Die kleinen Läden in meiner Nachbarschaft
In den neunziger Jahren nahm mich meine Mutter mit nach Wien, um mir «ihre Stadt» zu zeigen, die Strassen und Geschäfte, aus denen ihr Leben vor dem Krieg bestanden hatte. So viel von ihrer Welt war noch vorhanden. Da war das Papierwarengeschäft – unter dem gleichen Namen! –, in dem sie ihre Schulsachen zu erstehen pflegte, die Tanzschule, in der die jungen Herren immer noch weisse Handschuhe zu tragen hatten, und das Kaffeehaus aus der Jahrhundertwende, in dem sie meinen Vater seinen zukünftigen Schwiegereltern vorgestellt hatte. Diese Kontinuität wäre ohne die Auflagen und die Unterstützung durch die Wiener Stadtverwaltung nicht über ein halbes Jahrhundert möglich gewesen.
Mit dieser urbanen Landschaft verglichen, ist New York der Wilde Westen. Ladenbesitzer müssen ohne jeden Schutz auskommen. Daher ist im Einzelhandel permanenter Wandel die Regel. In den äusseren Bezirken der Stadt unternehmen Immigranten ihren ersten Schritt in die amerikanische Wirtschaft häufig durch die Eröffnung eines Ladens. Aber die ethnischen Gemeinschaften kommen und gehen, und so bleiben auch die Geschäfte nie lange in der Hand einer Familie. Als ich in den fünfziger Jahren in Kew Gardens in Queens aufwuchs, dominierten deutsch-jüdische Flüchtlinge. Die Lebensmittelgeschäfte dort versorgten uns mit Heringsalat und Apfelstrudel. In der nächsten Dekade rückten Juden aus Iran nach, und heute bestimmen Läden für Immigranten aus dem zentralasiatischen Buchara das Strassenbild in Kew Gardens. Für mich «führt kein Weg zurück» in das Viertel meiner Kindheit.
Ohne Lokalkolorit
Den gleichen Wandel erlebe ich auch in meiner heutigen Nachbarschaft an der Upper East Side Manhattans. Doch die Ursachen sind ganz andere. In den letzten Jahren ist eine Adresse in Manhattan zwischen der 96. Strasse und der Südspitze zu einem Privileg geworden. Zunehmend können es sich nur noch wohlhabende Leute und deren Dienstleister erlauben, hier zu leben. Von Chinatown abgesehen, sind die ethnischen Enklaven hohen Mieten zum Opfer gefallen. An der Upper East Side sind von den deutschen und ungarischen Quartieren nur ein paar Metzgereien und Bäckereien übrig geblieben. Wer in New York «Little India» sucht, muss heute nach Queens gehen und russische Lokale, in denen der Wodka reichlich fliesst, sind nur noch in Brooklyn zu finden.
Diese Entwicklung geht jedoch nicht auf die Bedürfnisse einer Nachbarschaft zurück, sondern auf die Gier der Hausbesitzer. In Manhattan verdoppeln oder verdreifachen die Immobilienverwaltungen nach Ablauf eines typischen, befristeteten Mietvertrages die Ladenmieten. Daher bleiben gerade in den gesuchten Wohngebieten nur noch Läden übrig, die sich derartige Preise leisten können. Dies sind zunehmend nationale oder internationale Ladenketten oder Bankfilialen, denen jedes Lokalkolorit abgeht. So sitzt an meiner nächsten Ecke eine Niederlassung von Petit Bateau, der französischen Kette für exklusive Kinderkleidung. Vor nicht allzu langer Zeit war dort eine auf venezianisches Glas spezialisierte Dame zu finden, der eine Galerie für Avantgarde-Fotografie gefolgt ist. Obwohl sich Petit Bateau in der Auslage redlich bemüht, französischen Charme zu versprühen, kann mich das nicht überzeugen – es liegt auf der Hand, dass exakt das gleiche Schaufenster auch in allen anderen Läden des Unternehmens zu finden ist.
Neben den steigenden Mieten müssen Geschäftsinhaber unter den Folgen der Grundstücksspekulation in Manhattan leiden. Diese zielt auf die Verwandlung ganzer Nachbarschaften in Destinationen für Luxus-Shopper, Touristen oder Kunstfreunde. So verwandeln bestimmte Quartiere innerhalb weniger Jahre ihr Gesicht. SoHo wurde in den achtziger Jahren von einem billigen Viertel mit kleinen Fabriken und Manufakturbetrieben zu einem der bedeutendsten Standorte von Galerien weltweit. Aber diese haben ihre Lofts häufig schon längst wieder verlassen, weil sie ihrerseits nicht mehr in der Lage waren, mit den Mietpreisen der Boutiquen mitzuhalten, die von den elitären Kunstfreunden angelockt worden sind.
