Die Fundamente urbanen Lebens
Der Aufstieg und Fall von Städten folgt bestimmten historischen Mustern. Wie vor 5000 Jahren können städtische Gebiete bis heute nur dann erfolgreich sein, wenn sie ihren Bewohnern gleichzeitig eine sakrale Heimat, Sicherheit und wirtschaftliche Grundlagen bieten. Diese drei Säulen trugen die ersten Siedlungen der Antike, als nur ein kleiner Teil der Menschheit in Städten zu Hause war. Erstmals in der Geschichte lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Städten. Die urbane Population ist von 750 Millionen weltweit im Jahr 1960 auf drei Milliarden im Jahr 2002 angewachsen und wird 2030 die Fünf-Milliarden-Marke voraussichtlich überschreiten. Diese rasant wachsende Zahl von Städtern sieht sich einem rapiden Wandel gegenüber: Heute müssen selbst die leistungsfähigsten urbanen Gebiete nicht nur mit anderen Metropolen konkurrieren, sondern auch mit einer wachsenden Zahl kleinerer Städte oder Vororte.
Die Krise der Mega-Stadt
Der Wandel in der urbanen Entwicklung wird am stärksten die weitläufigen Mega-Städte in Entwicklungsländern betreffen. In der Vergangenheit konnten Städte ihr Hinterland durch ihre Grösse wirtschaftlich dominieren. Heute ist ihre schiere Grösse für Metropolen wie Mexiko-Stadt, Kairo, Lagos, Mumbai, Kalkutta, São Paulo, Jakarta und Manila eher zu einer Belastung geworden. In einigen Weltregionen sind die Mega-Städte bereits gegenüber kleineren Zentren ins Hintertreffen geraten, die besser geführt werden und weniger von sozialen Problemen belastet sind. So haben sich in Ostasien, in der Wiege des Urbanismus im 21. Jahrhundert, Singapur und – in geringerem Masse – Kuala Lumpur besser in die Weltwirtschaft integriert als die von wesentlich mehr Menschen bewohnten Städte Bangkok, Jakarta und Manila.
Ihre aufgeblähten Dimensionen haben auch Mexiko-Stadt ihrer wirtschaftlichen Logik beraubt. Von Kriminalität, Verkehrschaos und Verschmutzung gedrückt, wird «La Capital» bereits von Unternehmern und ehrgeizigen Arbeitskräften gemieden, die sich in schneller wachsenden und effizienter verwalteten Städten wie Guadalajara und Monterrey niederlassen – wenn sie sich nicht gleich jenseits der Grenzen in den USA ansiedeln. Im Nahen Osten können Mega-Städte wie Kairo und Teheran mit der Versorgung ihrer explodierenden Bevölkerungen kaum noch Schritt halten, während kleinere, kompaktere Zentren wie Dubai und Abu Dhabi florieren. Im Jahr 1948 noch eine staubige Siedlung mit 25 000 Bewohnern, hat Dubai 50 Jahre später die Millionengrenze überschritten. Aber die Stadt am Persischen Golf konnte bis heute die wirtschaftliche Stagnation vermeiden, unter der ein Grossteil der arabischen Welt leidet.
Wie in Dubai werden eine kosmopolitische Haltung und die gezielte Akkumulation einzigartiger Fähigkeiten unter den Einwohnern auch zukünftig eine entscheidende Bedeutung für den Wettbewerb unter erfolgreichen Städten haben. Historisch haben kulturelle Offenheit und die Ansiedelung talentierter Leute relativ kleinen Städten wie Florenz oder Amsterdam zu einer Bedeutung verholfen, die weit über ihre Grösse hinausging. Auch im 21. Jahrhundert üben kleine, kosmopolitische Städte wie Luxemburg, Singapur oder Tel Aviv häufig einen grösseren wirtschaftlichen Einfluss aus als unüberschaubare Mega-Städte mit zehn oder 15 Millionen Bewohnern.
Die Grenzen der zeitgenössischen urbanen Renaissance
Am Ende des 20. Jahrhunderts sahen die wirtschaftlichen Aussichten für die Mega-Städte in der entwickelten Welt glänzend aus. Dafür sprach etwa die – relativ kleine – Zunahme von Wohnhäusern in lange vernachlässigten Stadtzentren. Daher prognostizierten viele Experten einen unaufhaltsamen Aufstieg für die kosmopolitischsten Weltstädte wie London, New York, Chicago und San Francisco. So erklärte der Historiker Peter Hall: «Weder die westliche Zivilisation noch westliche Städte zeigen auch nur eine Spur von Zerfall.» Dieser neue Optimismus beruhte in erster Linie auf dem weltweiten Wechsel von einer industriellen zu einer auf Information beruhenden Wirtschaft. Der Theoretikerin Saskia Sassen zufolge besetzten Städte wie New York, London und Tokio «neue Geogra¬fien der Zentralität», die sie zu «strategischen Orten für die Steuerung der globalen Wirtschaft» prädestinierten. Hinter diesen Giganten sah Sassen aufstrebende, sekundäre Zentren wie Los Angeles, Chicago, Frankfurt, Toronto, Sydney, Paris, Miami oder Hongkong.
