Dialog in der Krise?
TACHLES: Sie sagen, dass die Vatikan-Krise ohne den christlich-jüdischen Dialog der letzten Jahre noch viel schlimmer ausgefallen wäre. Weshalb?
MICHEL BOLLAG: Der unmittelbar nach der Schoah initiierte und seit dem zweiten Vatikanischen Konzil intensivierte Dialog hat in vielen kritischen kirchlichen Kreisen und darüber hinaus die Sensibilität geschaffen, die harsche Kritik am Papst und an der Kurie in Rom erst möglich gemacht haben. Auch wenn bei Weitem nicht alle christlichen Antijudaismen aus der Welt geschaffen sind, haben Juden heute innerhalb der Kirchen, der katholischen und anderen,
Alliierte und Freunde, die nicht bereit sind, angesichts rückwärts gewandter Entscheide der offiziellen Kirche zu schweigen.
Unterscheiden wir zwischen dem informellen christlich-jüdischen Dialog und dem der Elite. Letztere hat doch versagt, wenn der Vatikan eine Annäherung zur konservativen und antisemitischen Pius-Brüderschaft sucht.
In dieser Schärfe formuliert stimmt das nicht. Die diplomatischen Beziehungen zwischen offiziellen jüdischen Organisationen und dem Vatikan sind wichtig, auch wenn teilweise nur Nettigkeiten ausgetauscht werden und brisante theologische Fragen und Entwicklungen innerhalb der beiden Religionen ausgeklammert beziehungsweise nicht wahrgenommen werden. Gerade in Zeiten der Krise ermöglichen aber diese diplomatischen Beziehungen, dass man gewisse Forderungen stellen und dafür sorgen kann, dass bestimmte rote Linien nicht überschritten werden. Die Organisationen, die offiziell mit dem Vatikan in Kontakt stehen, haben diese Rolle in den letzten Wochen gut gespielt. Allerdings kann es durchaus auch sein, dass sich auf jüdischer Seite einige Protagonisten der Konsequenzen des Konservatismus des heutigen Papstes – und früheren Kardinals Ratzinger – für die jüdisch-christlichen Beziehungen zu wenig bewusst waren.
Das zweite Vatikanische Konzil regelt in der Erklärung «Nostra Aetate» das Verhältnis zu den Juden. Dennoch bleibt die Theologie der Verheissung so, wie sie ist. Kann es eine Kirche geben, die nicht schon per Definition theologisch antijüdisch ist?
Die Theologie der Verheissung, die im konservativen Katholizismus, sei es nun innerhalb der Kirche oder in der Pius-Bruderschaft, gepflegt wird, sieht den Katholizismus als einzig wahren Weg zum Heil und lehrt, dass in der Thora und den Schriften der Propheten die Wahrheit des Christentums angekündigt wird. Wer heute noch diese Theologie betreibt, hält an einem ahistorischen Verständnis von Religion fest, das immer gegen andere Religionen und damit auch gegen Menschen gerichtet ist. Diese Theologie kennt nur eine ideale Religion, die niemals von geschichtlichen und kulturellen Bedingtheiten beeinflusst wurde. Eine Kirche, die diesem Religionsverständnis verhaftet ist, kann in der Tat nur der Political Correctness zuliebe Antijudaismen aufgeben. Dieses rein ahistorische Religionsverständnis ist jedoch weder für das Christentum noch für das Judentum oder den Islam zwingend. Alle Religionen haben im Verlauf der Zeit Transformationsprozesse durchgemacht.
Und was bedeutet dies letztlich?
Die heutige Erkenntnis, dass Religionen dynamische und nicht statische Gebilde sind, kann in allen Religionen zu dem führen, was wir Juden als «teschuwa» bezeichnen. Genau diese Erkenntnis führt dazu, dass es bereits heute viele christliche Geistliche und Gelehrte gibt – von Laien ganz abzusehen –, die von der Theologie der Verheissung Abstand genommen haben.
Alle sprechen vom Vatikan. Doch niemand von den bemerkenswerten antijüdischen Entwicklungen in evangelikalen Kreisen, die überlagert werden von einer Pro-Israel-Politik, die letztlich die Judenmission und das verheissene Land zum Ziel hat. Führen Sie auch mit solchen Gruppen Dialog?
Ein Dialog, der diesen Namen verdient, setzt voraus, dass man nicht nur die Person des Gegenübers respektiert, sondern dass man auch fähig ist, seinen Überzeugungen einen eigenständigen Wert beizumessen. Mit Gruppierungen, die die Judenmission — sei es aktiv oder rein nur als Fernziel — propagieren, auch wenn diese proisraelisch eingestellt sind, kann aus diesem Grund gar kein Dialog stattfinden.
Auf der anderen Seite sind die Vorurteile etwa gegenüber Christen in der jüdischen Gemeinschaft nicht gerade klein. Was tun Sie dagegen?
