Wiege der Innovation am Mohawk Trail
Noch heute heisst die Strasse im US-Gliedstaat Massachusetts, die vom Osten her über das Mittelgebirge der Berkshires dem Hudson zustrebt, nach ihrem historischen Vorläufer Mohawk Trail. Bis in die späte Kolonialzeit hatte der Weg den kriegerischen Mohawks gedient. Seit 1999 folgen Kunstfreunde aus aller Welt ihren Spuren in das Städtchen North Adams im Westen des alten Indianerpfades: Hier, etwa drei Autostunden von Boston und New York entfernt, residiert in einer gewaltigen Industrieanlage aus dem späten 19. Jahrhundert Mass MoCA, das grösste Zentrum für zeitgenössische Kunst in den USA. Rechtzeitig zu seinem zehnjährigen Bestehen hat das Massachusetts Museum of Contemporary Art jüngst eine neue Dauerausstellung mit einer Übersicht auf die Wandmalereien von Sol LeWitt eröffnet, die ein ganzes Gebäude mit drei Etagen einnimmt.
Der Weg zum Mass MoCA mag gerade für europäische Besucher der Ostküstenmetropolen in der kalten Jahreszeit etwas mühsam sein. Schliesslich sind die Berkshires ein beliebtes Ski-Gebiet, weil hier der Winter früher und mit mehr Vehemenz einsetzt als an der Küste. Aber die Fahrt über den Mohawk Trail oder am Hudson hinauf lohnt sich nicht nur wegen der einzigartigen Kunst in North Adams. In der Region haben sich viele architektonische Sehenswürdigkeiten aus den Gründerjahren der Vereinigten Staaten erhalten, die einen Mass-MoCA-Besuch zur Zeitreise machen können. Die Mohawks mussten Mitte des 18. Jahrhunderts britischen Kolonialtruppen weichen, die am westlichen Ende des Pfades am Fuss des mächtigen Mount Greylock ein Fort errichteten. Daneben entstand eine Siedlung, die 1755 den Namen des Offiziers Ephraim Williams annahm. Der Kommandeur einer Einheit amerikanischer Milizionäre hinterliess Williamstown genug Geld, um eine kleine Universität zu gründen. Heute rangiert das Williams College auf vielen Rankings der höheren Bildungsanstalten Amerikas noch vor Harvard und Yale.
Etwa zehn Kilometer östlich der kleinen Universitätsstadt mit ihren traditionsreichen Gebäuden aus Granit liegt North Adams. Der Ort war einst das Zentrum der Industrieregion in den Berkshires. Die Steinbrüche, Wälder und Flüsse des Mittelgebirges lieferten Rohstoffe, Baumaterial und Energie für Möbel-, Papier-, Textil- und Lederwaren-Fabriken. Im Jahr 1860 liess sich die innovative, auf die Bearbeitung von Stoffen spezialisierte Druckerei O. Arnold and Company im Zentrum von North Adams am Zusammenfluss der beiden Arme des Hoosic River nieder. Damals eine der modernsten Fabriken der Welt, erlebte O. Arnold als Lieferant der Unionstruppen im bald darauf beginnenden Bürgerkrieg einen massiven Boom. Noch im Jahr 1905 war das Unternehmen mit 3200 Beschäftigten der grösste Arbeitgeber von North Adams.