Diese Städte befanden sich eindeutig in einer besseren Verfassung als rapide schrumpfende, traditionelle Industrie¬standorte wie Manchester, Liverpool, Leipzig, Osaka, Turin oder Detroit. Diese fielen zunehmend technologisch und im Wettbewerb mit den Entwicklungsländern zurück. Laut Sassen «produziert eine globale Stadt ‹Dinge› wie Dienstleistungen und finanzielle Güter». In der vorherrschenden Meinung existierten die für diese Branchen notwendigen Eigenschaften und Fähigkeiten nur in den von Sassen aufgezählten globalen Städten.
Die «Zerstörung der Entfernungen»
Diese Einschätzung scheint den in den 1960er Jahren vorherrschenden, überzogenen Pessimismus über die Zukunft urbaner Zentren in der entwickelten Welt durch einen übertriebenen Optimismus zu ersetzen. Selbst die am höchsten entwickelten globalen Städte sehen die aus ihrer Grösse erwachsenen Vorteile durch das Aufkommen neuer Technologien reduziert, die laut dem Anthropologen Robert McC. Adams eine «ungeheure Zerstörung von Entfernungen» erreicht haben. Die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten und weltweit über grosse Distanzen zu vermitteln, hat viele der Vorteile etablierter urbaner Zentren untergraben. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts war in den USA ein langläufiger Trend evident, in dessen Zug grosse Unternehmen ihre Zentralen in Vororte und kleinere Städte verlagerten. Waren 1969 nur elf Prozent der grössten US-Konzerne in Vororten angesiedelt, so hatte sich diese Zahl Mitte der 1990er Jahre auf 50 Prozent erhöht.
Diese Entwicklung widerspricht der Annahme, eine Handvoll Mega-Städte würde die Weltwirtschaft «steuern und kontrollieren». Zahlreiche führende Dienstleistungs- und Finanzunternehmen haben ihre Stammsitze in Städten wie Boston, New York oder San Francisco nicht verlassen, aber ihre massgeblichen Klienten sitzen heute ebenso an der urbanen Peripherie, in Orten wie Seattle, Houston oder Atlanta, oder aber in Übersee. Sogar die modernsten Dienstleistungen, die oft als Dreh- und Angelpunkte der Ökonomien globaler Städte gepriesen werden, haben ihre Standorte zunehmend an die Peripherien oder in kleinere Städte verlagert. Dies gilt in noch höherem Masse für Firmengründungen.
Für die Zukunft verspricht die anhaltende Innovation im Telekommunikationssektor eine zunehmende Verflachung des wirtschaftlichen Raums. Damit werden die besten Jobs in «Exurbs» ausserhalb der Metropolen oder gar in kleineren Städten wie im amerikanischen Fargo oder Des Moines zu finden sein. Die Veränderung in der räumlichen Gestaltung wirtschaftlichen Wachstums stellt nur ein Resultat dieses Trends dar: Schimmernde Hochhäuser werden zunehmend durch campusartige sogenannte Office Parks ersetzt.
So war der internationale Wertpapierhandel einst in den Börsenvierteln von London und New York konzentriert. Doch obwohl Unternehmenszentralen in ihren angestammten Wolkenkratzern verbleiben, haben sich die operativen Zentren dieser Industrie längst immer weiter in die jeweilige Peripherie, in kleinere Orte und nach Übersee verlagert. Besonders deutlich ist dieser Trend im Einzelhandel. Fast das ganze 20. Jahrhundert über hat New York diese Branche dominiert. Doch im Jahr 2000 hatten ihre 20 grössten Unternehmen die Stadt verlassen. Obwohl in New York ansässige Designer, Werber oder Investmentbanker weiterhin eine bedeutsame Rolle in der Branche spielen, hat sich ihr Zentrum etwa nach Bentonville, Arkansas, verlagert, dem Sitz des Weltkonzerns Wal-Mart.