Darauf werde ich in christlichen Kreisen häufig angesprochen. Diese Vorurteile sind Teil unseres historischen Gedächtnisses, und man kann sie deshalb nur sehr behutsam angehen, denn die Wunden der Geschichte heilen nur sehr langsam, wenn überhaupt. Gerade Rückschläge, wie wir sie in den letzten Wochen erlebt haben, sind nicht dazu angetan, das Vertrauen der Juden zu stärken und Vorurteile abzubauen. Auch da setzt aber das Zürcher Lehrhaus auf Wissen und Begegnungen. Wir bieten im Lehrhaus auch Kurse an, bei denen Juden viel über Christentum und Islam lernen können. Dazu organisieren wir gemeinsam mit christlichen, islamischen und jüdischen Gemeinden Veranstaltungen, wie zum Beispiel «Unterwegs mit Abraham» die dazu beitragen können, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft die Erkenntnis wachsen zu lassen, dass wir nicht nur Feinde, sondern auch verlässliche Partner haben.
Seit zwei Jahren haben Sie den Trialog eingeführt. Vielleicht folgt bald ein Dialog mit anderen Glaubensgemeinschaften. Ist all dies nicht bloss ein Selbstzweck, wenn die Beziehungen unter den Glaubensgemeinschaften nicht gesellschaftlich und breit implementiert werden?
Die gesellschaftspolitische Bedeutung des Dialogs, namentlich des Engagements des Zürcher Lehrhauses für den Dialog zwischen den drei abrahamitischen Religionen, wird sehr wohl von Behörden und Verbänden wahrgenommen. Dass heute an verschiedenen Hochschulen, aber auch in der Fortbildung von Lehr- und Pflegepersonal, Sozialarbeitern und theologischen Fachkräften fremde Religionen und namentlich auch das Judentum unterrichtet werden, zeigt, dass die gesellschaftliche Implementierung des Dialogs auf gutem Weg ist.
Oft macht es den Anschein, der Dialog zwischen Glaubensgemeinschaften sei einfacher als der interkonfessionelle, also etwa jener zwischen Katholiken und Reformierten, oder zwischen liberalen, traditionellen und orthodoxen Juden. Sehen Sie da Handlungsbedarf?
Das sehen Sie zweifellos richtig. Bei den verschiedenen Richtungen innerhalb der Religionen sind wir noch lange nicht beim Dialog angekommen. Ein grosser Schritt dorthin wäre dann getan, wenn wir bei der Toleranz angekommen wären. Der
Dialog kann erst dann beginnen, wenn das Prinzip, dass es verschiedene Wege zur einen Wahrheit gibt, von den Orthodoxien akzeptiert werden kann.
Religion ist nach wie vor eine der Hauptquellen für Krieg und Leid. Das wird sich wohl nicht ändern lassen. Fühlen Sie sich mit Ihrer Arbeit nicht langsam als Sisyphos?
Da ist mir das berühmte Sprichwort von Rabbi Tarfon zum Leitmotiv geworden: Dir liegt nicht, die Arbeit zu vollenden, doch du bist auch nicht frei, dich ihrer zu entledigen. In der Thora heisst es, der Gerechtigkeit, ja, der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, und in den Psalmen beten wir jeden Schabbat den Vers: Suche den Frieden und jage ihm nach. Insofern betrachte ich den Dialog als einen Weg der Friedenssuche und somit auch als eine Mizwa, ein göttliches Gebot. Gelingen kann diese Suche ohnehin nur mit der Hilfe Gottes.
Im Mai wird Papst Benedikt XVI. nach Israel reisen. Damit wird die aktuelle Diskussion wohl bald beigelegt sein. Doch an der christlichen Basis wird sich dadurch nichts ändern, und der Vatikan wird vielleicht zusehends destabilisiert werden, was kaum im Interesse der jüdischen Gemeinschaft sein kann. Wie beurteilen Sie dies?
Was die Reise des Papstes bewirken wird, ist heute und aus meiner Position schwer zu beurteilen. Wie sich eine hypothetische Destabilisierung des Vatikans auf die jüdisch-christlichen Beziehungen auswirken würde, bleibt abuzwarten. Politisch wäre es aus jüdischer Sicht jedenfalls klug, nicht alle Anstrengungen im Dialog auf den Vatikan zu fokussieren und eine Strategie der multiplen Allianzen zu fahren. Potenzielle Partner im Kampf um die Würde des Judentums gibt es, nebst den Feinden, Gott sei Dank, viele.
Auf welche Themen werden Sie sich in Zukunft in der Dialogs- und Trialogsarbeit im Lehrhaus konzentrieren?
Immer wichtiger wird es sein, einerseits die historischen, sozialen und kulturellen Bedingtheiten von Religionen zu kennen, um nebst deren unbestrittenen Lichtseiten auch deren Schatten erkennen zu lernen, und andererseits ein Textverständnis der Heiligen Schriften zu vermitteln, in dem die Verse aus den Proverbien, «alle ihre Wege sind Wege sind der Lieblichkeit» und «alle ihre Pfade Frieden» das oberstes Deutungsprinzip sind. Inhaltlich werden wir uns im Einzelnen in allernächster Zeit sicher dem Nahost-Konflikt widmen. Für uns in der Schweiz kann das Motto nur «hinschauen und verstehen» heissen, damit dieser Konflikt nicht auch in unserem Land auf eine Art ausgetragen wird, die die Beziehungen zwischen Juden, Muslimen und Christen vergiftet.