Kein schnörkelloser Weg
Im Lauf der Jahrzehnte errichtete die Textil-Druckerei auf ihrem weitläufigen Areal 26 Gebäude verschiedener Grössen aus Backstein. Um 1900 war der Ausbau weitgehend abgeschlossen. Die jüngeren Fabrikhallen und Verwaltungsgebäude hatten bis zu fünf Stockwerke und trugen ihre Dächer zwar noch auf massiven Balkenkonstruktionen, verwandten in den Mauern und Decken jedoch auch Träger aus Stahl. Diese Gebäude passen sich eher den sie umrauschenden Wasserläufen an und stehen in schrägen Winkeln zueinander und zur älteren Bausubstanz. Auf verschiedenen Etagen stellen überdachte Gänge die Verbindung zwischen den robusten und zweckdienlichen Bauten her. Das Ensemble hat etwas labyrinthhaftes, wirkt jedoch sehr viel moderner als die Konstruktionsdaten vermuten liessen: Die klassische Industriearchitektur erlaubte zwar noch sparsame Ornamente etwa unter den Dächern oder entlang der Fenster und Türen auf den Aussenfassaden. Dominierend in der Architektur sind jedoch klare und sparsame Linien, die ein deutliches Echo bei den Künstlern der Minimal Art finden, zu deren
Pionieren LeWitt zählte. Speziell die frühen Wandarbeiten von LeWitt, mitunter sehr kleinteilige und komplexe, mit Bleistift gezogene Raster, harmonisieren mit den Linien der Backsteinwände und den Balken und Stahlträgern in «Building # 7», das die bis 2033 geplante Dauerausstellung beherbergt.
Derart schnörkellos war der Weg von der Textil-Druckerei zum Kunstzentrum mit rund 120 000 Besuchern jährlich jedoch nicht. Das auf Arnold Print Works umgetaufte Unternehmen florierte bis in die 1920er Jahre, war jedoch am Ende der grossen Depression gezwungen, die inzwischen auf 27 Gebäude erweiterte Anlage in North Adams zu verkaufen. So zog 1942 die Sprague Electric Company am Hoosic River ein. Erneut war es ein Krieg, der die Fabrik profitabel machte und über 4000 Arbeiter, Ingenieure und Wissenschaftler an den Mohawk Trail zog. Die Fachleute bei Sprague waren tief involviert in die Rüstungsanstrengungen der USA. Das Unternehmen entwickelte unter anderem elektrische Komponenten für die Atombombe. Sprague konnte seine führende Position in der Rüstungs-, später der Raumfahrt-, aber auch bei der Konsumgüterindustrie bis in die 1970er Jahre hinein verteidigen. In North Adams wurden unter anderem Halbleiter für das Gemini-Mondprogramm entwickelt und gefertigt. Ein Überblick auf die Produktion des Werkes lockt in der Eingangshalle des Mass MoCA heute vor allem männliche Besucher an, die mit der abstrakten Kunst in den diversen Ausstellungsräumen wenig anzufangen wissen.
Sprague liess das Äussere der Anlage unverändert, nahm im Inneren der Gebäude jedoch zahlreiche Veränderungen vor. Dennoch war die Anlage um 1980 technisch nicht mehr zeitgemäss. Das Unternehmen sah sich ohnehin nicht mehr in der Lage, mit den Preisen der ausländischen Konkurrenz zu konkurrieren und war 1985 gezwungen, die Fabrik zu schliessen. Für die Region und den Staat Massachusetts war dies eine Katastrophe. So begrüsste der damalige Gouverneur Michael Dukakis eine Initiative des Bürgermeisters von North Adams, der gemeinsam mit Thomas Krens, dem Direktor des Kunstmuseums am Williams College, ein innovatives Konzept entwickelte: Hatte die solide gebaute Anlage schwere Druckmaschinen und Fertigungsanlagen für Gemini-Komponenten ausgehalten, so musste sie sich auch für die immer raumgreifenderen Arbeiten von Avantgarde-Künstlern eignen, welche die Dimensionen der Traditionsmuseen in New York oder Boston längst gesprengt hatten. Krens und sein Kollege Joseph Thompson arbeiteten rasch Ideen zur räumlichen Gestaltung eines Museums aus, begannen mit dem Sammeln von Spendengeldern und führten erste Gespräche mit möglichen Angestellten.