Dieser Trend zur Dekonzentration hat speziell New York einen hohen Zoll abverlangt, der nach wie vor bedeutendsten Mega-Stadt der entwickelten Welt. Im Lauf der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hat der Privatsektor in New York netto keine neuen Arbeitsplätze geschaffen, während der Rest der USA ein explosives Wachstum erlebte. New York weist weiterhin einen starken Dienstleistungssektor auf, aber dem Historiker Fred Siegel zufolge fällt die Stadt langfristig immer weiter hinter die Nation zurück. Sogar im stark zentralisierten Japan ziehen Software- und andere Technologie-Unternehmen zunehmend aus den Metropolen Osaka und Tokio in die Provinz. Hongkong erlebt den gleichen Trend und verliert die Hightech-Produktion und Jobs für Ingenieure an das chinesische Festland. Das Entstehen von sogenannten Tele-Städten weltweit deutet auf die Entwicklung neuer Nischen für modernste Branchen in den weniger urbanisierten Regionen etwa Frankreichs, Belgiens oder Koreas hin. Darüber hinaus gefährdet die zunehmende Zahl von sogenannten Tele Commutern, die von ihren Wohnungen aus tätig sind, die einst exklusiv von Städten gehaltene Rolle als Wirtschaftszentren. Die gerade erst beginnende Entwicklung einer auf Heimbüros basierenden Wirtschaft wird der Elite in der Informationsindustrie zukünftig einzigartige Freiheit in der Wahl ihres Lebens- und Arbeitsplatzes an die Hand geben.
Das Aufkommen der «flüchtigen» Stadt
Unter diesen Umständen werden selbst die am besten positionierten urbanen Gebiete mit gravierenden demografischen und wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Als junge Leute von den Metropolen gelockt, ziehen viele Städter ins Umland, wenn sie Familien oder eigene Unternehmen gründen. Die für die Vitalität von Städten wichtigen Immigranten mit guter Ausbildung und hohem Ehrgeiz schliessen sich diesem Trend zunehmend an. Urbane Zentren in Europa, Japan und anderen Teilen Ostasiens müssen mit einer noch extremeren demografischen Krise zurechtkommen als die USA. Hier reduziert der starke Rückgang der Geburtenrate auch auf dem Land die Zahl der jungen Leute, die es traditionell in die Städte zieht.
Da sich das Wachstum selbst der modernsten Dienstleistungen zunehmend aus den Städten hinaus verlagert, konzentrieren viele führende urbane Zentren ihre Zukunftshoffnungen zunehmend auf ihre Rolle als Kultur- und Unterhaltungszentren. Wie H.G. Wells vor einem Jahrhundert prophezeite, verwandeln sich Metropolen von Schaltzentren der Wirtschaft in die flüchtigere Rolle eines «Basars, einer grossen Galerie von Läden und Orten des Promenierens und der Begegnung». Städte haben diese Rolle als Bühne von Anbeginn an gespielt. Die zentralen Plätze rund um Tempel, Kathedralen und Moscheen haben Kaufleute seit jeher ideale Voraussetzungen für den Handel gewährt. Von Natur aus Bühnen, lockten Städte die weitgehend ländlichen Bewohner ihrer Umgebung mit neuen und einzigartigen Erfahrungen. Rom, die erste Mega-Stadt, entfaltete diese Qualitäten in zuvor nie gesehener Weise. Mit dem mehrstöckigen Mercatus Traiani konnte die «Ewige Stadt» nicht nur das erste Einkaufszentrum vorweisen, sondern auch das Colosseum, wo urbanes Entertainment in jeder Hinsicht monströse Ausmasse annahm.
In der industriellen Epoche wurden «die Techniken der Unterhaltung» laut dem französischen Philosophen Jacques Ellul «immer unverzichtbarer, um das urbane Leid aushaltbar zu machen». Im 20. Jahrhundert vergrösserte die industrialisierte Massenunterhaltung – das Verlagswesen, Kino, Radio und Fernsehen – ihren Zugriff auf die Städter. Die damit verbundenen Unternehmen trugen ihrerseits erheblich zum Wirtschaftswachstum in Medienstädten wie Los Angeles, New York, Paris, London, Hongkong, Tokio und Bombay bei.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatte der Fokus auf die Kulturindustrien bereits einen prägenden Einfluss auf die Wirtschaftspolitik vieler urbaner Regionen erreicht. Statt Familien der Mittelklasse zu halten oder in Konkurrenz zu ihrem Umland Jobs im produzierenden Gewerbe zu entwickeln, legten urbane Zentren zunehmend Wert auf so flüchtige Konzepte wie Hipness, Trendyness oder Stil, um ihre Zukunft zu sichern. In Rom, Paris, San Francisco, Miami, Montreal und New York hat sich der Tourismus zu einem der grössten und vielversprechendsten Wirtschaftszweige entwickelt. Die Ökonomie einiger der am schnellsten wachsenden Zentren in den USA wie Orlando oder Las Vegas beruht weitgehend auf der Inszenierung von «Erlebnissen», zu denen eine spektakuläre Architektur ebenso zählt wie Live-Unterhaltung rund um die Uhr.
