«Mein Ziel ist die Normalität»
TACHLES: Wie können Sie in der heutigen Situation die Politik davon überzeugen, dass die Wirtschaft Menschen einander näher bringt?
STEFF WERTHEIMER: Es ist ein ganz langsamer Prozess. Haben die Leute erst einmal Arbeit, besteht die Chance, dass sie extreme Ideen aufgeben und sich ganz normalen Fragen widmen: Interessante Arbeit haben, Geld verdienen, selbstständig werden oder Ähnliches. Das kann jedoch nicht geschehen, wenn die Leute sich nur feindlich gegenüberstehen.
Wenn man heute in den Gazastreifen geht ...
Für Gaza kann ich im Moment nichts machen, das ist zu kompliziert. Man muss dort beginnen, wo man etwas ausrichten kann.
Wenn Sie heute also nach Ramallah gehen, können Sie dort etwas erreichen?
Vielleicht ja. Aber ich gehe jetzt nach Nazareth, mache Sachen in meiner Gegend, oder ich gehe in den Negev. Ich will nichts Extremes tun, weil ich damit nichts ändern kann. Mein Ziel ist die Normalität.
Welche Seite ist schwieriger von Ihren Projekten zu überzeugen, die israelische oder die arabische?
Der Gedanke ist für beide neu. Bei uns im Galil funktioniert es, und wir versuchen, das, was bei uns klappt, weiter zu entwickeln, und zwar dort, wo es geht.
Ihre Vision zielt auf 20 Industrieparks im Nahen Osten. Wie wollen Sie das erreichen?
Sieben habe ich schon, einen davon in der Türkei. Es ist durchaus möglich, dass weitere solche Parks nicht von mir gemacht werden, sondern von Europäern oder Amerikanern, die meine Idee übernehmen und umsetzen.
Gibt es Investoren, die das beabsichtigen?
Es interessieren sich viele dafür, denn es ist die billigste und einfachste Idee, die diesbezüglich vorhanden ist.
Ist die Tatsache, dass Warren Buffet bei Ihnen eingestiegen ist, ein Signal in diese Richtung?
Das hilft auch – alles hilft. Auch, dass George Mitchell für ein halbes Jahr mit mir gearbeitet hat. Das sind Leute, die viel Erfahrung haben.
Mitchell ist jetzt Barak Obamas Nahost-Beauftragter.
Ja. Ich kenne ihn gut, weil er eben ein halbes Jahr mit mir gearbeitet hat, als ich damals die Sache im Gazastreifen machen wollte. Das heisst, eigentlich wollten es die Amerikaner machen. Aber zu jener Zeit waren sie mit den Gedanken zu sehr beim Irak-Krieg.
Derzeit ist die Finanzkrise das grosse Thema. Was ändert sich dadurch?
Ja, aber die Krise ändert nichts am Grundprinzip. Wenn mein Nachbar nichts hat, während ich zu viel habe, kommt Neid auf, und Neid kann man nur eliminieren, wenn man dem anderen hilft, dass er auch etwas hat.
Ihre Messlatte ist das Bruttosozialprodukt.
Ja. Erst wenn ein Mensch auf einen Verdienst von 6000 Dollar kommt, kommt er auf andere Ideen. Dies gilt für unsere Region, für den Rest der Welt kann ich es nicht beurteilen.
In Europa wird immer wieder darüber diskutiert, ob Israel ein Teil der EU sein sollte. Wie stehen Sie dazu?
Ich glaube, dass wir ein Teil der EU sein sollten, und die Palästinenser, Libanon und hoffentlich die Türkei auch. Denn praktisch liegt unser Markt in der EU, die Techniken kommen von dort, und es macht Sinn, dass wir versuchen, zusammenzuarbeiten. Wie, wann und wo, das sei dahingestellt.
Eigentlich haben alle Ihre Ideen Hand und Fuss, aber Sie stehen ziemlich alleine da. Sind Sie ein Einzelkämpfer?
Nein, nicht mehr. Aber in einem Land, in dem alle verängstigt sind, ist es normal, dass die Leute sich zuerst darüber Gedanken machen, wie sie vom Streit wegkommen. Meine Projekte dauern länger, weil man dazu Leute ausbilden und ihnen Arbeit bringen muss. Und man muss sie überzeugen, Ruhe zu bewahren, weil sonst keiner von aussen einsteigen will.
Auch in Israel gibt es Leute, die nicht oder wenig arbeiten, wie etwa viele
orthodoxen Juden.
Ich hoffe, dass auch sie zum Arbeiten kommen. Es gibt aber bei ihnen unterschiedliche Gruppen, auch solche, die arbeiten.
Sie stammen aus Deutschland. Sind Sie bezüglich des Antisemitismus besorgt, wenn Sie heute nach Europa kommen?
Nein, das ist eigentlich ganz normal und ein Resultat davon, dass man uns nicht
erlaubt hat, normale Berufe auszuüben. Ich sage nur, dass man daraus die Konsequenz ziehen muss. Wir haben ja jetzt Israel, und es hat keinen Zweck, die ganze Welt davon überzeugen zu wollen, nicht antisemitisch zu sein. Man muss das in Kauf nehmen, denn es ist ein Teil der Entwicklung der Welt. Die Konsequenz wäre, vermehrt nach Israel zu kommen, dort mehr zu helfen, und weniger zu reden.
Ein wichtiger Aspekt in Ihren Parks sind Bildung und Erziehung.
Ja, denn auch die Juden haben in gewisser Weise keine Industrie-Bildung, während die anderen schon gar keine Industrie haben. Sie sind immer landwirtschaftlich orientiert gewesen, und das muss sich jetzt ändern. Genau so, wie sich der Balkan oder Irland geändert haben.
Können Sie uns konkreter schildern, was in den Ausbildungsstätten in Ihren Industrieparks gemacht wird?
Wir vermitteln eine gute Berufsausbildung. Wenn die Leute erst einmal beruflich gut ausgebildet sind, kommen Firmen und eröffnen Fabriken, weil sie gute Leute finden können.
Gibt es auch pädagogische Ansätze, etwa in Bezug auf Integration oder interkulturelle Belange?
Wir reden nicht direkt über Integration, denn wenn die Leute Arbeit haben,
damit sie zufrieden sind und Geld verdienen, kommt die Integration ganz automatisch. Es wird zu viel geredet, und wenn Reden auch gut ist, ist es nicht die Hauptsache. Langfristig liegt die Lösung darin, Betriebe zu eröffnen, die Bestand haben, gute Produkte herstellen und Kunden finden, die mit diesen Produkten arbeiten wollen.
Wann wird man Ihre in Israel produzierten Werkzeuge und Maschinen in arabischen Ländern kaufen können?
In den arabischen Ländern gibt es nicht viele Industrien, die sie unsere Produkte brauchen. Sie sind deshalb für uns kein so wichtiger Markt. Die Länder, die bei uns kaufen, produzieren Autos, Flugzeuge und anderes. Zur Ölförderung braucht man eben nicht so viele Maschinen. Demgegenüber bin ich immer auf der Suche nach interessierten Auftraggebern für die Metallbearbeitung, Kunden, die mit uns auch bescheiden beginnen wollen und sich sagen, dass sie mit uns etwas aufbauen können, wenn wir und unsere Produkte gut sind.


