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06. Februar 2009, Architektur Beilage Ausgabe: Nr. 6 » February 5, 2009

Die hängenden Gärten der Bahai

Von Dania Zafran, February 5, 2009
Die prachtvollen Gärten der Bahai in Haifa sind für Pilger ein Ort des Rückzugs und der spirituellen Annäherung an Gott. Aber auch gewöhnlichen Touristen stehen die Gärten für einen Besuch offen.
ATEMBERAUBENDER BLICK ÜBER HAIFA Die Bahai-Gärten bieten Rückzug und Inspiration

Die Aussichtsstrasse in der nordisraelischen Stadt Haifa bietet nicht nur eine atemberaubende Sicht über die Meeresbucht, die Stadt und den Hafen. Von der Jeffe-Nof-Strasse aus kann man auch in die einzigartigen hängenden Gärten der Bahai hinuntersteigen, die sich über einen Kilometer am Karmel-Berg erstrecken und eine Höhe von 225 Metern erreichen. Die Breite der Oase variiert von 60 bis fast 400 Meter. Die Lage der Gärten am steilen Hang mit Blick auf die Meeresbucht ist einzigartig und bietet die spirituelle Atmosphäre, die Pilger und andere Besucher aus aller Welt hier suchen.
Die Bahai-Gärten wurden in ihrer ursprünglichen Form bereits in den fünfziger Jahren gebaut und zwischen 1989 und 2001, nach einer dreijährigen Planungsphase, erweitert und verschönert. Der kanadische Architekt Fariborz Sahba hat die seit April 2001 für die Öffentlichkeit wieder zugänglichen neuen Gärten entworfen. 2008 wurden sie auf Empfehlung Israels von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Am Fuss der Gärten, die aus 19 individuell gestalteten Terrassen bestehen, befinden sich die Häuser der ehemaligen deutschen Templerkolonie. Die Ben-Gurion-Strasse, die mitten durch die Templerkolonie und senkrecht zu den Bahai-Gärten verläuft, wurde im Zuge der Umgestaltungsarbeiten der Gärten um exakt einen Meter und 68 Zentimeter verschoben, wodurch die Strasse nun genau symmetrisch zu den Gärten verläuft. Die Gärten umgeben den heiligen Schrein des Báb, eine der bedeutendsten Pilgerstätten der Bahai. Die natürlichen Elemente Licht und Wasser bilden einen wichtigen Bestandteil der Gärten, in denen Orchideen, Rosenbüsche, Zypressen, Lavendel und Geranien blühen – in der Vielfalt der Pflanzen soll sich gemäss der Bahai-Lehre die Vielfalt der Menschheit spiegeln, aber auch Schönheit spielt bei den Bahai eine zen-trale Rolle. Kunstvolle Wasserfontänen und Ornamente an den kleinen Steinmauern schaffen zusammen mit der grossen Fülle an Pflanzen eine Harmonie, die in jedem Winkel der hängenden Gärten spürbar ist.

Perfekte Symmetrie

Der Besucher spaziert über Terrakotta-Steine, die beruhigend klimpern, wenn man auf ihnen geht, oder über Kalkstein, der aus Galiläa und Hebron gebracht wurde. Auch das vom Kopf des Hügels über die vielen Terrassen hinabfliessende Wasser ist nicht nur Verzierung des detailgetreuen Gartens; das beruhigende Plätschern ist Teil der meditativen Stimmung an diesem Ort. Die perfekte Symmetrie des Gartens soll eine Balance, Frieden und Ruhe schaffen. Obwohl es den Anschein macht, dass das Wasser als kleines Bächlein von ganz oben bis nach unten fliesst, hat jede Terrasse ihre eigene Wasserzirkulation, was bei der Installation zwar mehr Geld gekostet hat, aber umweltfreundlicher und wassersparender ist. 100 Gärtner arbeiten hier an fünf Tagen die Woche, davon sind 70 professionelle Gärtner und 30 freiwillige Bahais. Zudem wird ein eigenes Treibhaus betrieben. Der Unterhalt der Gärten kostet die Bahai jährlich an die drei Millionen Dollar, die ausschliesslich durch Spenden der Mitglieder finanziert werden. Als die Stadt Haifa während der Renovationsarbeiten den Bahai Unterstützung anbot, um die Renovation der Gärten voranzutreiben, lehnten die Gläubigen dankend ab – die Bahai nehmen kein Geld von aussen an. So steckte die Stadt Haifa ihre finanzielle Unterstützung in die Renovierung der Templer-Siedlung unterhalb der Gärten.

Im Einklang mit der Vernunft

Die Anhänger der Bahai-Religion glauben, dass es nur eine menschliche Rasse gibt, und dass das Wesen des Menschen seine unsterbliche Seele ist, die keine trennenden Merkmale der Herkunft oder des Geschlechts trägt. Religion soll im Glauben der Bahai in Einklang stehen mit der Vernunft und der Wissenschaft. Baha’u’llah, der Begründer des Bahai-Glaubens, sagte ein Zeitalter der Einheit der Menschheit voraus. Die Bahai glauben an die Überwindung aller Vorurteile, an die volle Gleichstellung der Geschlechter und an die Anerkennung der gemeinsamen Wurzel und der wesentlichen Einheit der grossen Weltreligionen. Sieben bis acht Millionen Menschen weltweit bekennen sich zum Bahai-Glauben, einem abrahamitischen Monotheismus, der 1844 in Persien entstand. Die jüngste Religion der Welt kennt keine Priesterschaft, sondern ein System von gewählten Räten auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene sowie ein internationales Führungsgremium, das jeweils im so genannten Universalen Haus der Gerechtigkeit am Weltzentrum der Bahai am Karmel-Berg in Haifa tagt. Das Weltzentrum ist der geistige Mittelpunkt der Bahai, die deshalb auch regelmässig nach Israel pilgern und in den hängenden Gärten meditieren und beten sowie die beiden heiligsten Stätten ihres Glaubens – das Grab des Baha’u’llah nahe Akko und den Schrein des Báb in Haifa – besuchen.Im Herzen des Bahai-Glaubens wirkt die Überzeugung, dass die Menschheit ein einziges Volk mit einem gemeinsamen Schicksal ist. So sagte Baha’u’llah einst: «Die Erde ist eine einzige Heimat, und die Menschen sind ihre Bürger.»

Für einen Besuch der Bahai-Gärten ist eine Voranmeldung nötig. Weitere Informationen unter +972 (0)4 831 31 31.





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