Selbst an so unwahrscheinlichen Orten wie Manchester, Montreal oder Detroit versuchen Politiker und Unternehmer, ihre Heimat als «coole Städte» neu zu erfinden, um Schwule, Bohemiens und junge Kreative anzulocken. Mancherorts haben diese Bestrebungen tatsächlich desolate Stadtzentren mit Lofts, guten Restaurants, Clubs, Museen und einer recht starken Population von Homosexuellen und jungen Singles belebt – ohne jedoch auch nur im Entferntesten an vergangene Zeiten wirtschaftlicher Dynamik anknüpfen zu können. Auf dem europäischen Kontinent haben sich speziell Paris, Wien und das neu vereinte Berlin dieses Konzept einer auf Kultur basierenden Ökonomie zu eigen gemacht. Während die Stadt weitgehend in ihrem Versuch gescheitert ist, sich erneut als globales Wirtschaftszentrum zu etablieren, feiert Berlin seine Kulturszene als wichtigstes Standbein. Die Stadt zieht ihre Bedeutung nicht mehr aus der Produktion von Gütern oder Dienstleistungen, sondern aus ihren progressiven Galerien, einzigartigen Läden, ihrem lebhaften Betrieb auf den Boulevards und dem wachsenden Tourismus.
Die Zukunft und die Grenzen der Verbürgerlichung
Im 21. Jahrhundert könnten einige Städte oder Stadtteile auf Grundlage dieser ephemeren Basis überleben oder vielleicht sogar blühen. Dabei wird die in ihnen verbleibende Medienindustrie ihren Ruf in die übrige Welt hinaustragen. Der kurzzeitige, aber viel besprochene Aufstieg urbaner Technologie-Reviere wie die Silicon Alley in New York während des Dotcom-Booms der 1990er Jahre verführte einige Beobachter sogar zu der These, urbane Hipness sei ein primärer Katalysator für Wachstum im Informationszeitalter. Viertel wie die Silicon Alley sind im Zug der Konzentration und Ausreifung der Internet-Industrie zusammengeschrumpft, aber die Nachfrage für Wohnungen in ihren Städten wuchs dennoch weiter. Diese kam teils von jungen Freiberuflern, aber auch von einer wachsenden Population älterer und wohlhabenderer Bürger, die nicht zuletzt nach einem «pluralistischeren Lebensstil» suchten. Diese modernen Nomaden verbringen einen Teil ihrer Zeit in Städten, um am kulturellen Leben zu partizipieren oder wichtige Geschäfte abzuwickeln. In Paris machen diese urbanen Nomaden Schätzungen zufolge schon bis zu zehn Prozent der Einwohner aus.
In zahlreichen Weltstädten hält der Trend, ehemalige Lagerhallen, Fabriken und sogar Bürogebäude in elegante Wohnquartiere zu verwandeln, an. So dürften aus einstigen urbanen Wirtschaftszentren allmählich Ferienwohnheime werden. Der Architekturhistoriker Robert Bruegman erwartet, dass der absteigende Finanzdistrikt an der Südspitze Manhattans nicht als Technologie-Zentrum wiedergeboren wird, sondern als Voll- oder Teilzeit-Residenz für «reiche Kosmopoliten, die städtischen Luxus in der elegant wiederverwerteten Hülle eines einstigen Geschäftszentrums geniessen wollen». Doch ein solches, auf Kultur basierendes Wachstum dürfte langfristig nicht aufrechtzuerhalten sein. Kulturelle Errungenschaften sind historisch aus politischen und wirtschaftlichen Leistungen hervorgegangen. Athen war zuerst ein grosses Handelszentrum und eine Militärmacht, ehe es die Welt auf anderen Gebieten beeindruckte. Die ausserordentlichen Kulturleistungen anderer grosser Städte von Alexandria über Kaifeng, Venedig, Amsterdam und London bis zu New York sind ebenfalls aus einer ähnlichen Verknüpfung zwischen dem Ästhetischen und dem Mondänen entstanden.
Darüber hinaus werden diese Städte langfristig von breiteren demografischen Trends bedroht. Wie im späten Römischen Reich und im Venedig des 18. Jahrhunderts nimmt der Niedergang der Mittelklasse urbanen Gebieten unserer Tage eine entscheidende Quelle für ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Vitalität. Dieser Trend wird speziell für Japan und Europa zunehmend problematisch, da hier die Zahl junger Arbeitnehmer bereits abnimmt. Die überalterten Städte Japans haben wachsende Schwierigkeiten im Wettbewerb mit chinesischen Metropolen, die ständig neue Energie aus dem Zustrom ehrgeiziger, junger Familien aus ihrem gewaltigen Hinterland ziehen. Unter diesen Umständen fällt es schwer, der bislang dominanten italienischen Modeindustrie eine grosse Zukunft vorauszusagen. Auch Japan wird seine Führungsposition als Produzent der ostasiatischen Unterhaltungskultur verlieren, da in beiden Nationen die Zahl der Jugendlichen abnimmt. Im Lauf der Zeit werden wirtschaftlich vitale Städte wie Houston, Dallas, Phoenix, Shanghai, Peking, Mumbai oder Bangalore auch ihre eigene Ästhetik produzieren.
