Am 29. Oktober 2008 beschloss der Oberste Gerichtshof von Israel einstimmig, dem Simon-Wiesenthal-Zentrum die Wiederaufnahme der Bauarbeiten für sein Projekt eines Museums der Toleranz auf dem Gelände eines städtischen Parkplatzes im Zentrum von Westjerusalem. Das Gericht wies den Einwand von Scheich Raed Salah, einem bekannten Antisemiten und Anhänger der Hamas, zurück, der Parkplatz sei auf einem muslimischen Friedhof errichtet worden und die Baugenehmigung sei auch für den kleinen Teil des Geländes erteilt worden, auf dem menschliche Knochen gefunden worden seien. Während eines halben Jahrhunderts parkierten täglich Hunderte von Juden, Christen und Muslimen ihre Fahrzeuge auf dem Gelände, ohne dass irgendwelche Proteste muslimischer Gruppen, religiöser Führer, nicht-staatlichen Organisationen oder Professoren laut geworden wären.
Die Vergangenheit ehren
1964 hatte der Muslimische Religiöse Rat, die höchste Autorität der Muslime, befunden, der Unabhängigkeitspark mit dem Mamilla-Friedhof neben dem Parkplatz sei eine «mundras», eine verlassene Stätte, auf der gebaut werde dürfe. Heute gilt der Begriff «mundras» in der arabischen Welt (in Jordanien, Libanon, Ägypten, Saudi-Arabien und in den palästinensischen Gebieten) als allgemein akzeptierte Definition. Das Judentum kennt dieses Konzept zwar nicht, doch das Gericht hielt fest, dass nötigenfalls das jüdische Gesetz in der Praxis in der Regel eine Lösung finden würde, welche die Fortsetzung von Bauarbeiten auf eine Weise gestattete, die die Verletzung von Gräbern auf ein Minimum senken würde.
Seit die israelische Regierung und die Stadt Jerusalem dem Wiesenthal-Zentrum das Land vor acht Jahren übergeben hat, gab es zahllose Treffen von Planungs- und architektonischen Stellen und Anhörungen vor dem Stadtrat. Zudem wurde das Projekt auf Englisch, Hebräisch und Arabisch in Zeitungsinseraten verkündet. In all den Jahren, während Dutzende Millionen von Dollar ausgegeben wurden, hörte man keinen einzigen Protest. Experten, Regierungsvertreter und die gewöhnlichen Bürger stimmten mit der Ansicht des Gerichts überein, nach der das Gelände während Jahrzehnten nicht als Friedhof gegolten hatte.
Jerusalem ist über 3000 Jahre alt, und es gibt kaum eine Strasse oder ein Wohnviertel ohne Überreste oder Knochen. Wir könnten die ganze Stadt zum Friedhof für alle deklarieren, zur Stadt mit einer Vergangenheit, aber ohne Zukunft, oder wir könnten einen besseren Weg finden, um die Vergangenheit zu ehren, ohne die Zukunft im Keime zu ersticken.
Ein moralischer und legaler Entscheid
Obwohl unsere Gegner den Fortschritt unseres Projekts verfolgten, ohne zu protestieren, lehnte Scheich Salah ein Treffen mit unseren Anwälten ab. Einem Vermittler des Gerichts erging es nicht besser. Wir offerierten praktische Lösungen, über den Knochen zu bauen, ohne deren Ruhe zu stören, doch auch das wiesen sie zurück. Auch waren unsere Gegner nicht interessiert an einer Restaurierung des praktisch verlassenen Mamilla-Friedhofs. Der Scheich hatte nur ein Ziel vor Augen: Die Stätte in Westjerusalem zu einer muslimischen Stätte zu deklarieren. Er selber entschied sich für den Gang zum Obersten Gericht, ist aber nicht gewillt, dessen einstimmige Entscheidung zu akzeptieren. Das Museum der Toleranz wird nicht zulassen, dass es selber Opfer von Einschüchterung und Intoleranz wird. Der Gerichtsentscheid war sowohl moralischer als auch legaler Natur.
Die Stätte des Museums ist seit 1960 eine öffentliche Stätte. Der Ort wird nie wieder zu dem werden, was er vor 300 Jahren vielleicht war. Millionen von Juden und Nichtjuden zu begrüssen, die sich dort einfinden, um sich in die Grundsätze des gegenseitigen Respekts und der gesellschaftlichen Verantwortung zu vertiefen, ist wohl die beste Art der öffentlichen Nutzung der Stätte, die Jerusalem und der Staat Israel zurzeit brauchen können.
Marvin Hier ist Gründer und Vorsitzender des Simon-Wiesenthal-Zentrums und seines Toleranz-Museums.


