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30. Januar 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 05 Ausgabe: Nr. 5 » January 29, 2009

Die Revolution von 1979

von Behrouz Khosrozadeh, January 29, 2009
Der Sturz des Schahs in Iran und die darauf folgende Iranpolitik legten den Grundstein für die weitere Entwicklung des Landes, das heute für viele zu einer Art Schreckgespenst der Weltpolitik geworden ist. Ein Rückblick.
AYATOLLA KHOMEINI In Erinnerung an das ehemalige iranische Staatsoberhaupt an dessen zwölftem Todestag

Im Januar und im Februar 1979 waren historische Monate für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am 16. Januar verliess der iranische Schah Mohammad Reza Pahlavi aufgrund der landesweiten heftigen Proteste gegen sein Regime das Land. Am 1. Februar kehrte Ayatollah Khomeini aus dem Exil zurück, und die Revolution siegte am
11. Februar. Auf dem Teheraner Flughafen hatten die Generäle des Schahs mit weinenden Augen noch einmal ihre Besorgnis über seine Flucht ins Exil kundgetan. Sie befürchteten in seiner Abwesenheit den Sturz der vom Schah eingesetzten neuen Regierung unter Premier Schahpur Bakhtiar und das Ende der Monarchie. Doch Bakhtiar, Vizepräsident der Nationalen Front Irans, die der Schah jahrelang verboten hatte, hatte die Abreise des Schahs zur Bedingung der Annahme seines Amtes als Regierungschef gemacht. Zuvor hatten bereits die USA über ihren Botschafter in Teheran, William Sullivan, den Schah zum Verlassen des Landes gedrängt. Das schrieb der Schah in seinen Memoiren. Eine informelle Gipfelkonferenz der Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Grossbritannien, den USA und der Bundesrepublik im französischen Guadeloupe am 5. und 6. Januar 1979 über das Schicksal des Schahs ging dem Druck auf den Schah zum Verlassen des Landes voraus. Im Dezember 2008 freigegebene Akten aus britischen Archiven zeigen, dass die Regierungen der USA und Grossbritanniens einen Sturz der Monarchie noch ein paar Wochen vor dem Ende für nicht absehbar hielten.

Eine Revolution ohne Not

Dabei schien noch ein Jahr zuvor alles in bester Ordnung. Am 31. Dezember 1977 besuchte der amerikanische Präsident Jimmy Carter mit Gattin Rosalynn Iran. Carter hat dort dem Schah überraschend mit ungewöhnlichen Worten gehuldigt. Für ihn sei der Schah das meistrespektierte Staatsoberhaupt der Welt und Iran sei eine «Insel der Stabilität». Carters Worte haben selbst die US-Delegation überrascht. Denn bis dato herrschte eine unterkühlte Beziehung zum Schah, der im Wahlkampf 1976 Carters republikanischen Rivalen Gerald Ford massiv finanziell unterstützt hatte. Jimmy Carters Menschenrechtsparolen und seine Doktrin, mehr Stabilität bei den Verbündeten in der Dritten Welt durch umfassende Reformen statt einer Politik der eisernern Faust, hatten den Monarchen beunruhigt.
Carters Besuch bestärkte den Schah in seiner Überheblichkeit. Nur sechs Tage danach liess der Schah in der grössten iranischen Zeitung «Ettelaat» einen Artikel veröffentlichen, in dem der noch im Exil weilende Ayatollah Khomeini mit wüsten Beleidigungen belegt wurde – eine völlig unnötige Provokation. Der Lastwagen, der die «Ettelaat» in die heilige schiitische Stadt Qom bringen sollte, erreichte die Stadt nicht, sondern wurde vor ihren Toren in Brand gesteckt. Proteste der Mullahs in Qom liess der Schah brutal niederschlagen. Mehrere Personen starben. Die schiitischen Trauerrituale am 7. und 40. Todestag wurden dem Kaiser zum Verhängnis. Jeder Todestag der Demonstranten wurde zu einem Massenprotest. Der Name von Ayatollah Khomeini war den meisten Iranern vor dem Erscheinen dieses Artikels nicht geläufig. Bereits im Herbst 1977 hatten einige prominente iranische Persönlichkeiten in einem offenen Brief den Schah vor den Folgen seiner Alleinherrschaft gewarnt. Der Schah nahm das nicht zur Kenntnis. Einer von ihnen war Schapur Bakhtiar, den der Schah notgedrungen und zu spät am 4. Januar 1979 zum Premier kürte. Der Schah konzedierte im Herbst 1978, die «Stimme der Revolution» gehört zu haben, und bekannte sich zu umfassenden Reformen und freien Wahlen. Doch weder das hoch emotionalisierte Volk noch die Revolutionsführung, nun unter Ayatollah Khomeini, waren zu einem Arrangement bereit. Der Zug der Revolution war nicht aufzuhalten. Am 8. September 1978, dem «schwarzen Freitag», kam es zum Blutbad am Jaleh-Platz in Teheran, was eine Versöhnung mit der Krone endgültig unmöglich machte.  