Auf viele Städte der flüchtigen kulturellen Reize dürften obendrein schwerwiegende soziale Konflikte zukommen. Eine auf Unterhaltung, Tourismus und «kreative» Funktionen ausgerichtete Ökonomie offeriert nur einem schmalen Segment der Bevölkerung Aufstiegschancen. Auf die Kulturförderung und den Bau spektakulärer Architektur fixiert, könnten Stadtverwaltungen dazu neigen, weniger glamouröse Gebiete wie die Schulbildung oder die Infrastruktur zu vernachlässigen. Dieser Pfad wird zur Spaltung in «Doppelstädte» führen, in denen sich eine kosmopolitische Elite und die grosse Klasse derjenigen gegenüberstehen, die ihnen für ein geringes Gehalt dienen.
Um die Gefahren einer ephemeren Zukunft zu vermeiden, dürfen Städte die für ihre wirtschaftliche Vitalität grundlegenden Elemente nicht vernachlässigen. Eine geschäftige Stadt muss mehr sein als ein Konstrukt von Ablenkungen für im Kern nomadische Populationen: Sie bedarf engagierter und verantwortungsvoller Bürger, die ihre finanzielle und familiäre Zukunft an die ihrer Metropole binden. Eine erfolgreiche Stadt muss nicht nur schicken Clubs, Museen und Restaurants eine Heimat bieten, sondern auch spezialisierten Unternehmen, selbstständigen Geschäftsleuten, Schulen und Quartieren, die vital genug sind, sich in kommenden Generationen zu erneuern.
Sicherheit und die urbane Zukunft
Kein urbanes System kann auf lange Sicht Chaos überleben. Erfolgreiche Städte blühen unter starken Regierungen, die ihnen Recht und Ordnung geben. Bürger sollten sich persönlich zumindest halbwegs sicher fühlen. Sie bedürfen zudem verantwortungsbewusster Autoritäten, die fähig sind, die Einhaltung von Verträgen zu gewährleisten und grundlegende Verhaltensregeln im Wirtschaftsleben durchzusetzen. Ein robustes Sicherheitsregime ist als Grundlage für die Revitalisierung urbaner Gebiete unentbehrlich. Am Ende des 20. Jahrhunderts hat die stark gesunkene Kriminalität erheblich zur Erneuerung amerikanischer Städte beigetragen. New York ist dafür nur ein Beispiel. Gelungen ist dies durch neue Polizei-Methoden und die Entschlossenheit der Stadtväter, die öffentliche Sicherheit zu ihrer höchsten Priorität zu machen. So erlebten die 1990er Jahre den stärksten Rückgang von Kriminalität in der amerikanischen Geschichte. Dies trug massgeblich zum Wachstum des Tourismus und sogar zu einer – allerdings recht bescheidenen – demografischen Wende in einigen Grossstädten bei. Nach den verheerenden Unruhen im Jahr 1992 ist es sogar Los Angeles gelungen, das Verbrechen zurückzudrängen und eine deutliche demografische und wirtschaftliche Erholung der Stadt einzuleiten.
Doch während sich die Sicherheitslage in US-Metropolen verbesserte, nahmen neue Gefahren für die Zukunft der Stadt in den Entwicklungsländern Form an. Zum Ende des 20. Jahrhunderts nahm die Kriminalität in Mega-Städten wie Rio de Janeiro und São Paulo die Form von «urbanen Guerilla-Kriegen» an, um einen Sicherheitsexperten zu zitieren. Drogenhandel, Gangs und allgemeine Gesetzlosigkeit herrschen heute auch in vielen Teilen von Mexiko-Stadt, Tijuana oder San Salvador. Eine derartige Erosion von Sicherheit und Ordnung trifft das städtische Leben in seinem Kern. Die Angst vor Kriminalität und unberechenbaren Sicherheitskräften schreckt ausländisches Kapital ab oder motiviert zu Investitionen in sichereren Zonen ausserhalb der Städte. Sogar in halbwegs sicheren Ländern motivieren «kleptokratische» Bürokratien Unternehmen dazu, Staaten aufzusuchen, in denen ihre Investitionen ein berechenbares Umfeld finden.
