Obama und die Geschichte
Mut. Wie kein anderer US-Präsident orientiert sich Barack Obama sehr publikumswirksam an grossen Vorgängern, vor allem an Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt. Der erste Schwarze im Weissen Haus hat Lincoln in seinem Besteller «Hoffnung wagen» von 2006 als Inspiration zitiert und seinen Wahlkampf kurz danach wie einst «Honest Abe» vor dem alten Parlamentsgebäude in Springfield, Illinois, begonnen. Weitere Parallelen gibt es genug: Im Gegensatz zu fast allen anderen Präsidenten stammen Obama und Lincoln aus einfachen Verhältnissen. Beide begannen ihre Laufbahn in Illinois, sind schlank, hochgewachsen und zumindest nach Aussen mit einem ausgeglichenen Temperament gesegnet. Und beide glauben an die Möglichkeit einer permanenten Entwicklung und «Verbesserung» der eigenen Persönlichkeit. So trauten sich beide als klassische Selfmademen den Griff nach dem höchsten Amt im Lande zu. Dieser Weg an die Spitze ist in der amerikanischen Demokratie jedoch nur durch Kompromisse und die Loslösung von hinderlich gewordenen Überzeugungen und Weggefährten möglich – um hier nur an Obamas Pastor Jeremiah Wright aus Chicago zu erinnern.
Glaube. Das Beispiel von Pastor Wright ist lehrreich, auch weil es zu einer Differenz zwischen Obama und Lincoln führt. Viele seiner Anhänger betrachten Obama als Erfüllung des Versprechens, das Lincoln den Schwarzen mit ihrer Befreiung aus der Sklaverei gegeben hat. Sie vergessen, dass Lincoln erst am Ende des Bürgerkrieges 1865 bereit war, Schwarze als Mitbürger zu akzeptieren und bis im Jahr davor für ihre Aussiedlung nach Afrika oder die Karibik plädiert hat. Noch problematischer ist der Vergleich zwischen Obama und Lincoln bei ihrer Religion: Der 44. Präsident hat seinen Amtseid auf der Bibel Lincolns abgelegt. Aber in ihren zahlreichen Büchern zu Lincolns 200. Geburtstag am 12. Februar stimmen die Experten zumindest in dem Punkt überein, dass ihr Held dem christlichen Glauben sehr skeptisch gegenüberstand. Lincoln hat in jungen Jahren sogar ein Pamphlet gegen das Christentum verfasst, das er dann auf Rat politischer Freunde nie veröffentlicht hat. Obama versichert dagegen in «Hoffnung wagen» glaubhaft, dass ihm erst sein Eintritt in Wrights Kirche in Chicago den inneren Halt gab, der ihm seine einzigartige Karriere ermöglicht hat.
Entschlossenheit. Dennoch ist Obama wie vor ihm Lincoln ein grosser Pragmatiker, der Konflikte so lange wie irgend möglich durch Kompromisse zu überbrücken sucht. Allerdings hat «der Zaunholz-Spalter» als Oberkommandierender im Bürgerkrieg eine unerschütterliche Entschlossenheit gezeigt, die Obama erst vom Dienstagmittag dieser Woche an demonstrieren kann – und muss. Dabei will er sich offensichtlich an Roosevelt und seinem Motto «action, action, action» orientieren. Dieser hat 1933 in den legendären ersten 100 Tagen seiner Amtszeit eine Fülle von Gesetzen erlassen, um Amerika durch seine Tatkraft zumindest aus einer tiefen, mentalen Depression zu reissen. Als Yankee-Aristokrat von seiner persönlichen Überlegenheit ausgehend, war auch Roosevelt ein mitunter skrupelloser Pragmatiker und zu weitgehenden politischen Kompromissen fähig. Die reale Erholung der US-Wirtschaft unter Roosevelt kam jedoch erst durch den Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz dazu muss Obama einem Land wieder auf die Beine helfen, das durch einen sinnlosen und einen falsch geführten Krieg erschöpft worden ist. Dass er dabei aussenpolitisch bereit sein wird, Wahlversprechen etwa an die Adresse der Israel-Lobby hinter sich zu lassen, wird bei den grossen jüdischen Organisationen Amerikas bereits nervös diskutiert.