Kunst auf 9000 Quadratmeter Fläche
Das Projekt bedurfte jedoch politischer und finanzieller Unterstützung, die der Staat Massachusetts und private Sponsoren allein nicht aufbringen konnten. Krens setzte seine Hoffnungen daher auf einen Sieg von Dukakis im Präsidentschaftswahlkampf 1988. Nach der Niederlage der Demokraten geriet das Mass-MoCA-Konzept in eine längere Krise. Krens ging bald als Direktor zum Guggenheim Museum nach New York. Thompson gelang es jedoch, das Projekt Schritt für Schritt voranzutreiben. So konnte er Frank O. Gehry und weitere prominente Architekten für die Erstellung von Gutachten gewinnen. 1995 legte die renommierte Bostoner Firma Bruner/Cott schliesslich einen Meisterplan vor, der in den folgenden Jahren umgesetzt wurde. Die Bausubstanz der Anlage erwies sich als erstaunlich stabil, aber Entkernung der Innenräume, Umbauten und Reparaturen addierten sich bis 1999 auf Kosten von etwa 25 Millionen Dollar.Den Besucher erwarten seither 19 Galerien mit einer Gesamtfläche von 9300 Quadratmetern, zwei Theater, zwei Restaurants, daneben Produktionsräume für Künstler und Medienschaffende. Trotz der Distanz zu den Kunstmetropolen kann das Mass MoCA zudem auf grosse Unterstützung bei namhaften Sponsoren rechnen. Im Vorstand der Institution sind neben New Yorker Philanthropen wie Agnes Gund und der Künstlerwitwe Dorothy Lichtenstein zahlreiche Hollywood-Grössen wie der Regisseur Barry Levinson und seine Frau Diana, Meryl Streep und Susan Nimoy präsent, die Frau des Schauspielers Leonard Nimoy. Die meisten der Galerien sind ungewöhnlich gross. Derzeit zeigt das Mass MoCA neben der LeWitt-Retrospektive etwa gewaltige Skulpturen und Gemälde von Anselm Kiefer. Diese teilen einen Raum mit der permanent gezeigten Installation «Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch» von Joseph Beuys. Im Vergleich zu Beuys wirken die Arbeiten Kiefers jedoch prätentiös und überladen. Allerdings erinnert seine 25 Meter lange, aus den Decken von Flugzeug-Bunkern der Nazi-Luftwaffe geschnittene Skulptur «Etroits sont les vaisseaux» daran, dass Architektur im Mass MoCA ständig auch als Kunstform präsent ist. Nähert sich Kiefers düster-monumentale Kunst dem Betrachter mit dem Vorschlaghammer, erweist sich der 2007 verschiedene LeWitt in der noch von ihm konzipierten Werkschau nicht nur als strikter Denker, sondern einmal mehr als sinnlich, spielerisch und mitreissend. Die über 100 Arbeiten zeigen beginnend bei kargen, geometrischen Rastern bis hin zu üppig-bunten und komplexen Kreationen einen repräsentativen Überblick auf LeWitts Wandmalereien. Diese stellen ein zentrales Element seiner Arbeit dar: Von Ende der 1960er Jahre an entwickelte LeWitt immer kompliziertere Konzepte zur Schraffierung und Ausgestaltung von Flächen. Die durchnummerierten Arbeiten sind in dem Sinne abstrakt, als sie als schriftliche Anweisungen und Vorlagen auf Papier existieren und erworben werden können, um an spezifischen Orten realisiert zu werden. Die Ausführung übernimmt ein Stamm von Spezialisten, die eng mit LeWitt zusammengewirkt haben. In Mass MoCA waren unter Anleitung einiger Experten etwa 70 Studenten ein halbes Jahr lang an der diffizilen Ausführung der Wandarbeiten beteiligt. In «Building #7» kann der Besucher die Entwicklung der Wandarbeiten vom Keller aufwärts zeitlich nachvollziehen. Sah er zunächst nur die Anordnung gerader Bleistift-Linien auf einem vorher gezogenen Raster vor, so kamen im Lauf der Jahre gekrümmte oder freihändige Linien hinzu. Später liess LeWitt die Flächen farblich ausmalen. Wirken die frühen Arbeiten mitunter unterkühlt und didaktisch, taucht der Besucher bei den späteren Werken in eine unbeschwerte, überwältigende Farben- und Formenwelt von ausserordentlich sinnlicher Kraft ein. LeWitt konnte an der Eröffnung nicht mehr teilnehmen, aber sein Geist und sein Herz werden die nächsten 25 Jahre am Mohawk Trail weiterleben.
Weitere Informationen unter www.massmoca.org.