Noch bedrohlicher dürften die Auswirkungen der verschmutzten Umwelt und der wachsenden Gesundheitsprobleme in vielen Städten der Entwicklungsländer sein. Dort müssen mindestens 600 Millionen Städter derzeit ohne jeden Zugang zu Abfall- und Abwasserentsorgung oder Gesundheitsversorgung auskommen. Diese Populationen werden so zu natürlichen «Brutherden» tödlicher Infektionskrankheiten, gegen die weder eine andere Staatsangehörigkeit noch Reichtum helfen. Diese Gefahren bewegen einheimische Eliten und ausländische Investoren dazu, gesündere und geschützte Lokalitäten ausserhalb der Städte oder gar der Landesgrenzen aufzusuchen.
Die Bedrohung durch Terrorismus
Die tödlichste Gefahr für die Sicherheit der Städte in aller Welt geht heute akut vom islamischen Nahen Osten aus. Hier haben sich die aus den Entwicklungsländern insgesamt vertrauten Probleme mit enormen sozialen und politischen Verschiebungen aufgeladen. Indem sie während des 20. Jahrhunderts versucht haben, westliche Modelle der Stadtentwicklung zu übernehmen, haben zahlreiche islamische Metropolen traditionelle Bande von Nachbarschaft und Gemeinde geschwächt, ohne sie durch moderne oder gesellschaftlich tragbare Gegengewichte zu ersetzen.
Laut dem Historiker Stefano Bianca hat dieser Wandel «die formenden Kräfte kultureller Identität geschwächt» und Populationen zurückgelassen, die sich zunehmend von ihrer westlichen Umgebung entfremdet fühlen. Dies hat zu einer Verschärfung politischer Konflikte geführt, vor allem der Auseinandersetzung mit dem wirtschaftlich und militärisch fortgeschrittenen Israel. Die Hoffnungen muslimischer und speziell arabischer Städte wurden immer wieder nicht nur durch wirtschaftliche, soziale und ökologische Fehlschläge zerstört, sondern auch ein ums andere Mal durch die Erniedrigung auf dem Schlachtfeld. Islamische Gesellschaften haben überdies in hohem Masse bei der Anpassung an die kosmopolitischen Standards versagt, die beim globalen Wettbewerb unablässlich sind. Beirut, die in dieser Hinsicht am besten positionierte arabische Stadt, ist an dem langen Bürgerkrieg in Libanon gescheitert und unternahm erst Ende der 1990er Jahre einen neuen Anlauf zur Erneuerung. Anderen, potenziell erfolgreichen Städten wie Kairo und Teheran gehen immer noch die soziale Stabilität und das transparente Rechtswesen ab, die für ausländische Investoren unabdingbar sind. Sogar die am effektivsten geführten Staaten am Persischen Golf weisen immer noch politische und rechtliche Systeme auf, die deutlich unberechenbarer sind als die im Westen sowie in asiatischen Städten wie Singapur, Taipeh, Seoul oder Tokio.
In diesen problematischen Milieus ist die wohl grösste Gefahr für die Zukunft moderner Städte entstanden: der islamistische Terrorismus. Im Gegensatz zu dem von Autoren wie Frantz Fanon in den 1960er Jahren propagierten «antiimperialistischen» und «antikolonialistischen» Kämpfen lehnt der islamistische Terror die westliche Kultur und die westliche Stadt als deren Inbegriff radikal als teuflisch, ausbeuterisch und unislamisch ab. Die Führer der Terror-Gruppen werden zu Recht als «zornige Söhne einer gescheiterten Generation» bezeichnet: Männer, die miterleben mussten, wie sich der säkulare Traum von arabischer Einheit in Korruption, Armut und sozialem Chaos auflöst. Sie haben ihren Zorn meist nicht in der Wüste oder in Dörfern entwickelt, sondern in islamischen Metropolen wie Kairo, Jeddah, Karatschi oder Kuwait.
Einige dieser Terroristen haben viele Jahre in urbanen Zentren im Westen verbracht, etwa in New York, London und Hamburg. Ihre dortigen Erfahrungen scheinen ihren Zorn auf die Metropolen des Westens nur verstärkt zu haben. Ein in New York lebender Terrorist aus Ägypten sprach bereits 1990 davon, «ihre Säulen zu zerschmettern, die touristische Infrastruktur und ihre hohen Weltgebäude, auf die sie so stolz sind». Elf Jahre später hat dieser Zorn die städtische Welt bis in ihre Fundamente hinein erschüttert. Seit «9/11» überdenken Individuen und Unternehmen, ob es sinnvoll ist, in der Nähe primärer Terror-Ziele zu leben. Von sozialem und wirtschaftlichem Wandel bedroht, müssen sich Städte und ihre Bewohner in aller Welt heute mit der permanenten Gefahr physischer Zerstörung auseinandersetzen.
