Die Spielregeln werden sich ändern
Für seine spektakuläre Inaugurationsrede gebührt Barack Obama der Oscar aller Oscars. Und seine beeindruckende Sprache sollte ihm den Nobelpreis eintragen. Seine Worte machten die Runde um die ganze Welt, und seine Versprechungen widerhallten im All. Seine Baritonstimme und sein strahlendes Gesicht verbreiteten eine Hoffnung, deren Ursprung in einer seltenen Verbindung von Hirn und Herz zu liegen schien. Die Millionen, die sich bei einer Temperatur von minus sieben Grad Celsius versammelt hatten, wollten diese Botschaft hören, sie mit ihren eigenen Augen verfolgen.
Obamas Rede war eine Mischung von Euphorie und Realismus. Angesichts der hoch fliegenden Hoffnungen und der Erwartung des Publikums – jeder und jede mit seinen und ihren eigenen Präferen-zen –, der Messias stehe praktisch vor der Türe, war Obama vorsichtig genug und sah von konkreten Zusagen ab. Wahrscheinlich hatte er recht. Grosse Schiffe schaffen scharfe Kurven nicht bei hohem Tempo. Und vergessen wir nicht: Er hat acht Jahre vor sich.
Jeder an der Zeremonie Anwesende hörte, was er wollte. Juden in der Menge machten sich vielleicht ihre Gedanken darüber, dass Israel nie erwähnt wurde. Oh weh! Obama berührte alle globalen Probleme, doch er betonte, dass die Spielregeln und die Prioritätenordnung sich ändern würden. Obama wird sich vielleicht zum grössten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten durchmausern, doch wird er, von unserer egoistischen israelischen Perspektive aus betrachtet, kein George W. Bush werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein israelischer Premierminister Barack Obama aus einem Treffen hinausrufen liesse, wie Olmert das mit Bush getan hat, und ihn ersucht, die Aussenministerin anzuweisen, gegen eine Uno-Resolution zu stimmen. Ganz zu schweigen von der öffentlichen Debatte, die dieses Benehmen ausgelöst hat. Solche Eskapaden werden nicht funktionieren, jetzt, da im State Department ein so harter Brocken wie Hillary Clinton sitzt. Und ich sehe auch nicht, wie jetzt, da Obama am Ruder ist, israelische Politiker mit Präsidenten oder Israel-Freunden im Kongress Deals ausarbeiten, wie sie dies bis anhin zu tun pflegten.
Obamas Worte enthielten eine klare Botschaft: Die Spielregeln werden sich ändern, und diese neue Realität wird eher Dialog und Konzessionen erfordern als den Einsatz von Kraft. Obamas Engagement für Israel wird zumindest fürs Erste nicht das gleiche sein wie jenes seiner Vorgänger, und sei es auch nur aufgrund seines Alters und seiner Abstammung.
Einige seiner Vorgänger betrachteten Israel als echten Alliierten, als Amerikas «Flugzeugträger an vorderster Front» inmitten einer Region, in der die USA verhasst sind, in der die Attentäter lebten, welche die Zwillingstürme von Manhattan zum Einsturz brachten und wo Terroristen und andere leben, die den Interessen Amerikas schaden. Obamas Engagement für den Staat Israel ist aber keine feste Grösse, wie sie es für frühere Präsidenten war. In seiner Vergangenheit entdecken wir keine Anzeichen für spezielle Gefühle für die Juden.
Präsident Jimmy Carter beispielsweise war kein Fan der israelischen Politik, doch hatte er eine tiefe religiöse Verpflichtung den Juden gegenüber. Nie vor ihm hatte ein Präsident so viel Zeit, Energie und persönliches Engagement in die Bemühungen um ein Friedensabkommen zwischen Israel und Ägypten investiert. Über die Jahre hinweg haben die israelischen Staatsmänner es ihm aber nie vergeben, dass die USA unter ihm das Recht der Palästinenser auf einen auf den Grenzen von 1967 basierenden Staat anerkannt haben.
Eine ganze Reihe amerikanischer Präsidenten – Harry S. Truman, Lyndon B. Johnson, Ronald Reagan, Bill Clinton und George W. Bush sowie viele Kongressabgeordnete – haben ein gewisses Mass an Freundlichkeit sowie Interesse an Israel gezeigt. Sogar Präsident Richard Nixon, der, gelinde gesagt, Juden nicht liebte und dessen auf den Watergate-Bändern aufgenommene Konversationen voller grober Bemerkungen über Juden sind, gab das grüne Licht für die Luft¬brücke, welche Israel im Jom-Kippur-Krieg rettete. Er erkannte die strategische Wichtigkeit eines starken Staates Israel.
Obama ist, wie bereits erwähnt, nicht in solch emotionale Beziehungen zu Israel verstrickt. Sein Alter und seine Abstammung sind sicher Faktoren, doch hinzu kommt, dass die Pro-Israel-Lobby AIPAC schlief, während Obama gross wurde. Ungeachtet allen Weltgeschehens und der globalen Wirtschaftskrise werden für Israel die kommenden Jahre durch Herausforderungen in Sachen Verteidigung geprägt sein. Obama empfindet Israel gegenüber nicht die gleichen biblischen Gefühle wie etwa Clinton oder Bush.
Unter den Leuten, die Obama ernannt hat, finden sich einige Experten für die Vorgänge in Israel, und ihnen schweben konkrete Vorstellungen hinsichtlich der Konzessionen vor, die Israel ihrer Meinung nach eingehen muss. Für diese Experten ist sogar Ehud Barak allzu rechtsgerichtet. In der Praxis wird Hillary Clinton die am meisten in unsere Angelegenheiten verwickelte Person sein. Es ist entscheidend, mit ihr und nicht gegen sie zu arbeiten. Wir sollten auch nicht versuchen, sie über den Präsidenten oder den als Israelfreund geltenden Vizepräsidenten zu umgehen. Wir müssen die Art ändern, mit der wir das Spiel spielen.
In anderen Worten müssen wir uns dieser neuen Administration gegenüber anders benehmen. Wie die Igel beim Liebesakt müssen wir sehr vorsichtig zu Werke gehen. Die nächste israelische Regierung muss sich sehr in Acht nehmen und darf nichts überhastet tun. Sie muss den Brauch an den Nagel hängen, den Amerikanern erzählen zu wollen, was gut für diese ist.
Obama wird vielleicht versuchen, die akutesten Sicherheitsprobleme mit der Hizbollah, der Hamas, mit Syrien und Iran zu lösen, indem er zum Dialog aufruft oder die Prioritäten ändert, doch sollten wir uns daran erinnern – und es auch der Welt ins Gedächtnis zurückrufen –, dass die iranischen Zentrifugen sich derzeit emsig
Joel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».


