Parkieren, Flanieren und Einkaufen
Wer frühmorgens in einer x-beliebigen Mall in Amerika die weisshaarigen, drahtigen Senioren in neonfarbener Sportkleidung beobachtet, wie sie vor den Schaufenstern der unzähligen Läden im Walking-Schritt ihr sportliches Pensum absolvieren, der könnte für einen Moment denken, dass eine Idee von Victor Gruen in Erfüllung gegangen ist: Das Einkaufszentrum als öffentlicher Raum für alle. Wenn sich diese Senioren nach dem Frühsport dann auch noch bei einer der weltbekannten Ketten zu einem Kaffe hinsetzen, dann scheint auch Gruens Vision des kommunikativen Wiener Kaffeehauses irgendwie auf der anderen Seite des Atlantiks angekommen zu sein.
Diese Beobachtungen wären aber ein schwacher Trost für den Städteplaner, Visionär, Designer und unerschöpflichen Publizisten in eigener Sache, Victor Gruen, gewesen. Für ihn war die grosse Idee seines Lebens am Ende korrumpiert worden. Die Investoren hatten die Einkaufszentren immer nur als Geldmaschine betrachtet und nicht als den grossen Marktplatz, der das soziale Leben in die Vororte zurückbringen sollte. Die Investoren hatten auf die von ihm vorgesehenen Parks, Gärten und Wasserspiele, auf die öffentlichen Versammlungsräume und Kindergärten verzichtet und einfach immer mehr Handelsketten auf immer grösseren Flächen untergebracht.
Victor Gruen hatte sich nicht gross gewehrt, sondern war 1968 einfach wieder nach Wien zurückgekehrt, als er auf dem Seil abzustürzen drohte, das er zwischen seinen beiden Lebensprojekten – die Einkaufszentren in den Vororten und die Revitalisierung der Innenstädte – gespannt hatte. Er ging zurück nach Wien, in die Stadt, die ihn als jungen Architekten und Kabarettisten 1938 rausgeworfen hatte, weil er Jude war und Sozialist. Dennoch trug er sein ganzes Leben seine Liebe zum Wien der zwanziger Jahre mit sich, in dem die Sozialisten die Mehrheit hatten und soziale Wohnprojekte vorantrieben. Das Wien, in dem Gruen tagsüber als Architekt arbeitete und nachts mit seinem «Politischen Kabarett» in Kaffeehäusern auftrat und Kleriker, Monarchisten, Spiesser und Konservative durch den Kakao zog. Das Wien, das er zeitlebens zu kopieren versuchte, indem er weissen Vororten in Amerika mit ihren isolierten Familien Einkaufszentren verordnete, die mehr als Konsumtempel sein sollten. Sie sollten Menschen wieder zusammenbringen, wie in den Kaffeehäusern an der Wiener Ringstrasse.
Ein Archetypus, keine Mall
Victor Gruen hatte die Idee des Einkaufszentrums in die Welt gesetzt, und beim Lesen seiner Biografie wird man das ungute Gefühl nicht los, das ihn selbst immer stärker beschlich: Der Kapitalismus war seinem Auftrag, mit den Gewinnen wieder für die Gemeinschaft zu sorgen, einfach nicht nachgekommen. Sein Biograf M. Jeffrey Hardwick beschreibt, dass sich das Ende der Vision schon bei den Planungen zu Gruens erstem grossen Shoppingcenter Southdale in Edina, südlich von Minneapolis, abzeichnete. Der Investor Dayton's, eine Kaufhauskette, trat in Verhandlungen mit dem Konkurrenten Donaldson's, um gemeinsam die riesige Investition von 20 Millionen Dollar zu tätigen. Der Architekt John Graham versuchte in etlichen Verhandlungen, die Räume für Gärten und Flanierwege zu kürzen, um noch mehr Einkaufsmöglichkeiten zu schaffen. Gruen gelang es, die Angriffe abzuwehren, aber wie Hardwick schreibt: «Während Gruen den Kampf um Southdale gewann, gewann Graham den Krieg für den amerikanischen Handel.» Zwar hatten sich die Medien bei der Beschreibung des Innengartens mit Magnolien- und Eukalyptusbäumen, einem kleinen Zoo für die Kinder, Goldfischteich und Vogelvolieren, Skulpturen, Strassencafés und Blumenbeeten, die einen immerwährenden Frühling zeigen sollten, vor Begeisterung überschlagen, aber die Investoren scherten sich wenig darum und nutzten den Platz für simple Verkaufsflächen. Und der Erfolg gab ihnen Recht: Der «introvertierte Kasten inmitten einem Meer von Parkplätzen», wie Architekturkritiker später diese Einkaufszentren kritisierten, begann ein Teil des amerikanischen Lebensgefühls zu werden. Gruens Southdale bot 72 Läden und zwei Kaufhäusern Platz. Der ganze Komplex war mit Glas überdacht, um weite Wege zu vermeiden, gab es zwei Stockwerke verbunden mit Aufzügen und Rolltreppen. Victor Gruen hatte, so schrieb der «New Yorker» zum 50. Geburtstag dieser ersten Mall, «kein Gebäude entworfen, er schuf einen Archetypus».
