Drei Präsidenten – ein Ziel
TACHLES: Welches Fazit ziehen Sie nach dem dritten Treffen deutschsprachiger Gemeinden?
Ariel Muzicant: Es ist unsere Ansicht, dass wir in der Kooperation der drei grossen deutschsprachigen Gemeinden langsam, aber sicher weiter kommen.
Weshalb ist das, was heute beschlossen wurde, bisher im Rahmen der bestehenden grossen europäischen Organisationen, gerade des European Council of Jewish Communities, nicht zustande gekommen?
Charlotte Knobloch: Diese Organisationen sind hauptsächlich für politische Fragen zuständig und nicht für Probleme der einzelnen Gemeinden, um die es hier gegangen ist. Mir ist die heutige Übereinkunft sehr wichtig, weil wir ja in vieler Hinsicht die gleichen Voraussetzungen und Probleme – wie etwa die wichtige Ausbildung von deutschsprachigen jüdischen Lehrern, die überall fehlen – haben.
Ariel Muzicant: Der European Council of Jewish Communities beispielsweise hat ja ganz andere Anliegen als deutschsprachige Gemeinden mit ihren Problemen zu vereinen. Was uns drei eint, ist die Sprache, und das betrifft Lehrbücher, Schul-, Jugend- und Kulturprogramme und anderes mehr.
Nebst der gemeinsamen Sprache gibt es aber auch kulturelle Differenzen. Wo würden Sie diese ansiedeln und welche Dinge können nicht gemeinsam angegangen werden?
Herbert Winter: Die politische Situation ist in den drei Ländern jeweils unterschiedlich, und das führt dazu, dass unsere Stellungnahmen in der Öffentlichkeit häufig etwas verschieden aussehen. Aber in vielen Bereichen sind die Bedürfnisse doch dieselben.
Charlotte Knobloch: In Deutschland steht uns der Holocaust aus verständlichen Gründen sehr nahe, und dieses Thema kommt natürlich auch in der Struktur unserer Gemeinden zum Ausdruck. Wir haben Gemeinden, in denen es überhaupt keine deutschsprachigen Vorstände gibt. Da bestehen enorme Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz, vielleicht sogar gegenüber Österreich.
Herbert Winter: Die Schweizer Gemeinden sind viel ausgeprägter gewachsene Gemeinden.
Statt positiver Nachrichten wie dieser künftigen Zusammenarbeit wird nun aus aktuellem Anlass wieder eine Resolution politischen Inhalts zum Papst und zu Durban II veröffentlicht. Wann kommt von den jüdischen Gemeinden mal etwas ganz anderes, mit dem sie sich in der Gesellschaft einbringen?
Charlotte Knobloch: Wir haben durchaus Positives diskutiert, und mir wäre es auch lieber, «leichte» Themen in Pressemitteilungen bringen zu können. Aber leider sind die Juden in Europa laufend mit Themen konfrontiert, über die wir eben sprechen und kommunizieren müssen.
Herbert Winter: Im November hätten wir beispielsweise kein politisches Thema veröffentlichen müssen. Heute aber brennt es uns unter den Nägeln.
Ariel Muzicant: Von unseren sechs Arbeitskreisen beschäftigen sich deren fünf mit inneren Themen, zu denen Sie heute keine Statements von uns hören, weil es einfach normale Projekte sind, die wir umsetzen möchten. Der sechste widmet sich der Aussenpolitik, und aufgrund der Ereignisse der letzten Wochen können wir nicht so tun, als ob nichts geschehen wäre. Deshalb diese Resolution.
Als jüdisches Medium, das vor Ort war, kann tachles so darüber berichten, aber nicht jüdische Medien sehen nur die Resolution.
Herbert Winter: Wir sind doch gerne bereit, in jüdischen Medien vermehrt darüber zu berichten, was in den anderen fünf Gruppen gelaufen ist.
Ariel Muzicant: Es ist wichtig, zu verstehen, was wir eigentlich wollen. Wir wollen, dass es Programme für unsere jungen Menschen, für unsere Schulen gibt, wir wollen es uns ersparen, dass jeder eigene Bücher produzieren muss, was viel teurer kommt, als wenn man es gemeinsam tut. Wir wollen eine gemeinsame Lehrer- und Rabbinerausbildung – für Menschen und von Menschen aus unseren Gemeinden und für unsere Gemeinden. Mit solchen Themen können wir keine grosse Medienkampagne machen, aber diese praktischen Anliegen haben uns überhaupt zu dem Treffen bewogen.
