Israels Milliardengeschäft
Die Verwaltungen der israelischen Krankenhäuser frohlocken. Der «medizinische Tourismus» – er betrifft Menschen, die sich zwecks ärztlicher Behandlung in ein anderes Land begeben – könnte sich für sie zu viel mehr als nur zu einer Nebenerscheinung entwickeln. Dieser Tourismus könnte zu einer echten Quelle von Einnahmen und Profiten für Israels Krankenhäuser werden. In diesen Tagen, in denen die Weltwirtschaft in einer Krise steckt, sind zusätzliche Einkommensquellen wichtiger denn je.
Eine wachsende Industrie
Dafür, dass eine Person aus medizinischen Gründen ins Ausland reist, gibt es verschiedene Gründe. Eine Behandlung jenseits der Landesgrenzen kann teilweise selbst unter Berücksichtigung der Reisekosten günstiger sein. Vielleicht ist die gewünschte Behandlung im Heimatland des Patienten illegal, nicht verfügbar, oder sie steht in Misskredit. Möglicherweise glaubt der Patient daran, dass der gleiche Eingriff im Ausland besser ausgeführt wird.
Welches auch immer die Gründe sein mögen, es handelt sich um eine wachsende Industrie. Jedes Jahr reist weltweit rund eine Million «medizinischer Touristen» in 35 Staaten, wo sie ärztliche Betreuung suchen. Israel gehört mehr und mehr auch zu diesen Ländern. Die beliebtesten Destinationen sind heute Ungarn, die Emirate am Persischen Golf, Indien, Thailand, Singapur, Malaysia, Südafrika, Costa Rica, Brasilien und Mexiko. An der Spitze der nachgefragten Behandlungen stehen zahnärztliche Dienste, kosmetische Eingriffe und orthopädische Behandlungen.
Der medizinische Tourismus erwirtschaftet heute bereits Dutzende Milliarden Dollar pro Jahr, und die Tendenz ist steigend. In den nächsten zehn Jahren dürfte ein Umsatz von 100 Milliarden erreicht werden. Kein Wunder, dass zahlreiche Staaten daran interessiert sind, von dieser Entwicklung zu profitieren.
Patienten aus den USA im Visier
In Israel steckt der medizinische Tourismus bislang noch in den Kinderschuhen, auch wenn Bemühungen unternommen werden, um die Branche anzukurbeln. Obwohl der Gaza-Krieg noch im Gange war, kamen im Januar Vertreter der Medical Tourism Association nach Israel, um sich über die Krankenhäuser und die Qualität des lokalen Gesundheitswesens zu informieren. Die Gäste besuchten das medizinische Zentrum Tel Hashomer, das Beilinson-Krankenhaus, das Assuta-Zentrum in Tel Aviv und das Hadassa-Krankenhaus in Jerusalem. Überall wurden sie von den Verwaltungsspitzen empfangen.
Im Jahr 2008 reisten rund 35 000 medizinische Touristen nach Israel und generierten dabei für die Krankenhäuser Einnahmen von rund 100 Millionen Dollar. Die meisten der Patienten stammten aus Osteuropa, der ehemaligen Sowjetunion, aber auch aus den Balkanstaaten. Die israelischen Krankenhäuser haben inzwischen ihre Aufmerksamkeit auf eine noch reichere potenzielle Kundschaft gelenkt: auf die medizinischen Touristen aus den USA. Rund 50 Millionen Amerikaner leben ohne Krankenversicherung, und die hohen Kosten des US-Gesundheitswesens lassen ihnen nur zwei Alternativen: auf eine Versicherung zu verzichten oder die Pflege anderswo zu suchen. Aber auch Patienten, die über eine Versicherung verfügen, könnten sich aus Preis- und Qualitätsgründen veranlasst sehen, sich im Ausland behandeln zu lassen. Die Finanzberatungsgesellschaft Deloitte schätzt, dass 2007 mindestens 750 000 Amerikaner aus medizinischen Gründen ins Ausland reisten. Bis zum Jahr 2010 könnte diese Zahl nach Ansicht der Gesellschaft auf sechs Millionen steigen.
Wahldestination Israel
Inzwischen hat auch die israelische Regierung das hier verborgene Potenzial erkannt. In der Regel reisen medizinische Touristen nicht alleine. Sie kommen vielmehr mit Familienmitgliedern, die ebenfalls als Touristen gelten. Ihre Präsenz im Land beginnt und endet nicht mit dem Aufenthalt ihrer Verwandten im Krankenhaus. Viele von ihnen machen Ausflüge, wohnen in Hotels, essen in Restaurants und lassen somit Geld in Israel.
Bei der Medical Tourism Association handelt es sich um eine internationale Organisation, die Patienten mit Gesundheitszentren in Verbindung bringt, welche ihre Bedürfnisse befriedigen können. Zu den Mitgliedern der Organisation zählen Krankenhäuser und Vermittler von Gesundheitsdiensten in aller Welt, Versicherungsgesellschaften sowie Unternehmen, die Gesundheitsdienste vermitteln. Die Organisation überprüft die Qualität der Spitäler und des touristischen Angebots in den Ländern, in welche sie ihre Mitglieder schickt. Der Israel-Besuch der Delegation war von Israel Scientific Instruments (ISI) organisiert worden, einer Firma, die ihre Aktivitäten unlängst auf den medizinischen Tourismus ausgedehnt hat. Zusammen mit der Medical Tourism Association glauben Vertreter von ISI, dass Israel für die Kranken in aller Welt ein grosses Potenzial darstellt, auch wenn die Preise hier höher liegen als beispielsweise in Thailand und Indien, zwei Staaten, die zu Hochburgen des medizinischen Tourismus geworden sind.
Wie kann Israel zu einer Wahldestination für medizinische Touristen aus den USA werden, wenn diesen auch exotische, kostengünstige Orte wie Thailand, Indien oder Singapur zur Verfügung stehen? Für Na¬thalie Steiner von ISI hat letztlich alles mit dem Marketing zu tun. «Wenn wir uns darauf konzentrieren, die touristischen Elemente, von denen Israel so viele besitzt, mit der hohen Qualität des Gesundheitswesens im Lande zu kombinieren, könnte Israel bald eine zentrale Rolle im medizinischen Tourismus spielen.» Krankenhäuser konkurrieren bereits im Kampf um medizinische Touristen, doch laut Steiner ist es ausschlaggebend, eine geeinte Front zu präsentieren, anstatt getrennte Wege zu gehen. So könne Israel als einheitliche Tourismus-Destination mit einem speziellen medizinischen Aspekt vermarktet werden.