In meiner Umgebung an der Upper East Side ist der Wandel nicht ganz so dramatisch. Zwei bedeutende Gruppen der hiesigen Bewohner – Reiche und Diplomaten – halten auf Diskretion und sind nie beim Einkauf für ihre täglichen Bedürfnisse zu sehen. Diese unsichtbare Klientel wird von einigen wenigen Lebensmittel¬läden versorgt, deren exklusives Angebot sich mit den Preisen die Waage hält. Die Geschäfte verfügen über Lieferpersonal, das der auf Anonymität bedachten Kundschaft den Weg in die Niederungen des Strassenlebens erspart. Für die sonstigen Bedürfnisse dieser Bewohnerschaft stehen die uniformierten Wächter am Eingang der feinen Wohnhäuser in meiner Nachbarschaft bereit.
Doch einige Strassenzüge weiter nach Osten und weg vom Central Park ändert sich die Stadtlandschaft erneut. Hier leben junge Freiberufler in neuen Wolkenkratzern oder den noch verbleibenden, älteren Mietshäusern, um wenigstens ein paar Jahre lang an einer feinen Adresse zu residieren. Sie lassen sich nur vorübergehend nieder und erledigen ihre Einkäufe rasch und im Vorübergehen. Die langen Öffnungszeiten und das breite Angebot der Kettenläden entspricht ihren Bedürfnissen völlig.
Überlebenskampf der Kleinläden
Aber es gibt auch noch Einwohner wie mich, die sich weder verstecken wollen noch sich lediglich auf der Durchreise befinden. Ich halte den kleinen Läden in Familienbesitz, die noch in der Nachbarschaft verblieben sind, die Treue. Meine Loyalität und meine Wünsche sind den Eignern wichtig. Wenn ich einen Einkauf tätige, muss ich mich nicht an immer neue, unterbezahlte Angestellte halten, die ihren Job bald wieder aufgeben und keinerlei Verpflichtung gegenüber ihren fernen Konzernzentralen oder ihrer Kundschaft empfinden. Ich habe mich für diesen Artikel mit vieren dieser Geschäftsleute über ihre Überlebensstrategien unterhalten.
Die Änderungsschneiderei und Trockenreinigung «Art Tailoring and Dry Cleaning» wird von Sahin Bolat und seinem Sohn Horen betrieben. Die Bolats stammen aus Istanbul, wo der Senior das Schneiderhandwerk erlernt hat und einen Betrieb mit zehn Angestellten führte. Auf der Suche nach einem besseren Leben für seine Familie kam er vor 25 Jahren hierher. Seither sitzt er im Fenster seines kleinen Ladens an der Lexington Avenue an einer Nähmaschine. Die Miete hat sich in dieser Zeit von 400 auf 7000 Dollar monatlich erhöht. Dazu kommt die Konkurrenz durch zwei neue Trockenreinigungen am gleichen Block. Bislang konnten die Bolats überleben, weil sie zusätzliche Dienstleistungen bieten: Sie lassen die Kundschaft anschreiben, sind flexibel bei dringenden Aufträgen und dabei stets ebenso höflich wie unermüdlich. Vor etwa 20 Jahren wurden Floristen zu einer bedrohten Art, nachdem Gemüseläden und Supermärkte ihr Monopol gebrochen hatten und billige Blumensträusse anboten. Die Koreanerin Barbara Choi und ihre Partnerin betreiben den «Century Flower Shop» an einer verkehrsgünstig gelegenen Ecke. Barbara Choi erklärt, dass sie sich nicht an Leute wendet, die auf dem Weg von der Arbeit schnell einen Strauss mitnehmen wollen: «Unsere Kunden führen ein Leben mit Blumen. Wir beliefern überdies Unternehmen und sorgen für die Gestecke in den Eingangshallen von Apartmenthäusern.» Die beiden Floristinnen können monatlich knapp 10 000 Dollar Miete aufbringen, indem sie ihr Inventar strikt kontrollieren und die ganze Arbeit an den Gestecken und Arrangements selbst ausführen. «Unser Erfolg beruht auf unserer Wachsamkeit», so Choi, «unsere Blumen sind stets in bestem Zustand.» Ihre Partnerin setzt mit einem Seufzer hinzu: «Das macht eine Menge Arbeit ...»