Ein grosses Thema in allen drei Ländern dürfte auch sein, dass die Tendenz zum Austritt aus den Gemeinden zunimmt. Ist dies eine Priorität für die nächsten Treffen?
Herbert Winter: Es ist ein Thema, aber offenbar wurden bisher noch keine brauchbaren Ansätze gefunden.
Ariel Muzicant: Bei uns wurde gemäss einem Bericht vor etwa zwölf Jahren ein Schwenk gemacht von einer Kultusgemeinde zu einer Serviceorganisation, die alles tut, um die jüdischen Menschen in die Gemeinden zurückzuholen. Das Resultat ist, dass 25 Prozent der derzeitigen Mitglieder in diesen letzten zwölf Jahren eingetreten sind. Diese Bemühungen sind ein langsamer Weg, und wir haben sicher noch viel vor uns. Aber es ist ein Ziel. In unserem Arbeitskreis haben wir über diesen Ansatz gesprochen, auch wenn er vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss ist.
Charlotte Knobloch: Die Israeli beispielsweise, die in Deutschland leben, kennen noch nicht einmal die Struktur einer Gemeinde. Sie besuchen an Feiertagen die Synagoge, und das wars. Sie sind an einer Mitgliedschaft nicht interessiert, weil sie diese Form überhaupt nicht kennen.
Haben Sie sich bereits Gedanken zu einer besseren «Vermarktung» der Mitgliedschaft in einer Gemeinde gemacht?
Charlotte Knobloch: Da gibt es
einerseits die Werbung, das Zweite aber sind die Kinder. Wenn wir diese in unsere Einrichtungen wie Kindergärten etc. schicken, nähern sie sich einer Mitgliedschaft schon mehr an.
Ariel Muzicant: Und Kulturprogramme und Veranstaltungen.
Charlotte Knobloch: Daran nehmen sie zwar gerne teil, aber deswegen werden sie noch nicht Mitglied.
Ariel Muzicant: Das ist ein Werbe- und ein Dienstleistungsprozess. Wenn man den Leuten etwas bietet, kommen sie schon. Aber das geht ganz langsam.
Herbert Winter: In den grossen Gemeinden der Schweiz gibt es dieses Angebot.
Ist die Assimilation der grösste Feind Ihrer Gemeinden? Oder wo sonst sehen Sie die Herausforderung für diese Gemeinden?
Charlotte Knobloch: Bei uns sehe ich die Assimilation noch nicht in einem Ausmass, wie man sie beispielsweise vor 1933 gekannt hat. Aber die interreligiösen Ehen sind gegenüber der Zeit vor 20, 30 Jahren viel mehr im Kommen. Das macht mir grosse Sorgen, denn dies wird in Zukunft die reformierten Gemeinden viel stärker in den Vordergrund bringen.
Wie lösen Sie das Problem mit den progressiven oder reformierten Gemeinden?
Charlotte Knobloch: Jeder, der sich zum Judentum bekennt, ist für mich ein jüdischer Mensch, und wie er seine Religion darstellt, ist nicht meine Aufgabe, sondern jene der Rabbiner, die sich darum kümmern sollten. Aber die interreligiösen Partnerschaften und Ehen sind natürlich für die Zukunft des Judentums sehr gefährlich. Wenn die Mutter jüdisch ist, dann sind die Kinder ja sowieso jüdisch, aber im umgekehrten Fall verlieren wir die Leute. Übertritte werden bei uns sehr schwierig gemacht, sodass der nicht jüdische Teil meist die Lust verliert, sich dem Judentum anzuschliessen.
Würden Sie also Herbert Winter und dem SIG empfehlen, alles daran zu setzen, dass die Schweizer liberalen Gemeinden in den SIG aufgenommen würden?
Charlotte Knobloch: Zuerst muss ich selbst mit dem Thema fertig werden, und dann werde ich ihm Empfehlungen geben … (lacht). Nein, ernsthaft, in den meisten Gremien des Zentralrats sind die liberalen Gemeinden ja bereits vertreten. Aber ob ich das Herbert Winter empfehle … – das muss er entscheiden!


