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13. Februar 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 07 Ausgabe: Nr. 7 » February 12, 2009

Migration als Chance

Joël Hoffmann, February 12, 2009
Die Migration ist für die Schweizer Wirtschaft notwendig. Zudem ist die Integration von Migranten ein gegenseitiger Prozess, wie die Teilnehmer am tachles-Podium in Basel betonten.
TACHLES-PODIUM Anita Fetz, Daniel Gerson, Valerie Doepgen, Gianni D’Amato, Lurata Reci und Thomas Kessler im Gespräch (v.l.n.r.)

In Basel leben Menschen aus 160 Na­tionen. Zudem leistet die Stadt Basel mit ihrer Integrationspolitik Pionierarbeit. Am 5. Februar lud tachles ins Literaturhaus Basel zur Podiumsdiskussion «Migration – Herausforderung und Chance», die von tachles-Redaktorin Valerie Doepgen moderiert wurde. Thomas Kessler, der ehemalige Integrationsbeauftragte von Basel-Stadt, stellte klar, dass die Herausforderungen der Migration weltweit überall gleich seien, dass sich eine gute Politik aber durch ihre Effektivität auszeichne. Kessler plädierte für eine Integrationspolitik, die fordert und fördert und frei von Polemik ist. Im Gegensatz zur alten Politik, die auf Probleme gewartet habe, sei es wichtig, Probleme früh zu erkennen. Dem stimmte auch Lurata Reci von Second@s Plus Schweiz zu; dennoch sei sie enttäuscht, dass gut integrierte Migranten nicht immer auch so behandelt würden – beispielsweise im Beruf.

Endloser Diskurs

Gianni D’Amato, Professor für Migration und Staatsbürgerschaft an der Universität Neuenburg, war erstaunt über die Dauer des Migrationdiskurses und darüber, dass dieses Thema so behandelt würde, als wäre es neu. Seit dem 19. Jahrhundert gäbe es diese Diskussionen bereits, da die Schweiz bereits damals ein Einwanderungsland gewesen sei. Bis in die fünfziger Jahre wurden die Begriffe Jude und Überfremdung zusammen genannt, wie Daniel Gerson vom Institut für Jüdische Studien der Universität Basel darlegte. Dass aber das Thema Migration emotional diskutiert wird und von Ängsten besetzt ist, hänge von den Vorstellungen ab, was die Schweiz sei und ausmache, so D’Amato. Zudem müsse das «Schweizer-Werden» als Anpassen ans Lokale, also an die kantonale Kultur verstanden werden. Die Basler Ständerätin Anita Fetz sprach daher von «Schweizen» und verstand darunter die unterschiedlichen kantonalen Kulturen und dass sich auch Schweizer in erster Linie als «Basler» oder «Zürcher» verstehen. Dies sei in einem winzigen Land, so Fetz, «wahnsinnig». Zudem mache es das Thema Integration enorm komplex, wie D’Amato anfügte.

Mythen durchbrechen

Die Podiumsteilnehmer betonten, dass die Migration Teil der Erfolgsgeschichte Schweiz sei. Oder, wie Fetz meinte, dass die Migranten für die wirtschaftliche Entwicklung notwendig seien. Gerson appellierte deshalb, Migranten als Bereicherung zu sehen. Und Kessler plädierte dafür, realistisch zu sein und mit den Mythen zu brechen. So warf er einigen Politikern vor, an die Schweiz der Touristen-Prospekte zu glauben. Für ihn sei die Migration kein gesellschaftliches Problem, sondern eine strategische Massnahme, denn die Schweiz  würde von der Migration profitieren, müss-te aber die Ressourcen der Migranten besser nutzen. Reci stellte zudem klar, dass Integration ein Geben und ein Nehmen sei. Dass Migranten aber auch als Konkurrenten verstanden werden, war für D’Amato Ausdruck einer Ambivalenz; Schweizer würden zwar auf Leistungen der Migranten
bestehen, aber auch auf Schutz vor Konkurrenz. Durch diese Ambivalenz seien Migration und Integration eine nie enden wollende und konfliktreiche Angelegenheit. Der Grundtenor der Podiumsteilnehmer war dennoch eindeutig: Die Herausforderungen der Migration könnten durch eine früh ansetzende Intergrationspolitik und einen vernünftigen Diskurs bewältigt werden.

Im Sinne der humanitären Tradition darf aber nicht vergessen werden, dass es an einer zukunftsorientierten nationalen Migrationspolitik noch immer fehlt. 





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