Wiege der Zivilisation
Nicht nur als «Wiege», sondern auch als unabdingbar für die Zukunft der Zivilisation bezeichnet Joel Kotkin die Stadt. Er ist als Berater, Kommentator und Buchautor eine der bekanntesten Figuren auf dem Gebiet der Stadtplanung in den USA und arbeitet im einführenden Essay dieser Ausgabe heraus, dass urbanes Leben seit 5000 Jahren auf drei Pfeilern ruht: Will sie erfolgreich und von Dauer sein, muss eine Stadt ihren Bewohnern Schutz und Rechtssicherheit ebenso gewähren wie die Möglichkeit zur wirtschaftlichen Entfaltung. Ebenso bedeutsam, wenn auch schwerer zu definieren, ist die sakrale Dimension städtischer Zivilisation: Jenseits von Konsum und Amüsement bieten bedeutende Städte Raum zu geistiger Einkehr, zu Sammlung und Hinwendung auf ewige und den individuellen Alltag transzendierende Gemeinsamkeiten.
Von Kotkin mit inspiriert, hat die amerikanische Zeitschrift «Foreign Policy» unlängst ein Ranking der erfolgreichsten und attraktivsten «Weltstädte» unternommen, das wir ebenfalls vorstellen. Dabei stehen New York, London und Paris an der Spitze, aber ihre Konkurrenz in Ostasien ist den alten Metropolen bereits dicht auf den Fersen.
In Kotkins Analyse darf keine der drei Säulen exklusive Qualität haben: Nur Offenheit für Bürger und Besucher jeder Herkunft und jeder Glaubensrichtung geben erfolgreichen urbanen Zonen ihre einzigartige Vitalität und erklären ihr Stehvermögen im Wettbewerb mit Vororten oder den kern- und geschichtslosen Konglomerationen weit ausserhalb der Zentren, die in den USA «Exurbs» genannt werden. Von diesen grundsätzlichen Überlegungen aus untersucht Kotkin die Gegenwart mit ihren ausserhalb Nordamerikas und Europas rasant wachsenden Mega-Städten, die Planer und Politiker vor bislang unbekannte Probleme stellen. Wie unsere New Yorker Kollegin Monica Strauss berichtet, sind diese Sorgen auch am Hudson anzutreffen: Hohe Mieten und demografischer Wandel stellen die kleinen Läden in ihrer Nachbarschaft an der Upper East Side vor enorme Hürden. Strauss macht deutlich, dass für das Überleben einer Stadt auch die persönlichen Netzwerke grundlegend sind, zu deren Knoten Familienbetriebe gehören.
Weit ausserhalb der alten Stadtkerne haben sich jene «Malls» angesiedelt, die alteingesessenen Familienunternehmen das Leben so schwer machen: Erfunden von dem aus Wien geflohenen Architekten Victor Gruen, haben derartige Einkaufszentren seit 1954 von den USA aus ihren Siegeszug um die Welt angetreten. Doch zunächst ergreift Joel Kotkin das Wort, der den Einzug von Barack Obama im Weissen Haus zum Anlass nimmt, Washington eine grosse Zukunft vorauszusagen


