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13. Februar 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 07 Ausgabe: Nr. 7 » February 12, 2009

Herzls utopischer Realismus

Shlomo Avineri, February 12, 2009
Shlomo Avineri Zur Lage in Israel

1902 veröffentlichte Theodor Herzl seinen utopischen Roman
«Altneuland», in dem er den jüdischen Staat beschreibt, wie er 1923 in Palästina gegründet werden würde. Damit schuf Herzl nicht nur eine idealisierte Beschreibung des Ziels der zionistischen Bewegung. Er gab dem Staat Israel – dem Produkt des Zionismus – zudem einen Spiegel, in dem dieser sich vor dem Hintergrund von Herzls Vision selbst betrachten konnte. Nicht viele nationale Bewegungen besitzen ein derart wirkungsvolles Instrument der Selbsterforschung.

Einer der faszinierendsten Aspekte des Buchs ist die Beschreibung des Wahlkampfs, der im Roman im Jahre 1923 stattfindet. Die Kampagne konzentriert sich auf die Rechte der nicht jüdischen Einwohner des Landes. Im Gegensatz zu dem, was manchmal über den Zionismus gesagt wird – dass er die Existenz von Arabern im Lande ignoriert habe –, zeigt das Buch nicht nur ein Bewusstsein für die arabische Bevölkerung. Der jüdische Staat gründet vielmehr auf dem Konzept, dass alle seine Einwohner – ungeachtet ihrer Religion, Rasse oder ihres Geschlechts – Gleichberechtigung und das Wahlrecht geniessen. Diese Rechte werden nicht nur Arabern gewährt, sondern auch Frauen, obwohl Frauen zu dem Zeitpunkt, als Herzl das Buch schrieb, in keiner westlichen Demokratie wahlberechtigt waren.

 

In Herzls Buch dürfen die Araber des Landes nicht nur wählen, einige von ihnen haben sogar Schlüsselpositionen inne. Zu ihnen gehört einer der Helden des Romans, der arabische Ingenieur Rashid Bey aus Haifa. Um es in der heutigen Sprache zu sagen: Herzl schwebte ein Staat vor, der sowohl jüdisch als auch demokratisch sein sollte – ein Staat der jüdischen Nation und auch ein Staat all seiner Einwohner.

 

In der Kampagne von 1923 taucht eine neue Partei auf, die von
einem Mann geführt wird, der vor Kurzem ins Land gekommen ist und nicht nur seine bisherige Staatsbürgerschaft aufgibt, sondern auch allen Nichtjuden das Wahlrecht vorenthalten will. Herzl nannte den Gründer dieser jüdisch-rassistischen Partei Geyer (in Anspielung an den Raubvogel). Charakter und Ideologie dieses Mannes entsprachen den Eigenschaften des Wiener Antisemiten Karl Lueger. Geyers Argument ist simpel: Dies ist ein jüdischer Staat, und nur Juden sollten das Recht haben, seine Bürger zu sein. Andere dürfen als tolerierte Einwohner bleiben, doch steht ihnen keine politische Gleichberechtigung zu.

Die Beschreibung der Kampagne in «Altneuland» ist fesselnd: Geyers rassistische Partei sorgt für einigen Wirbel. In einem der dramatischsten Momente des Buchs kommt es zur Konfrontation zwischen Anhängern von Geyer und einer Gruppe von liberalen Führern der neuen Gesellschaft. Während Geyer die Exklusivität des Bürgerrechts für Juden fordert, rechtfertigen die Liberalen die Gewährung der Gleichberechtigung für die arabischen Einwohner mit liberalen, universellen Grundsätzen und mit jüdischen Quellen («Du sollst eine Ordnung haben, sowohl für den Fremden als auch für den im Land Geborenen» – Num. 9:14).

Nach einem harten Kampf gewinnen die Liberalen, und der besiegte Geyer verlässt das Land in Schmach. In dieser Beschreibung ist etwas Besonderes enthalten: In den klassischen utopischen Werken, von denen Herzl sich leiten liess – angefangen bei Thomas Morus’ «Utopia» bis zu den Utopisten des 19. Jahrhunderts – wird immer
eine ideale Gesellschaft ohne Fehler dargestellt. In «Altneuland»
dagegen kombinierte Herzl eine ideale Gesellschaft mit politischem Realismus. Als jemand, der den antieuropäischen, antijüdischen Rassismus selbst erlebt hatte, hielt er es nicht für ausgeschlossen, dass auch Juden Rassisten sein könnten; deshalb ergänzte er seine Utopie mit dem beunruhigenden Bild eines jüdischen Rassisten. Im Gegensatz zu Europa aber, wo der Rassismus siegte, wird er in Jerusalem und Zion geschlagen, und die Prinzipien der Gleichberechtigung und des Liberalismus gewinnen.

Ein utopischer Roman? Zeitgenössische Realität? Die Moral der Geschicht ist natürlich kristallklar. Wir sollten uns an das Motto von «Altneuland» erinnern: «Wenn Ihr wollt, ist es kein Traum.» Es liegt in unseren Händen.

Shlomo Avineri ist ehemaliger Generaldirektor des israelischen Aussenministeriums und Professor an der Hebräischen Universität.





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