Streitbare Iranpolitik

Das grösste Pech der Monarchie bestand darin, dass sie zu diesem schicksalsschweren Zeitpunkt eine mit einer unentschlossenen, konfus agierenden und in sich zerstrittenen US-Administration zu tun hatte. Der Streit über die Iranpolitik zwischen Außenminister Vance und dem Nationalen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski irritierte den Schah und nahm ihm die Handlungsfähigkeit. Carters Menschenrechtspolitik im Bezug auf Iran hätte funktionieren können, wenn sie zwei oder drei Jahre vor 1977 eingesetzt hätte. Seine Vorgänger, Ford und Nixon hatten den Schah mit modernsten Waffen überschüttet und ihn mit ihrer bedingungslosen Unterstützung in seiner Überheblichkeit gestärkt.
Iran steckte 1978/79 in der Krise, auch wenn es, verglichen mit vielen anderen Staaten der Dritten Welt im Revolutionszustand, die wenigsten Probleme hatte. Trotz der leichten Wirtschaftskrise steuerte das Land unaufhaltsam auf Industrialisierungskurs, die Staatskasse war voll, die Mittelschicht satt, die Arbeiter hungerten nicht und die Lage der Frauen verbesserte sich immer mehr. Die Armee war nach der israelischen die stärkste in der Region. Der Schah unterhielt auch gut ausgebaute Beziehungen zum Ostblock und zu China. Iran war 1978 auch ein mustergültiges Beispiel für katastrophales Krisenmanagement, an der die Carter-Administration massgeblich beteiligt war.  

Die Folgen

Aus einem weltweit angesehenen Staat vor der Revolution, in dem sich die Staatsoberhäupter der Welt zu Besuchen die Klinke in die Hand gaben, ist Iran zum Schreckgespenst der Weltpolitik geworden. Der Freund Amerikas und Israels verwandelte sich über Nacht zum erbitterten Feind beider. Die Islamische Republik stellte mit dem Heraufbeschwören islamistischer Kräfte den Nahen Osten auf den Kopf. Bis auf zwei zuvor existierende und völlig unter Kontrolle ihrer Staaten stehende Gruppen, die Muslimbrüder in Ägypten und die Gamaat Islami in Pakistan, existierte kaum eine islamistische Gruppe. Die Hamas, die Hizbollah, die FIS in Algerien sind allesamt direkte oder indirekte Produkte der Islamischen Republik. Weltpolitisch mutierte der Gottesstaat mit seinem Atomprogramm zu einer Bedrohung der Weltsicherheit. Die Hoffnung auf bessere Zeiten für Iran bleibt angesichts der bestehenden internen Machtverhältnisse zugunsten der Konservativen ungewiss.  
Für Iran selbst erwies sich die Revolution als Desaster. Es hätte auch nicht gut gehen können, da die Revolutionsführung bis auf eine winzige Minderheit genauso wenig von Demokratie und Menschenrechten hielt wie der Schah selbst. Die Generäle, die den Schah am Teheraner Flughafen begleitet hatten, durften Recht behalten. Die Bakhtiar-Regierung hielt nur 37 Tage stand. Fast alle Generäle, die den Schah am Flughafen begleitet hatten, wurden unmittelbar nach der Revolution hingerichtet.





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