Zum Buch «Gebrochene Zeit – Jüdische Paare im Exil»
TACHLES: Ihr neues Buch erzählt in seinen biografischen Kapiteln acht Lebensschicksale. Oral History, Zeitzeugeninterviews, erscheint kombiniert mit Archivrecherche. Wie kommen Sie als Historiker zu diesem Ansatz, hat das mit Ihrer Arbeit in der Historikerkommission zu tun?
Zum Teil, ja, aber die Erfahrungen in der Historikerkommission haben mich insofern bewegt, als die Existenz eines Flüchtlings an der Schweizer Grenze beginnt und mit seiner Ausreise wieder aufhört – diesen Menschen wird in solcher Erzählung gleichsam ein funktionaler Opferstatus zugemessen. Diese Menschen hatten jedoch zuvor und danach ein Leben, das durchaus ein glückliches und gelingendes Leben sein kann. Selbst ein Auschwitzüberlebender konnte nach 1945 ein gelingendes Leben führen und Herr über die eigenen Gezeiten sein. Diese verschiedenen Ansätze zu kombinieren, war Ausgangsfrage meines Buches.
Was sind die Gemeinsamkeiten der acht Porträts?
Es sind vier Paare, die in der gleichen Zeitepoche gelebt haben. Ihre biographischen Spuren führen den Leser, die Leserin durch mehrere Kontinente und Länder – von Bukarest über Paris in die Schweiz und zurück nach Paris und weiter nach Buenos Aires. Oder von Krakau über Auschwitz und Buchenwald nach Israel und in die Schweiz. Oder dann schlicht auch von Berlin nach Zürich als neuer Heimat.
Und wem begegnen wir auf diesen Lebenswegen…?
Wir begegnen zum Beispiel Léon Reich, der Auschwitz und Buchenwald überlebt, eine Zeit lang in Jerusalem wirkt und schliesslich nach der Heirat mit Ruth Stul, einer jungen Frau und einst in Frankreich auf der Flucht, zum ingeniösen Erfinder und Mitgestalter der helvetischen Uhrenproduktion in Biel aufsteigt. Erzählt wird die Geschichte von Hermann Levin Goldschmidt, der aus Berlin flüchtet, in einer Zürcher Galerie von seiner Frau Mary Bollag angelacht wird, zum Philosophen wird und lebenslang in der Stadt bleibt, die ihm zur jüdischen Heimat wird. Wir lernen Simche Schwarz aus Bukarest und Ruth Hepner aus Leipzig kennen, die ein einzigartiges Flüchtlingstheater gestalten, in Paris mit Marc Chagall ein Puppentheater gründen und nach Buenos Aires weiterziehen, wo sie fortan bis hin zur Zeit von Militärjunta und erneuter Demokratisierung wirken, dies auch politisch.
Beruhen die Texte vollständig auf Interviews?
Ich habe sehr viel aus den Quellen geschöpft und einige wenige Interviews geführt. Im Prozess des Schreibens begann mich die Frage nach dem Verhältnis zwischen Imagination und Realität zu beschäftigen. Denn selbst wissenschaftliches Schreiben ist immer auch ein Vorgang, bei dem die Vorstellungskraft mitspielt. Auch Bücher, die auf Quellen und Geschichtsforschung beruhen, sind vom Schreiben her gesehen Texte, die Fakten und Fiktion mischen. Wenn wir eine Biografie rekonstruieren, stossen wir auf Lücken, die wir mit unserer eigenen Vorstellungskraft ausfüllen. Diese imaginäre Dimension ist natürlich vom Kontext, von den Strukturen her konditioniert, entspringt aber unserem Kopf, unserer eigenen Wahrnehmung vergangenen Geschehens. So gesehen haben auch Historiker und Kulturanthropologen einen impliziten Hang zum Literarischen. Diese Einsicht zwingt dazu, einerseits Annahmen zu treffen und andererseits die eigene Position als Autor zu kennzeichnen. Ich bin mir darüber bewusst, dass auch beim Beschreiben der Realität so etwas wie Fiktion entsteht. Das ist nicht zu vermeiden.
Ist ein guter Historiker demnach auch ein guter Literat? Am Ende des Buches denken Sie ja über das Schreiben von Biografien, über deren Grenzen und Wichtigkeit nach?
Der gute Historiker weiss, dass er auch literarisch schreibt, ohne sich als Literat auszugeben. Er bleibt deshalb skeptisch gegenüber dem eigenen Vorgang des Schreibens. Der Romanschreiber muss demgegenüber mit Überzeugung auf Fiktion setzen, und er wird auch Fakten einbauen, die er aber seiner imaginierten Geschichte und literarischen Erzählweise unterordnet. Die Grenze, an der sich Imagination und Realität vermischen und wo Geschichte und Literatur sich trennen, ist schmal, aber fruchtbar.
Jacques Picard. «Gebrochene Zeit – Jüdische Paare im Exil». Ammann Verlag, Zürich 2009.


