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6. Februar 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 06 Ausgabe: Nr. 6 » February 5, 2009

Israel nach dem Krieg

February 5, 2009
Gisela Dachs zur Lage in Israel

Jakob Schneider hat in seinem Leben schon viele Kriege gesehen. Den jüngsten verfolgte der 85-Jährige in seiner Wohnung in Haifa vor dem Fernsehgerät. Wenigstens musste der polnische Holocaust-Überlebende diesmal nicht – wie bei den Kämpfen gegen die Hizbollah im Sommer 2006 – dauernd bei Raketenalarm ins Treppenhaus rennen. Diesmal waren andere Israeli in der Schusslinie. Und das schon ziemlich lange. Doch niemand auf der Welt habe dagegen protestiert, sagt Schneider, der täglich durch das breite Angebot an ausländischen TV-Sendern zappt und dabei oft in Rage gerät. «Warum hat denn kein Mensch den Mund aufgemacht über die 10 000 Raketen, die in den letzten acht Jahren auf unserer Territorium abgefeuert wurden, mit dem Ziel, Zivilisten zu treffen? Warum wurde denn erst demonstriert, als Israel sich zur Wehr gesetzt hat?»



Diese Parteinahme ärgert ihn ebenso wie die Tatsache, dass israelische Offiziere bei Reisen nach Europa nun fürchten müssen, dort wegen angeblicher Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt zu werden. «Die Amerikaner können in Irak einmarschieren, die Russen gegen die Tschetschenen vorgehen und die Nato bombadiert Belgrad. Aber über uns will man nun richten.» Weil er sich fürchtet, im Ausland als Israeli identifiziert zu werden, hat sein Sohn, der schon längst keinen Reservedienst mehr ableistet, gerade die hebräische Aufschrift auf seiner Laptop-Tasche überklebt.

Dieses einsame Grundgefühl ist beiden nicht neu. Es taucht fast immer auf, sagen sie, wenn Israel zur Waffe greift und «all jene, die den Luxus hatten, ohne Krieg vor der Haustür aufgewachsen zu sein, uns dann erklären, was wir alles unterlassen sollten.»  Natürlich wird auch in Israel über die Mittel und Folgen der Militäroperation debattiert. Die schrecklichen Bilder und Geschichten aus Gaza erwecken dabei nicht nur Mitleid mit den unschuldigen Opfern, sondern lassen so manchen auch um die Seele ihres eigenen Landes bangen. Es mag eine seltsame Ironie des Schicksals sein, dass der israelische Zeichentrickfilm «Waltz with Bashir» (der sich mit dem Trauma eines Soldaten beschäftigt, der 1982 in den Libanon-Krieg gezogen war) gerade für einen Oscar nominiert wurde. Dass die Armee – als Teil der Abschreckungsstrategie und zum Schutz ihrer Soldaten – viel aggressiver als im letzten Libanon-Krieg oder während der Operation Schutzschild 2002 vorgegangen ist, streitet niemand ab. Am breiten Konsens ändert das nichts.   

Wie aber kommt es zu solchen unterschiedlichen Wahrnehmungen in Israel und ausserhalb des Landes? Der Philosoph Moshe Halberthal erklärt dies mit der «Kluft zwischen den aktuellen Bildern und der geopolitischen Situation». Er sieht in der Hamas durchaus eine existenzielle Bedrohung. Ihre Raketen könnten letztlich ganz Israel erreichen. Das sei keine Fantasie, sondern ein reales Problem. «Da steht al-Jazira am Shifa-Krankenhaus in Gaza und zeigt, wie die Verwundeten hereingebracht werden. Da zerschmettert also der grosse Goliath diese armen Leute. Aber aus israelischer Sicht sind Hamas und Hizbollah in Wirklichkeit die Speerspitze einer viel grösseren Bedrohung, die unsichtbar ist. Sie fühlen sich wie der winzige David gegenüber einem immensen muslimischen Goliath. Die Frage ist: Wer ist hier David und wer ist Goliath?»

In dieser Art von Krieg spielen die Medien eine grosse Rolle. Die Hamas ist zudem ein Meister der Inszenierung ihrer vermeintlichen Opferrolle. Die offiziellen israelischen Erklärer fühlen sich deshalb meist schon von vornherein auf verlorenem Posten. «Wenn Journalisten sich entscheiden müssen, über Tod oder Kontext zu berichten, entscheiden sie sich für Tod», sagt ein Diplomat. «Wenn die Welt sich nur die Bilder anschaut und dabei das Denken einstellt, dann werden die Terroristen solche Schlachten um die öffentliche Meinung immer gewinnen.»

Israel tut sich aber auch noch aus anderen Gründen schwer, seine «Narrative» den  Europäern zu «verkaufen». Niemand weiss das besser als Miri Eisen, die ehemalige Medienberaterin von Premierminister Ehud Olmert. Denn vor allem auf dem alten Kontinent herrschten heute andere kulturelle Referenzen als in Israel, schreibt sie in «Haaretz». Diese lauteten: Die Ära der Kriege sei vorüber, militärische Gewalt sei nicht der Weg, Konflikte zu lösen, und es gebe eine direkte Verbindung zwischen Besatzung und Gewalt.           

Einer der schwersten Vorwürfe, die gegen Israel ins Feld geführt werden, ist die «Unverhältnismässigkeit» seiner Militäroffensive. Doch jene, die Proportionalität verlangten und 1000 tote palästinensische Zivilisten beklagten, kontert Amir Oren in «Haaretz», akzeptierten zugleich, ohne mit der Wimper zu zucken, die Hamas-Forderung, 1000 palästinensische Gefangene im Austausch gegen den gekidnapten israelischen Soldaten Gilat Shalit freizulassen. «Ist ein Israeli 100 Araber wert? Würde das Israel sagen, beschuldigte man uns des Rassismus.»

Wenn der alte Jakob Schneider die hitzigen Reden in der Welt über den Nahen Osten verfolgt, stösst er an die Grenzen der Vermittelbarkeit des Konflikts, wie er ihn erlebt. Ginge es nach ihm, gäbe es schon längst keine Siedlungen mehr im Westjordanland und die Palästinenser hätten dort ihren eigenen Staat. Zugleich fürchtet er sich, jetzt mehr denn je, dass nach einem Abzug von dort Raketen auf das Herz Israels abgeschossen würden. Ruhe werde hier – so oder so – in Zukunft wohl nicht sein, sagt er resigniert. Aber man müsse die Versöhnung trotzdem immer wieder versuchen. Denn auch die Mehrheit der Palästinenser wolle einfach nur in Frieden leben.   

Gisela Dachs ist Nahostkorrespondentin der «Zeit».



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