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6. Februar 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 06 Ausgabe: Nr. 6 » February 5, 2009

«Der Papst will die Freundschaft mit den Juden»

Interview Gisela Blau, February 5, 2009
Kurienkardinal Walter Kasper ist zuständig für die religiösen Beziehungen zum Judentum. Im Gespräch mit tachles nimmt er Stellung zum gegenwärtigen Zerwürfnis der Juden mit Papst Benedikt XVI.
VERGANGENE EINTRACHT Kardinal Walter Kasper gemeinsam mit Papst Benedikt XVI. und Oberrabbiner Yona Metzger im Herbst 2005

TACHLES: Diese Woche veröffentlichte der Schweizerische Israelitische Gemeindebund nach einer Konferenz der deutschsprachigen jüdischen Gemeinden der Schweiz, Deutschlands und Österreichs in Zürich eine Mitteilung: Die Gemeindevertreter hätten sich unter anderem «sehr besorgt gezeigt über das kürzlich erfolgte Aufheben der Exkommunikation des Holocaustleugners Williamson». Verstehen Sie die Besorgnis der jüdischen Gemeinschaft?
KARDINAL WALTER KASPER: Ich verstehe diese Besorgnis. Es gibt wachsenden Antisemitismus, aus verschiedenen Gründen allerdings. Was die Einstellung der katholischen Kirche angeht, so handelt sie nach wie vor auf dem Fundament von Nostra Aetate («In unserer Zeit») Nr. 4, der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils, welche die Versöhnung mit den Juden postuliert. Papst Johannes Paul II. nannte den Judenhass eine Sünde gegen Gott. Auch beim gegenwärtigen Papst gibt es keinen Zweifel an seiner Einstellung; diese hat sich auch jetzt nicht geändert, selbst wenn sich der Eindruck verdunkelt hat. Der Papst will den Dialog mit den Juden, die Freundschaft mit den Juden; wir wollen, dass diese guten Beziehungen weiter gehen.



Aber bereits vor bald einem Jahr erlaubte Papst Benedikt XVI. wieder die tridentinische Messe in Latein, die eine überwunden geglaubte Karfreitagsfürbitte für die Bekehrung der Juden enthält.
In der grossen Mehrzahl der Fälle wird die Messe nach den Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils gefeiert, auch am Karfreitag. Die Fürbitte ist dort ganz anders formuliert. Die selten gefeierte tridentinische Messe hat zu Irritationen geführt. Wir haben versucht, die Wiedereinführung zu erklären. Der Papst will keinen Proselytismus gegenüber den Juden, wir anerkennen ihren Weg. Der Papst ist den Juden wohlgesinnt.

Wird der Papst noch vor Karfreitag die Formulierung der tridentinischen Fürbitte ändern?
Ich habe keine Informationen, dass der Papst dies plant.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vom Papst mehr Transparenz gefordert; die allgemeine Kritik an ihm wird immer stärker. Wird er die zahlreich geäusserten Wünsche erfüllen und die Wiederaufnahme der vier exkommunizierten Bischöfe der Pius-Bruderschaft in den Schoss der Kirche wieder rückgängig machen, zumindest jene des Holocaustleugners Richard Williamson?
Der Papst will das Gespräch mit diesen Bischöfen suchen, aber gleichzeitig müssen auch diese gewisse Schritte machen, und für mich ist es eindeutig und klar, dass es keinen Bischof, der in der katholischen Kirche ein Amt ausübt, geben darf, der den Holocaust leugnet. Die vier Bischöfe sind vom Papst nicht wieder in ihr Amt eingesetzt worden; er hat nur ihre durch Papst Johannes Paul II. verfügte Exkommunizierung rückgängig gemacht. Die Leugnung des Holocaust ist völlig undiskutabel, sie schafft neues Unrecht.

Stimmt der Eindruck, dass Papst Benedikt XVI. das Rad rückwärts dreht und statt Reformen einen neuen Konservatismus einführt, was auch seine Einsetzung eines erzkonservativen österreichischen Geistlichen zum Weihbischof zeigt? Auch in der Schweiz werden retrokonservative Strömungen beklagt. Es wird befürchtet, dass Benedikt XVI. sogar hinter die Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückgehen will.
Selbst der Papst könnte, sogar wenn er wollte, nicht hinter das Zweite Vatikanische Konzil zurückgehen. Das würde er auch nicht wollen. Zum Weihbischof in Linz kann ich nichts sagen, aber ich meine, man müsste ihm fairerweise zunächst eine Chance geben.

Behindert das Zerwürfnis Ihre eigene Arbeit als Präsident des Päpstlichen Rates für den Dialog mit dem Judentum?
Ich bin zuständig für die Ökumene und gleichzeitig für die religiösen Beziehungen zum Judentum. Diese ganze Debatte bedrückt mich, und ich versuche alles, um den Faden der Diskussionen nicht abreissen zu lassen.

Das dürfte schwierig sein. Die italienischen Rabbiner haben heftigst protestiert, und in Israel wird über den Abbruch der Beziehungen zum Vatikan diskutiert. Die  Schweizer Rabbiner haben sich nicht geäussert.

Meine Beziehungen pflege ich direkt mit verschiedenen jüdischen Organisationen und mit dem Grossrabbinat in Jerusalem. Bisher wurden diese Beziehungen nicht abgebrochen. Ich habe einen Brief nach Jerusalem geschrieben und warte auf eine Antwort.

Was stand denn in dem Brief? Haben Sie sich entschuldigt?
Ich kann mich nicht entschuldigen, weil ich persönlich nie etwas gesagt oder getan habe, das meine guten Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft aufs Spiel setzen könnte. Nein, ich habe versucht zu erklären, dass sich grundsätzlich nichts verändert hat, dass die Leugnung des Holocaust für uns unakzeptabel ist; dass die Solidarität mit dem Judentum unverändert die Grundlage für unsere Arbeit bleibt.

Wird die seit langem geplante Reise des Papstes nach Israel im Mai stattfinden oder nicht?
Über die Reise habe ich keine Informationen. Aber ich denke, dass die Reise des Papstes nach Israel gerade jetzt notwendig ist, um deutlich zu machen, und zwar nicht nur durch Worte, sondern durch Taten, dass er die Solidarität lebt und in keiner Weise die guten Beziehungen zum Judentum gefährden will.

Werden Sie den Papst nach Israel begleiten?
Wenn er mich dazu einlädt, werde ich das gerne tun!

Haben Sie mit Benedikt XVI. über die Ereignisse gesprochen?
Nein, ich habe nicht selber mit ihm gesprochen. Aber er wird sich demnächst äussern, und das wird klar und deutlich sein.

Welche Gefühle bewegen Sie persönlich?
Ich bin sehr traurig, dass sich das Bild der Kirche verdunkelt hat durch diese undiskutable und dumme Äusserung von Richard Williamson.



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