Die Stadt als sakraler Ort
Die Geschichte der Stadt ist von Gefahren für ihren Wohlstand und ihr Überleben gekennzeichnet. Auch die primäre Bedrohung unserer Tage – lose organisierte Banden – ist nicht neu. Städte haben am schwersten nicht unter den Angriffen organisierter Staaten gelitten, sondern unter nomadischen Völkern oder sogar kleinen Räuberscharen. Doch trotz dieser Gefahren hat das urbane Ideal ein bemerkenswertes Stehvermögen demonstriert. Entschlossene Städtebauer liessen sich nur selten von Angst abhalten. Für jede Stadt, die Kriegen, Seuchen oder Naturkatastrophen zum Opfer gefallen ist, wurden viele andere neu erbaut, und das oft mehrfach. Auch heute lassen sich die Planer in New York, Shanghai oder Tokio durch die Terroristen nicht von ihren ehrgeizigen Projekten abschrecken.
Doch wesentlich bedeutsamer als Neubauten dürfte es für die Zukunft der Stadt sein, ob ihre Bewohner eine tiefe und komplexe Bindung an ihr urbanes Umfeld entwickeln können. Grosse Bauten oder ein vorteilhafter Standort an Flüssen, dem Meer, Handelswegen, einer grünen Landschaft oder Autobahnen geben Städten eine gute Ausgangsposition. Aber ihr langfristiger Erfolg beruht auf anderen Grundlagen. In letzter Konsequenz muss jede Stadt ganz eigene Qualitäten aufweisen, die sie von anderen abheben und ihren Bewohnern eine starke, gemeinsame Identität verleihen. «Die Stadt ist ein Geisteszustand», wie der grosse Soziologe Robert Ezra Park einmal gesagt hat: «Ein Corpus von Gebräuchen und unorganisierter Haltungen und Gefühlen.»
Ob in traditionellen Stadtkernen oder in den Neubaugebieten der wachsenden Peripherien – der langfristige Erfolg eines Ortes hängt heute, wie in der Antike, immer noch von diesen Fragen der Identität und der Gemeinschaft ab. Die ersten Städter mussten sich mit Schwierigkeiten auseinandersetzen, die deutlich von denen nomadischer Gesellschaften oder ländlicher Dörfer unterschieden waren. Städter mussten lernen, mit Fremden zu leben und zu interagieren, die nicht ihrem Klan oder Stamm angehörten. Dies erforderte die Entwicklung neuer Regeln für das angemessene Verhalten in der Familie, im Handel und im gesellschaftlichen Verkehr. In frühesten Zeiten übernahm das Priestertum die Führung auf diesem Gebiet. Indem sie sich auf eine göttliche Autorität beriefen, waren sie in der Lage, Regeln für die heterogene Bevölkerung eines bestimmten urbanen Zentrums festzulegen. Herrscher zogen ihre Macht aus dem Anspruch, dass ihre Stadt der Sitz bestimmter Götter sei. Die Heiligkeit einer Stadt war verknüpft mit ihrer Rolle als Zentrum der Gottesverehrung.
Die klassischen Städte waren fast überall auf der Welt von Religion durchdrungen und von ihr geleitet. In den Worten des klassischen Historikers Fustel de Coulanges haben «Städte nicht danach gefragt, ob die von ihnen übernommenen Institutionen nützlich waren: Diese wurden übernommen, weil dies dem Wunsch der Götter entsprach.» In der heutigen Diskussion über den Zustand der Stadt wird diese sakrale Rolle häufig ignoriert. Für Städter aller Zeiten von der Antike bis in die viktorianische Epoche wäre dies unvorstellbar gewesen. Doch heute reden Architekten, Planer und Bauunternehmer, die dem «neuen Urbanismus» anhängen, häufig und überzeugend von der Notwendigkeit grüner Flächen in der Stadt, von der Bewahrung historischer Bauten und ökologischer Verträglichkeit. Aber im Gegensatz zu den progressiven Reformern des viktorianischen Zeitalters – denen diese Anliegen bereits am Herzen lagen – ist heute nur allzu selten von der Notwendigkeit einer machtvollen, moralischen Vision zu hören, die eine Stadt im Innersten zusammenhält.