Unter allen Branchen dürfte ein Drugstore – die typisch amerikanische Mischung aus Drogerie und Apotheke – das schwierigste Leben in Manhattan haben. Hier bieten Kettenläden an nahezu jeder Ecke unschlagbar niedrige Preise für die handelsüblichen Medikamente, Putzmittel oder Schnürsenkel. Trotzdem hält sich «Eisler Chemists» schon seit einem Jahrhundert an der gleichen Adresse, seit 25 Jahren unter dem gleichen Eigentümer. Auch hier beruht das Überleben auf Service und persönlichem Einfallsreichtum. Die Verkäufer kennen jeden Kunden mit Namen. Der Laden hat zwei afrikanische Beschäftigte, die ständig auf Abruf sind, Medikamente ins Haus bringen. Das Geschäft zeichnet sich zudem durch sein durchdachtes Warenangebot aus. Statt wie die Kettenläden ein lieblos zusammengeworfenes Sortiment zu bieten, ergänzt Eisler seine pharmazeutischen Produkte durch ein breites Sortiment an Kosmetika, darunter europäische Marken, die in New York ansonsten kaum zu finden sind. Für das Auge der Kundschaft arrangiert Eisler die Lotionen, Cremes und Seifen sowie die feinen Bürsten und Maniküre-Instrumente elegant und ansprechend. Diese Sorgfalt spricht auch aus den Schaufenstern, die in jeder Saison neu von Spezialisten gestaltet werden.
Die Anonymität des städtischen Lebens
Hat eine Drogerie es schon schwer, dann gelten die Aussichten für unabhängige Buchhandlungen als nahezu aussichtslos. Ihre zahlreichen Nachrufe erklären das Ende der Branche mit der Macht der Ketten, die sich grössere Ladenflächen und ein breiteres Angebot leisten können, und der Kundschaft obendrein ein in das Geschäft integriertes Café bieten. Andere Grabreden zitieren den Kauf per Klick im Internet als Ursache des Laden-Sterbens. Aber doch gibt es auch in diesem Geschäftszweig immer noch einige Überlebende. Wie «Crawford Doyle Booksellers» ist dies jedoch nur noch Spezialisten möglich. Der Laden liegt nur wenige Schritte von meiner Haustür entfernt und wird von Judith Crawford und John K. Doyle betrieben. Die beiden sind Buchliebhaber und haben das Geschäft erst nach ihrer Pensionierung eröffnet. Wie Doyle erklärt, können sie ihr Geschäft nur weiterführen, weil sie die Verkaufsräume erworben haben. Für Doyle ist das die unabdingbare Voraussetzung zum Überleben jedes kleinen Ladens, besonders aber für Buchhändler, die nur wenig Raum haben, um ihr Einkommen zu verdienen. Die Verlage bieten nur schmale Gewinnmargen und die Kosten für die Versicherung von Angestellten steigen ständig. Da Crawford und Doyle als Pensionäre über ein unabhängiges Einkommen verfügen, können sie mit dem geringen Verdienst leben, den ihr Laden bislang abwirft. Sie freuen sich über Gewinne, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen: Ihre Kontakte mit Autoren, Verlegern und Bücherfreunden, die Freude am Umgang mit der grossen Zahl der neuen, seltenen und nicht mehr im Druck befindlichen Werke. Aber wie bei den anderen kleinen Läden in meiner Nachbarschaft ist auch bei «Crawford Doyle» das Wort Service der Schlüssel zum Erfolg. Das Geschäft führt Aufträge jeder Art aus, versendet landesweit und nach Übersee, sucht nach vergriffenen Ausgaben und berät die Kundschaft in kundiger Weise bei allen nur erdenklichen Anfragen. Wer in den klug und übersichtlich geordneten Laden tritt, spürt, dass die Eigner seinen Enthusiasmus für das Buch teilen. Es zeichnet diese Geschäfte aus, dass sie diese intime Atmosphäre bieten, die für Augenblicke eine Zuflucht aus der Anonymität des städtischen Lebens gewähren.
Monica Strauss ist Kunsthistorikerin und Autorin in New York.