Victor Gruen wollte aber nicht nur den «Marktplatz unter Dach» in die Vororte bringen, er wollte auch städteplanerisch das Umfeld gestalten: keine chaotischen Ausfallstrassen mit Geschäftsansiedlungen und wilden Plakatwänden, sondern Parks, Wohnungen und städtische Infrastruktur. Dieser Teil der Planung wurde weder in Southdale noch bei anderen Einkaufszentren umgesetzt. Das war ein herber Schlag für Victor Gruen, über den er aber kaum öffentlich sprach. Schliesslich hatte er jahrelang für das «gute» Einkaufs¬zentrum gekämpft, unzählige Artikel geschrieben und Reden gehalten. Seine Idee eines Gemeinschaft spendenden Marktplatzes hatten er und seine damalige zweite Frau und Architektin Elsie Krummeck schon während des Krieges entwickelt. Unter dem Motto «Redesigning the Cities» hatte die Zeitschrift «Architectural Forum» einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Gruen und Krummeck wurden beauftragt, einen Prototyp für Einkaufsmöglichkeiten in einer Stadt zu machen. Ziel sollte neben dem wirtschaftlichen Erfolg auch das bessere Zusammenleben in der Kommune sein. Gruen und Krumm¬eck lieferten einen Vorschlag ab, in dem sich öffentliche Einrichtungen, Gärten, Einzelhandel und Kaufhäuser an einem Platz inmitten der Stadt ergänzten und so zu einem Mittelpunkt des Lebens wurden.
Erfolgreich mit Kaufhäusern
Die Entwicklungen in Amerika waren nach dem Krieg aber erst einmal andere. Um die Städte herum entstanden Vororte, in die weisse Mittelklassefamilien zogen. Das Auto wurde zum wichtigsten Element einer Gesellschaft, die ständig unterwegs war zwischen dem Arbeitsplatz und dem Eigenheim im Grünen. Schon zu Beginn der 20. Jahrhunderts hatte eine strikte gesetzlich vorgenommene Einteilung in Zonen den Wirtschaftssektor von den Wohngebieten getrennt. Die Läden reihten sich wie Perlenketten an die Ausfallstrassen und buhlten mit raffinierten Lichtreklamen um die Aufmerksamkeit der Kunden auf vier Rädern. Victor Gruen und Elsie Krummeck waren in den vierziger Jahren Meister im Design von diesen Läden gewesen. Es war die logische Konsequenz aus den ersten Erfolgen, die ¬Victor Gruen gleich nach seiner Ankunft in New York mit dem Design von Läden gehabt hatte. Geschult durch das Theater, hatte er Fassaden entworfen, die das Lustwandeln an raffiniert dekorierten und grossen Schaufenstern förderte. Ersten Ruhm hatte er durch Eingangshallen erlangt, die den Übergang von der Strasse in das Geschäft fliessend machten. Nach seinem Umzug nach Los Angeles gelang es ihm, zusammen mit Elsie Krummeck grosse Aufträge für Kaufhäuser zu bekommen. Mit kluger Manipula¬tion mittels Licht und Farbe wandelten sie die Malls in «Mäusefallen» um.Die Erfolge reichten Gruen aber nicht. Unermüdlich kämpfte er für seine Idee des Einkaufszentrums. Als Southdale eröffnet war, wendete er sich – inzwischen geschieden von seiner Lebens- und Arbeitspartnerin Elsie Krummeck – einem Phänomen zu, das er eventuell mitausgelöst hatte: das Ausbluten der amerikanischen Innenstädte. Gruen schaffte es, bis in die späten sechziger Jahre hinein immer grössere Einkaufszentren in den Vororten zu bauen und gleichzeitig zahlreiche Städte dabei zu beraten, wie sie wieder einen pulsierenden Stadtkern entwickeln könnten. Seine Entwürfe scheinen heute ein seltsamer Abklatsch der Shoppingcenter-Idee in den Vororten zu sein. Gruen empfahl, Einkaufszentren in die Innenstädte zu bauen, Parkgaragen und Verkehrsadern rund um den Kern anzulegen. Und er plädierte früh für Fussgängerzonen. Auf die Frage, wie man der Konkurrenz zwischen Einkaufen in den Vororten und Flanieren in der Innenstadt begegnen soll, fand er keine überzeugende Antwort. Gruen blieb bis zum Ende ein grosser Kritiker der amerikanischen Architektur – nicht ohne sich genussvoll in Widersprüche zu verstricken. Die Medien liebten ihn dafür. Er wurde in allen grossen amerikanischen Zeitungen porträtiert und die Beschreibung seiner unendlichen Energie und seiner gewaltigen Augenbrauen fehlen nie. In seinem 1963 publizierten Buch «The Heart of Our Cities» rechnete er nicht nur mit der amerikanischen Städteplanung ab, sondern auch mit dem amerikanischen Lebensgefühl. Er wetterte gegen die Liebe der Amerikaner zum Auto, gegen die Verschwendung von Land in den Vororten und gegen die unflexible Bürokratie. Damit wurde er zum modernen Propheten. Gehört wurde er nicht. «Victor Gruen erfand das Einkaufszentrum, um Amerika ein bisschen wie Wien werden zu lassen», schrieb der Redaktor des «New Yorker», Malcolm Gladwell. «Am Ende wurde Wien amerikanischer.»
Irene Armbruster war Leiterin des Berliner Büros des aufbau, lebt nun in Stuttgart und arbeitet als feste Autorin für das Blatt.


