es einige Dinge, die ich kritisch betrachtete, etwa der iranische Gas-Deal. Aber das bezog sich nicht auf die Arbeit in der Uno.
Wäre die Schweiz ein Partner für Friedensverhandlungen im Nahen Osten?
Die Schweiz spielte meiner Auffassung nach nie einen wichtigen Part in diesem Prozess und sie tut es auch derzeit nicht. Gewicht haben wie immer die USA und in einem gewissen Mass das Quartett. Länder wie die Türkei und Ägypten sind sehr wichtig.
Mischt sich die Diaspora zu sehr in Israels politische Angelegenheiten ein?
Die Diaspora hat verstanden, wie wichtig ein starkes Israel ist, umgekehrt ist für Israel eine starke Diaspora wichtig, und für beide wiederum ist eine starke Partnerschaft wichtig. Eine Einmischung, die auf einem Bekenntnis zu Israel beruht, ist in einer solchen Partnerschaft gerechtfertigt; die Partnerschaft zwischen Israel und der Diaspora ist einzigartig.