Dieses Defizit ist eine natürliche Folge der heutigen urbanen Szenerie, die auf modische Trends, Stilfragen und die Verehrung des Individuums – statt einem Fokus auf Familien oder stabile Gemeinschaften – abgestellt ist. In der akademischen Literatur zu urbanen Fragen dominiert heute eine postmoderne Perspektive, die gemeinsame Werte als Grundlage städtischen Lebens noch aggressiver ablehnt und als illusorisch denunziert. Als typische Stimme sei ein deutscher Professor zitiert, der den Ruf nach einer moralisch-sakralen Dimension höhnisch als Wunsch nach einem «christlich-bourgeoisen Mikrokosmos» abtut. Wenn sich eine derart nihilistische Attitüde weiter Bahn bricht, könnte sie für die Zukunft der Stadt so bedrohlich werden wie die schlimmsten Terror-Anschläge. Ohne die Grundlage gemeinsamer Überzeugungen ist die urbane Zukunft schwerlich vorstellbar. Auch in der postindustriellen Epoche hängt das Schicksal einer Stadt immer noch von einem «Konzept der öffentlichen Tugend» und damit den «klassischen Fragen der Polis» ab, um den Soziologen Daniel Bell zu zitieren.
In der westlichen Welt beruhte der Erfolg von Städten auch für Bell auf den Grundlagen der klassischen Ideale und jenen der Aufklärung: eine unabhängige Justiz, Glaubensfreiheit, das Grundrecht auf Eigentum. Dies hat die Eingliederung fremder Kulturen und die Überwindung immer neuer wirtschaftlicher Herausforderungen ermöglicht. Werden diese essenziellen Prinzipien zerstört, sei es nun im Namen der Marktwirtschaft, eines ethno-kulturellen Separatismus oder religiöser Dogmen, so dürfte die heutige Stadt in der westlichen Welt an den enormen, vor ihr liegenden Problemen scheitern. Damit soll nicht gesagt werden, dass das westliche Modell der einzig denkbare, vernünftige Weg hin zu einer dauerhaften städtischen Ordnung darstellt. Historisch haben heidnische, muslimische, konfuzianische, buddhistische oder hinduistische Gesellschaften erfolgreiche Stadtmodelle entwickelt. Die kosmopolitische Stadt entstand lange vor der Aufklärung: Das heidnisch-griechische Alexandria mag ihre erste Inkarnation darstellen, aber sie trat danach in Indien und China ebenso auf wie in der muslimischen Welt.
Die vermutlich erfolgreichste Stadtentwicklung unserer Tage vollzieht sich unter einem neo-konfuzianischen Glaubenssystem, das den aus dem Westen importierten wissenschaftlichen Rationalismus heranzieht. Diese Kombination, eine Mischung aus Modernität und Tradition, überwand allmählich den auf die Zerstörung der chinesischen Kulturtradition zielenden Maoismus. Dennoch ringt China heute ebenso mit den schädlichen Folgen eines ungezügelten Kapitalismus wie der eigennützigen Korruption der herrschenden autoritären Eliten.
Für die islamische Welt steht zu hoffen, dass die Ablehnung westlicher Modelle den Rückgriff auf die eigene, glorreiche Vergangenheit eröffnet, die von kosmopolitischen Werten und einem Glauben an wissenschaftlichen Fortschritt geprägt wurde. Eine solche Rückbesinnung könnte zur Überwindung der Krise ihrer urbanen Zivilisation beitragen. Die uralte Metropole Istanbul mit ihren neun Millionen Einwohnern zeigt zumindest die Möglichkeit auf, eine im Kern muslimische Gesellschaft mit einem kulturell globalisierten Gesicht zu kombinieren. Kann sich ein solches, kosmopolitisches Modell gegen die Angriffe einer intoleranten Spielart des Islam durchsetzen, so sähe es deutlich besser für den städtischen Fortschritt im kommenden Jahrhundert aus.
Im Zeitalter der intensiven Globalisierung kommen Städte nicht umhin, ihre moralische Grundordnung mit der Fähigkeit zu versöhnen, unterschiedlichen Populationen eine Heimat zu bieten. In einer erfolgreichen Stadt müssen auch die Angehörigen anderer Religionen – wie die «Dhimmis» in der goldenen Epoche des Islam – erwarten können, dass die Staatsgewalt sie gerecht behandelt. Ohne diese Aussicht wird das Wirtschaftsleben unweigerlich einen Niedergang erleiden, wird sich die kulturelle und die technische Entwicklung verlangsamen und Städte werden sich von dynamischen Orten der menschlichen Interaktion in statische und letztlich zum Untergang verurteilte Konglomerationen zukünftiger Ruinen verwandeln.
Städte können nur gedeihen, wenn sie sich als sakrale Stätte etablieren, die grossen, heterogenen Menschenmengen Ordnung und Inspiration gibt. Die menschliche Bindung an Städte hat diese über 5000 Jahre lang zum primären Forum für politische und materielle Fortschritte gemacht. Bleibt diese Bindung erhalten, so wird es die Stadt sein – dieser uralte Ort, an dem das Sakrale, das Bedürfnis nach Sicherheit und das Wirtschaftsleben zusammenfinden –, in der die Zukunft der Menschheit noch auf viele Jahrhunderte geformt werden wird.


